21. August 2010
Die erste Jahreshälfte 2010 gilt in den Medien – vor allem den chinesischen – als das Datum, als die chinesischen Sammler die internationale Bühne der zeitgenössischen Kunst betraten. Das stimmt allerdings nur teilweise. Denn die Auktionsergebnisse aus China und Taiwan erzählen eine andere Geschichte. Die zeitgenössische Kunst spielt auf dem Auktionsmarkt in Peking, Hongkong oder Taipei eine verschwindend kleine Rolle. Der Hauptumsatz wird hier mit Kategorien erzielt, die weitaus lukrativer sind: mit der modernen chinesischen Malerei (zu deren Haupthandelsplatz sich Hongkong entwickelt hat, wo immer noch hohe Preise gezahlt werden, die Kunst allerdings nicht mehr derart irrational fetischisiert wird wie im restlichen China) und mit Antiquitäten, die nach wie vor in großer Zahl bei den boomenden nationalen Auktionen in Festlandchina eingeliefert werden. Zwar kam in dieser Saison auch zum ersten Mal und mit viel Wirbel ein ernstzunehmendes Werk westlicher zeitgenössischer Kunst bei einer Hongkonger Abendauktion zum Aufruf, doch handelt es sich hierbei um einen Einzelfall. Unklar ist zudem, was dieses Marktsegment überhaupt hergibt. Von all dem abgesehen zeigte der Auktionsmarkt im Frühjahr 2010 aber deutliche Anzeichen einer Erholung. Die Umsätze der großen internationalen und chinesischen Auktionshäuser erreichten wieder Volumina, wie sie vor der jüngsten Rezession nicht unüblich waren. Dieser Aufschwung ist in der Tat zum größten Teil den chinesischen Sammlern zu verdanken, jedoch betrifft dies gerade nicht die Bereiche, auf die ausländische Beobachter des chinesischen Kunstmarkts ihr Augenmerk richten.
Die Frühjahrssaison nahm ihren Auftakt bei Sotheby’s Hongkong. Sie wurde in der ersten Aprilwoche von einer Auktion moderner chinesischer Kunst eingeläutet, an deren Ende ein Umsatz von 13 Millionen US-Dollar (inkl. Aufgeld) stand. Zu den herausragenden Werken gehörten Gemälde von Zao Wou-Ki, darunter ein eher untypisches Werk, eine frühe Abstraktion, die bemerkenswerterweise über 2,5 Millionen US-Dollar einbrachte. Die Skulpturen von Ju Ming dagegen wechselten für respektable, aber nicht weiter bemerkenswerte Preise den Besitzer. Auf der Auktion zeitgenössischer asiatischer Kunst wurde ein neuer Rekord für den chinesischen Politpop-Maler Liu Ye aufgestellt, dessen Bright Road sich die Schanghaier Investoren Wang Wei und Liu Yiqian für 2,4 Millionen US-Dollar sicherten. Das Sammlerpaar plant, ein Privatmuseum zu eröffnen, das sich aus ihrer bereits jetzt schon breitgefächerten Sammlung von Antiquitäten, moderner, zeitgenössischer sowie Revolutions-Kunst speisen soll. Großes Interesse bekundeten die Bieter auch an Werken von Cai Guo-Qiang, Fang Lijun, Yue Minjun und Zeng Fanzhi und bestätigten zugleich das wachsende chinesische Interesse am Exilanten Yan Pei-Ming. Bei den jüngeren chinesischen Künstlern blieben die Gebote uneinheitlich. Überraschend war, dass der verstorbene Hongkonger Street Artist Tsang Tsou Choi Preise bis zu 50.000 US-Dollar erzielte, während das Bieterfeld für japanische Kunst im Großen und Ganzen recht überschaubar blieb. Auch hier erwies sich die chinesische Malerei wiederum als umsatzstärkste Kategorie: 97% aller Lose wurden verkauft und damit ein Gesamtumsatz von 53,8 Millionen US-Dollar erzielt. Zu den Toplosen zählten Fu Baoshis Chess Playing mit 5 Millionen und zwei Gemälde Zhang Daqians für jeweils über zwei Millionen US-Dollar.
Christie’s Hongkong – hier fanden die Frühjahrsauktionen während der letzten Mai- und der ersten Junitage statt – profitierte von der guten Stimmung auf der ARTHK, der Hongkonger Kunstmesse, die ihre Zelte im selben Gebäude aufgeschlagen hatte. Auf der wichtigsten Abendauktion fanden alle 36 Werke Käufer, insgesamt wurden 38,95 Millionen US-Dollar geboten. Einen neuen Auktionsrekord gab es dabei für Chen Yifei bei einem Zuschlag von 7,85 Millionen US-Dollar. Spitzenwerke von Sanyu, Zao Wou-Ki, Chu Teh-Chun und Ju Ming erreichten oder überstiegen ihre, zugegebermaßen, recht konservativen Schätzpreise und gingen an einheimische Sammler, während eine Arbeit von Zhang Xiaogang für 957.864 US-Dollar an einen der wenigen erfolgreichen Bieter aus Europa ging. Hier kam auch besagtes Werk westlicher Kunst zum Aufruf. Es ging an den Hongkonger Sammler Joseph Lau, der mit dem Erwerb von Andy Warhols Portrait Mao Zedongs einen Coup landete (850.170 US-Dollar). Während der Tagesauktion mit zeitgenössischer asiatischer Kunst erzielten die Schanghaier Ding Yi (526.440 US-Dollar) und Yu Youhan (541.848 US-Dollar) Rekordpreise. Insgesamt stieg der Umsatz in der Kategorie zeitgenössische asiatische Kunst um 85% im Vergleich zum Vorjahr. Das spricht zwar für eine Erholung von der Kreditkrise anno 2009, doch liegen die Ergebnisse immer noch weit unter den Zahlen der Boomjahre. Wie Sotheby’s konnte auch Christie’s die beeindruckendsten Zahlen bei einer Auktion mit vorwiegend klassischer chinesischer Malerei verbuchen. Hier stand ein Ergebnis von beinahe 55 Millionen US-Dollar unter dem Strich.
Etwa zeitgleich veranstaltete das in Taiwan ansässige Auktionshaus Ravenal eine Doppel-Auktion in Hongkong und Taipeh. In Hongkong fanden 48 der angebotenen 59 Werke Käufer, allen voran Arbeiten von Ju Ming und Sanyu, die im Rahmen ihrer realistischen Schätzungen blieben, während Chu Teh-Chun und Zao Wou-Ki auch dort die Erwartungen weit übertrafen, selbst bei weniger herausragenden Werken. Hier rächte sich auch, dass der Markt zu Zeiten der Spekulationsblase mit Werken von zeitgenössischen chinesischen Künstlern wie Wang Mai, Wang Luyan, He Sen, Guo Jin und Yang Jing allzu reichlich bedacht wurde – in diesem Bereich gab es die höchste Durchfallquote. In Taipei, der zahlenmäßig umfangreicheren Auktion, konnten 130 der angebotenen 150 Werke vermittelt werden, bei einem Gesamtumsatz von 13,76 Millionen und einem Gesamtschätzvolumen von maximal 11,1 Millionen US-Dollar. Wieder führten Sanyu, Chu Teh-Chun und Zao Wou-Ki die Auktion an. Bei der zeitgenössischen koreanischen Kunst blieben die Gebote besonders niedrig, wie auch bei der japanischen Kunst, mit Ausnahme von Yayoi Kusama und Yoshitomo Nara.
Einen landesweiten Umsatzrekord beansprucht stolz das chinesische Auktionshaus Guardian Auctions. Es will während der Frühjahrssaison insgesamt 311,5 Millionen US-Dollar umgesetzt haben. Allerdings muss man bedenken, dass sich dieses Ergebnis auf so unterschiedliche Segmente wie zeitgenössische Teekannen, Drucke, Bücher oder Schmuck und nicht weniger als 30 Auktionen bezieht. Nennenswert sind hier vor allem das Resultat für Zhang Daqians Gemälde Achensee Lake, das jenseits jeder vernünftigen Schätzung bei 14,75 Millionen US-Dollar zugeschlagen wurde, sowie das Bietergefecht um qualitätvolle Arbeiten von Xu Beihong und Wu Guanzhong. Hier sieht man, wie disparat der chinesische Kunstmarkt ist, denn Wu Guanzhong wird in Hongkong nicht mehr so stark nachgefragt. Auch in Festlandchina hat man sich nach dem Kunden gerichtet. Das große Interesse an Malerei aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und an moderner Kunst hat Guardian und die anderen Auktionshäuser dazu veranlasst, die zeitgenössische Kunst aus dem Fokus zu rücken. Bei Poly Auction in Peking etwa stiegen die Gesamtverkaufszahlen für alle Segmente gegenüber dem Herbst um 72%: Ein Meisterwerk des Kalligrafen Huang Tingjian aus dem 11. Jahrhundert wurde für rund 57 Millionen US-Dollar inklusive Steuern verkauft, während Xu Beihong mit 10,72 Millionen US-Dollar einen neuen Auktionsrekord einfuhr. Ein „Orchester“-Gemälde Chen Yifeis spielte 6,78 Millionen US-Dollar ein, aber auch Werke von Liu Ye und Liu Xiaodong konnten für oder annähernd zwei Millionen US-Dollar vermittelt werden. Auch bei Poly konnten für so unterschiedliche Werke wie die Wu Guanzhongs oder Zhang Xiaogangs Preise erzielt werden, die auf den großen Auktionen in Hongkong nicht mehr denkbar wären. Eine eher unspektakuläre Auktion hatte sich auf Paravents und kleinere Kunstgegenstände kapriziert, die im Laufe des Vorjahrs von einem amerikanischen Sammler rückerworben wurden. Dieses Segment erfreut sich in Peking ungebrochener Beliebtheit, und so endete diese Auktion als White Glove mit einer Transaktionsrate von 100%.
In Hongkong wurden die Versteigerungen der internationalen Auktionshäuser vor allem von entschlossenen Festlandchinesen befeuert, zu denen sich anspruchsvolle Sammler aus der Region gesellten. Dabei blieben jedoch weniger bekannte oder seriöse Werke auf der Strecke. In Taipei oder Peking ist man da großzügiger. Taiwanesische Bieter interessieren sich zudem stärker für Werke anerkannter Künstler, die einen Bezug zu Taiwan haben, gerade im Bereich der Moderne. In Peking lassen sich herausragende Werke besonders gut in bekannten Sammlungen platzieren, während neuere Marktteilnehmer, darunter unbekanntere Sammler und Händler, auf ein breiteres Segment bieten, gerade bei den gut bestückten Auktionen mit Antiquitäten und Gemälden des 20. Jahrhunderts. Dafür musste der Auktionsmarkt in Festlandchina zusehen, wie hochrangige Werke in die Hongkonger Auktionen wanderten, woraufhin die größeren Häuser dann eben ihren Fokus auf andere Objekte von eindeutigem Wert legten. Alles in allem aber bedeutet diese neue Entwicklung insgesamt und für alle Beteiligten höhere Umsätze, zumindest im Vergleich zur letzten und vorletzten, eher kläglichen Auktionssaison. Vielleicht führt dieser Trend am Ende aber auch zu einem klarer strukturierten und deutlicher segmentierten Markt.