10. Juli 2010
Aufwärts ging‘s für die deutschen Auktionshäuser – wenn diese Beobachtung auch mit Einschränkungen gilt. Nicht alle Versteigerer und nicht alle Segmente profitierten von der jüngsten Marktentwicklung. Die Krise ist zwar nicht Auslöser, doch Katalysator für eine Entwicklung, die sich international abzeichnet, sei es bei den Global Playern Sotheby‘s und Christie‘s, sei es auf der Art Basel oder anderen großen Messen: Typische, perfekt erhaltene oder auch marktfrische Werke museal abgesicherter Künstler sind heiß begehrt.
Für die Auktionshäuser ist dies ein zweifelhafter Segen – denn einliefern will solche Ware niemand. Gefühlt gibt es zurzeit kaum bessere Anlagemöglichkeiten. Dadurch wird der Nachschub noch knapper. Das führte in der jüngeren Vergangenheit zu einem Boom der zeitgenössischen Kunst und einer allgemeinen wilden Spekulation mit immer jüngeren und poppigeren Positionen. Auf diesem Gebiet, das in Deutschland ohnehin kaum auf Auktionen gehandelt wird, hat sich der Markt wieder etwas beruhigt. Gleichzeitig möchte niemand mehr zweit- und drittklassige Ware haben. Im mittleren und unteren Segment ist Vieles nicht einmal mehr mit Preisabschlägen zu vermitteln.
Gut fährt, wer sich dieser Situation angepasst hat. Beispiel Ketterer Kunst: Im Neubau am Münchener Stadtrand wurden die meisten Aktivitäten konzentriert, viele Abläufe aus der überdimensionierten Hamburger Filiale hierher verlagert. Gleichzeitig wurde das Auktionsprogramm gestrafft. Das führte 2009 zu harten Einschnitten beim Umsatz. Dieses Jahr jedoch deutet sich die Wende an: Eine Zuschlagsumme von 12 Millionen Euro inklusive Aufgeld vermeldet man für das erste Halbjahr. Das sind gut 50 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Dabei hat die arbeitsintensive, weil kleinteilige, Sparte „Wertvolle Bücher – Manuskripte – Autographen – Dekorative Graphik“ praktisch nicht zulegen können, während die seit 2006 durchgeführten Abendauktionen einen immer größeren Anteil am Umsatz ausmachen. Dazu trugen nicht unwesentlich die drei teuersten Lose der Saison bei: Gabriele Münters Landschaft mit Sonnenblumen (Taxe 250.000 – 350.000/Zuschlag 390.000 EUR brutto), Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeffs Reptilien (250.000/378.200 EUR) und Günther Ueckers Feld (Haut) (200.000 – 300.000/353.800 EUR).
Van Ham in Köln setzt seit Jahren konsequent auf das Internet und die zeitgenössische Kunst, mit der beständig höhere Umsätze erzielt werden. Immer öfter können die Kölner auch gehobene Ware akquirieren. So konnte allein Rudolf Bauers Pink Circle aus dem Jahr 1938 mit Guggenheim-Provenienz unerwartet das Doppelte des bisherigen Auktionsrekords, nämlich 538.000 Euro brutto (Taxe 100.000 – 120.000 EUR), einfahren. Den überwiegenden Anteil machte jedoch solide Mittelware aus. Quasi nebenbei hatte man bei der alten Ware noch das teuerste Möbel der Saison im Katalog, einen Verwandlungstisch von David Roentgen, der 230.000 Euro einspielte (Taxe 60.000 EUR). Insgesamt konnte Van Ham seinen Umsatz steigern, er betrug im ersten Halbjahr 2010 knapp 10 Millionen brutto aufs Halbjahr, gegenüber 8,3 Millionen Euro im gleichen Zeitraum 2009.
Den Coup der Saison landete das Kunsthaus Lempertz in Köln, als es Teile der Sammlung des ehemaligen Vorsitzenden der Griffelkunst-Vereinigung, Carl Vogel, anbieten konnte. Die wegen Erb-Streitigkeiten um die Stiftung des Sammlers nicht unumstrittene Auktion wurde – wie nicht anders zu erwarten – zu einem großen Erfolg. Was passieren kann, wenn Provenienz, Qualität und Medienrummel eine besondere Mischung eingehen, war am deutlichsten bei der bekannten Skulptur Schlitten von Joseph Beuys zu beobachten: Die Taxe lag bei marktgerechten 40.000 bis 60.000 Euro. Schließlich handelt es sich hier um ein Auflagenobjekt (Ed. 50), das durchschnittlich diesen Preis bringt. Um dieses Exemplar stritten sich jedoch rund 15 Telefone, und der Hammer fiel erst bei 297.000 Euro. Gerhard Richters überarbeiteter Siebdruck Hund von 1968 brachte dabei einen höheren Preis als manches Gemälde desselben Künstlers: 243.000 Euro brutto (Taxe 20.000 – 30.000 EUR). Von dem Blatt, das damit zur teuersten Grafik des Künstlers wurde, existieren lediglich acht plus zwei Exemplare, alle mit Unikatcharakter. Die folgenden Auktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst verliefen hingegen unspektakulär, jedoch zufriedenstellend genug, dass Lempertz sich deutlicher als in den Vorjahren mit rund 26 Millionen Euro die Krone des deutschen Umsatzspitzenreiters aufsetzen darf.
Das liegt vor allem daran, dass der ewige Konkurrent Villa Grisebach in Berlin, der sich auf das gehobene Segment konzentriert, Probleme mit dem Nachschub hatte. Denn an Käuferverweigerung lag es nicht, dass mit 14,2 Millionen Euro brutto nur rund 2 Millionen Euro mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres zusammenkamen. Denn geboten wurde, als wäre das Geld morgen nichts mehr wert. Lediglich sechs der 70 „Ausgewählten Werke“ gingen zurück. Die traditionell fast ausschließlich privaten Käufer beboten selbst hochwertige, aber nicht exzeptionelle Papierarbeiten mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Emil Noldes Aquarell Blaue Iris, Feuerlilien, Rudbekia etwa kostete 339.150 EUR (Taxe 140.000 – 180.000 EUR). Der Käufer kam aus Süddeutschland, einer Region, die in dieser Auktion im hohen Preisbereich auffällig oft vertreten war. Das Aquarell Rotes und Blaues Pferd von Franz Marc war hingegen etwas außergewöhnlicher: Ein süddeutscher Sammler bot hier ebenfalls 339.150 Euro (150/200.000 EUR) – für eine gerade einmal postkartengroße Skizze. Die Zeitgenossen wurden etwas zögerlicher aufgenommen, nicht nur, weil das Investment vielleicht vielen Sammlern zu unsicher erscheint, sondern auch wegen der zum Teil ambitionierten Taxen. Bei etablierten Namen oder guten Stücken waren allerdings auch hier die Bieter großzügig. Sean Scullys Großformat Grey Fold blieb mit 440.300 EUR inkl. Aufgeld (350.000 – 450.000 EUR) im Rahmen der Taxe. Einen ziemlich irrwitzigen Rekord erzielte eine Papierarbeit von Sigmar Polke im typischen Format 100 x 70 Zentimeter, für die 279.650 Euro (40.000 – 60.000 EUR) bezahlt wurden.
So war bei aller Marktberuhigung auch eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Denn immer mehr trennt sich die Spreu vom Weizen, nicht nur bei der Ware, auch bei den Auktionshäusern. Zumindest verstärkt sich in der Markterholung der Trend, dass gehobene Ware und weltweite Vermarktung, zunehmend gerade über das Internet, die besten Umsatzgaranten sind. Und das wird sich in der Zukunft wohl auch nicht ändern.