24. Juli 2010
Rudolf Leopold ist tot. Diese Nachricht ist einen Monat alt und damit vor allem für Österreicher fast schon ein alter Hut. Doch für den dortigen Kunsthandel, namentlich für die Auktionshäuser, könnte dies weitreichende Konsequenzen haben. Schließlich war der Sammler, Stifter und Direktor auf Lebenszeit des nach ihm benannten Museums ein zuverlässiger Kunde und hartnäckiger Unterbieter für hochpreisige Ware heimischer Produktion. Wie in Deutschland der unbekannte Grieche mit seinem amüsanten Einkäufer, war Leopold in seinem Bereich für einen zweistelligen Prozentsatz der Einnahmen verantwortlich. Jetzt muss man an der Donau sozusagen auf eigenen Füßen stehen. Wie gut das funktioniert, wird sich erstmals in der zweiten Jahreshälfte erweisen.
Einstweilen freut sich das Dorotheum jedoch an einem Coup aus dem Altmeisterbereich. Der Mensch, der sich zwischen Tugenden und Lastern entscheiden muss von Frans Francken dem Jüngeren wurde im April bei einer Taxe von 400.000 bis 500.000 Euro mit rund 7,02 Millionen Euro inklusive Aufgeld das bis zu diesem Zeitpunkt weltweit teuerste Altmeistergemälde der Saison. Es ließ damit auch sämtliche Höchstpreise für Werke jener Kategorie in Kontinentaleuropa hinter sich und übertraf den neun Jahre alten Rekord von Gerrit Dou, erzielt bei Van Ham in Köln, um mehr als das Doppelte. Käufer war der Londoner Händler Johnny van Haeften, der den Einlieferer mit seinem Gebot an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht haben dürfte: Diesem war nämlich nicht bewusst gewesen, dass es sich bei seinem vermeintlichen Schinken um ein Hauptwerk des Künstlers handelte, das lange als verschollen galt.
Überhaupt war es die Saison der Altmeister im Dorotheum. Unter den 13 Werken, welche die zehn höchsten Preise erzielten (dreimal Lose mit je gleichem Ergebnis), waren nur drei jünger als 100 Jahre. Einen weiteren Brutto-Millionenzuschlag gab es für Guercinos Rinaldo und Armida (Taxe 400.000 – 600.000 Euro) mit einem Gebot über 1.042.300 Euro aus Russland. Immerhin die Plätze drei und vier nehmen zwei Werke der Moderne ein: Eine Landschaft Giorgio Morandis brachte 398.300 Euro (330.000 – 380.000 Euro), ein Kinderpaar von Paula Modersohn-Becker 375.300 Euro (170.000 – 220.000 Euro). Giacomo Balla, Tamara de Lempicka und etwas überraschend Koloman Moser landeten auf der Rückgangsliste – ein hoher Preis allein macht eben aus einem schwachen noch kein Spitzenwerk. Die zeitgenössische Kunst, in den letzten Jahren das Zugpferd des Dorotheums, rangierte in dieser Saison unter „ferner liefen“. Eine genagelte Sandinsel von Günther Uecker schaffte es mit einem Zuschlag bei 260.300 Euro (170.000 – 220.000 Euro) nur mit Ach und Krach auf die Bestenliste.
Rekordumsätze meldete das Unternehmen weiterhin für die Sparten Silber und Design, in der ein VorteXX-Leuchter von Zaha Hadid und Patrick Schuhmacher 151.800 Euro (110.000 – 130.000 Euro) brachte. Insgesamt ist eine Auflage von 25 Exemplaren für dieses Stück geplant, 13 wurden bisher hergestellt, das versteigerte ist die Nummer sechs. Damit scheint sich diese etwas zweifelhafte Art der Design-Vermarktung über Auktionshäuser etabliert zu haben. Immerhin lassen sich so wenigstens in dieser Sparte hohe Preise erzeugen. Als Einmal-Effekt trug zu deren gutem Abschneiden die Versteigerung der schwersten Goldmünze der Welt bei. Aus 100 Kilogramm Feingold war der Maple Leaf, der auf eine Million Kanadische Dollar lautete und im Juni für 3.270.000 Euro verkauft wurde. Das Auktionshaus verkündet zwar stolz ein Rekordhalbjahr – wie immer ohne genauere Angaben –, doch die Mittelware war bis hinauf in den hohen fünfstelligen Bereich wenig gefragt. Und das ist ein Umstand, der bedenklich stimmen sollte.
Unter hausgemachten Flops litt das Palais Kinsky. Auf 12,75 Millionen Euro ist der Umsatz aus drei Auktionen zurückgegangen – 14 Millionen waren es im Vorjahreszeitraum. Und das, obwohl allerorten die Konjunktur wieder kräftig angezogen hat. Das Programm ist zu regional und oftmals angesichts der Qualität zu hochpreisig. So fiel im Juni eine aus Deutschland akquirierte Sammlung mit Bleistiftzeichnungen nackter Männer von Anton Kolig fast vollständig durch, was die Quote natürlich gewaltig drückte. Den höchsten Zuschlag erzielte das Haus bereits im April, als sechs Buchillustrationen von Franz Sedlacek 287.500 Euro inklusive Aufgeld (90.000 bis 180.000 Euro) brachten. Das teuerste Einzelwerk rangiert nur knapp dahinter, das ovale Streichquartett von Max Oppenheimer. Geschätzt auf 100.000 Euro, erfolgte der Zuschlag im Juni bei 273.750 Euro. Immerhin einen beachtlichen Rekord gab es für Alexander Rothaug. Seine Entführung stieg von 35.000 auf 171.000 Euro. Bei den Zeitgenossen wurden sechsstellige Preise ebenfalls ausschließlich mit einheimischen Künstlern erzielt, so mit Fritz Wotruba, Rudolf Hausner und Arnulf Rainer. Wenn man sich auf einen starken Heimatmarkt stützen kann, macht das zwar unabhängig von der Weltkonjunktur. Doch hier gilt, wie auch für das Dorotheum: Wenn der heimische Sammler sein Geld zusammenhält, wird es schwer.
Da hatte es das kleine Auktionshaus Hassfurther besser, das mit 3,65 Millionen Euro im ersten Halbjahr fast so viel umsetzte wie im gesamten Vorjahr. Allein 650.000 Euro brutto spielte eine Totentanz-Version von Albin Egger-Lienz ein, gerade im Rahmen der Taxe. Ferdinand Georg Waldmüllers Zuflucht am Bildstock beim Nahen des Gewitters war für 463.600 Euro gut. Selbst mit einer Aktzeichnung Gutav Klimts für 140.300 Euro (40.000 bis 80.000 Euro) war der Einzelkämpfer erfolgreicher als der Händlerzusammenschluss im Kinsky an der Freyung zwei Straßen weiter.
Regionales Angebot kann also Fluch oder Segen sein. Diesmal hatte der Kleinste das längste Hölzchen gezogen. Im Dorotheum wird man sich anstrengen müssen, will man sich nicht auf Glücksfälle verlassen. Daher expandiert das älteste Auktionshaus des Kontinents seit Jahren ins benachbarte Ausland. Die vor einigen Jahren in Düsseldorf gegründete Dependance soll dem Vernehmen nach dabei die umsatzstärkste sein.