11. Dezember 2006
Selbst eingefleischte Händler konnten vor zwei, drei Jahren mit Künstlernamen wie
Maqbool Fida Husain,
Francis Newton Souza und
V. S. Gaitonde wenig anfangen: Wer sind sie, wer kauft ihre Werke? Doch die Entwicklung auf dem Markt mit moderner indischer Kunst schreitet in den letzten Jahren mit rasanten Schritten vorwärts. Seit der Einführung von Auktionen für moderne indische Kunst im September 2000 beim Auktionshaus
Christie’s in New York haben sich die Umsätze von 600.000,- auf diesjährig 17,8 Millionen US-Dollar verdreißigfacht. Beim Konkurrenten
Sotheby’s, wo man vergangenen September sogar erstmals eine Auktion mit speziell zeitgenössischer indischer Kunst abhielt, verbuchte man in 2006 ein Umsatztotal von 14,8 Millionen US-Dollar für moderne und 1,81 Millionen US-Dollar für jüngste Kunst. Spätestens jetzt ist klar: Der Markt für indische Kunst ist keine Nische mehr, sondern integraler Teil des internationalen Kunstmarkts.
Grund dafür sind die Kombination einer außergewöhnlichen ökonomischen Erstarkung Indiens und von Indern in Übersee sowie die späte kunsthistorische Anerkennung der indischen Avantgarde. Der west-östliche Brückenschlag erfolgte kurz nach der ökonomischen Liberalisierung in Indien Anfang der 1990er Jahre. Im Jahr 1995 hatte Christie’s ein Büro in Mumbai eröffnet – mit mäßigem Erfolg. Bis 1998 war London dann der Hauptumschlagplatz für indische Kunst im Sekundärmarkt. Heute widmet sich dort Bonham’s dem Feld. Doch die großen Häuser konzentrieren sich auf New York, wo viele der so genannten „Non Residential Indians“ (NRIs) aus einer Mischung aus Patriotismus und neuer Expertise den Hauptteil der Interessenten ausmachen. Christie’s versteigert indische Kunst auch in Hongkong und Dubai, wo man auf den Cross-over-Effekt innerhalb der asiatischen Sammlerschaft hofft. In Indien selbst ist das Online-Auktionshaus Saffron Marktführer.
Zu den begehrtesten Künstlern des Auktionsmarktes gehören die Künstler des „Progressive Movements“. Dabei handelt es sich um jene Künstlergruppe, die nach der indischen Unabhängigkeit 1947, inspiriert von westlichen Expressionisten, den Anschluss an die westliche Moderne Kunst mit indischen Themen suchte. Dazu gehören Tyeb Mehta (geb. 1925), F. N. Souza (1924-2002), M. F. Husain (geb. 1915) und Syed Raza (geb. 1922). Die 100.000,- US-Dollar-Grenze wurde vor fünf Jahren für ein indisches Werk durchbrochen: 2002 verkaufte sich das Raum füllende Triptychon Celebration von Tyeb Mehta aus der Sammlung der Mediengruppe „Times Of India“ für 320.000,- US-Dollar. Nur drei Jahre vergingen, bis die Millionengrenze erklommen wurde: Bei Christie’s erzielte im September 2005 Tyeb Mehtas Mahisasura 1,6 Millionen US-Dollar. Das Werk zeigt, inspiriert am Büffelgott aus der hinduistischen Mythologie, eine Tier- und eine Menschenfigur in wilder Verschlingung und ging an einen indischen Geschäftsmann. Der für das Werk gesetzte Schätzpreis von 600.000,- bis 800.000,- Dollar wurde damit auf einen Schlag verfünffacht.
Nahe an diese Resultate kam im Frühjahr 2006 bei Sotheby’s Syed Razas Tapovan von 1972 heran: Es fand für 1,5 Millionen US-Dollar einen anonymen Käufer. Und vergangenen September wurde F. N. Souzas Man with Monstrance (1953) an einen Sammler aus Singapur für 1,36 Millionen US-Dollar verkauft – das knapp Dreifache des unteren Schätzwertes. Mit Tyebh Mehta und F. N. Souza erfahren auch V. S. Gaitonde – er gilt als indischer Rothko - und S. H. Raza späte Ehren mit Preisen, die die Millionendollar-Grenze übertreten.
Bemerkenswert ist, dass viele der eingelieferten Schlüsselwerke des „Progressive Movement“ aus ausländischer Hand stammen. Ehemalige Botschaftsangestellte oder Schweizer Pharmaunternehmen waren frühe Käufer, als es in Indien an ökonomischen Mitteln und einer Sammlerbasis fehlte. Gekauft wurde vornehmlich in den 1960er und 1970er Jahren, und zwar Werke von Künstlern wie F. N. Souza, Tyebh Mehta und M. F. Husein.
Im Unterschied zum China-Boom wird der Markt für indische Kunst stark von Indern geprägt: Vor allem auf den Kunsthunger der NRIs, die es als junge, gut ausgebildete Enterpreneure im Ausland zu Wohlstand gebracht haben, sind die Preissteigerungen von bis zu 1000 Prozent in sechs Jahren zurückzuführen. Sie steigern online beim florierenden indischen Auktionshaus Saffron ebenso wie in den Sälen der westlichen Kunstversteigerer.
Hinter dem Marktboom für indische Kunst verbirgt sich tatsächlich eine der zurzeit vitalsten Kunstszenen. Neben der indischen Avantgarde, die jetzt ihre späte internationale Anerkennung und Valorisierung erlebt, kümmern sich die Auktionshäuser äußerst aktiv um Nachschub aus der zweiten und dritten Generation nach der Unabhängigkeit. Mit Hilfe von Stipendien viel gereist, wissen Künstler wie Atul Dodyia, Subodh Gupta und Jitish Kallat die ästhetische Sprache der Postmoderne mit indischen Themen zu verknüpfen. Teilweise wird direkt in den Ateliers akquiriert – eine zweifelhafte Praxis für die einst auf den Sekundärmarkt spezialisierten Auktionshäuser, da sie den langfristigen Aufbau einer Künstlerlaufbahn außer Acht lässt – oder torpediert.
Von Atul Dodiya, einem 47-jährigen in Mumbai lebenden Künstler der zweiten Generation nach der Unabhängigkeit, wurde das Werk Mirage von 2002 bei Sotheby’s in der letzten Herbstauktion für 216.000,- US-Dollar an einen Händler verkauft. Es ist eine Malerei auf einer der typischen Rollladenfronten, wie sie, in krudem Realismus bemalt, von jedem kleinen Laden in Indien als Werbefläche benutzt wird. Dodiyas Variante zeigt einen grinsenden Gandhi, wie er von zwei britischen Sicherheitsoffizieren abgeführt wird wird; dahinter kriechen auf einer Leinwand Ratten um Brancusis Endless Column herum.
Zu den Auktionslieblingen gehört außerdem Subodh Gupta (geb. 1964), dessen Gemälde und Installationen Bietgefechte auslösen. Ein Werk aus der Serie von Arrangements von Edelstahl-Küchenutensilien – Feast for Hundred and Eight Gods 1 von 2005, in einer Editon von drei Stücken produziert und bei der Genfer Galerie Art & Public auf der Frieze Art Fair 2005 für 30.000,- US-Dollar angeboten – wurde bei Sotheby’s ein Jahr später bereits für 72.000,- US-Dollar an einen amerikanischen Händler weiterverkauft. Von Ravinder G. Reddy (geb. 1956) wurde die ikonische Skulptur aus Polyester, Heart 06, für 156.000,- US-Dollar (Schätzpreis 100.000,- bis 150.000,- Dollar) an einen indischen Sammler versteigert.
Dass die verkauften Lose zum Teil weit über dem Schätzwert verkauft wurden, muss hier nicht unbedingt eine Marktüberhitzung bedeuten: Die Preisstruktur nähert sich ganz einfach langsam dem internationalen Standard an. Allerdings gibt es kritische Stimmen, die einen hohen Anteil an Händlern in den Auktionssälen ausmachen – ein Hinweis dafür, dass hier Werke angekauft werden, um die Preise später weiter hochzutreiben. Die Gründung von Kunstfonds belegt, dass indische Kunst von Indern zunehmend als Investment betrachtet wird.
Auch die Rolle der Auktionshäuser ist äußerst aktiv: „Wir bauen den Markt auf“, sagt Hugo Weihe, Direktor für Indische und Südostasiatische Kunst bei Christie’s. Weil der Markt so stark sei, komme jetzt vieles ans Licht. Es zeuge aber auch von einem „gereiften Markt“, der fähig sei, viel Material aufzunehmen, der Top Qualität honoriere, und auf dem sich zunehmend auch westliche Käufer einfänden. Zu ihnen gehöre etwa der Hollywood-Mogul Roland Emmerich und der Ex-Christie’s-Chef Christopher Davidge, dessen dritte Frau Amrita Jhaveri in den 1990er Jahren das Christie’s-Büro Bombay aufgebaut hatte.
Als Christie’s-Direktor Hugo Weihe im Sommer auf Roadshow in New Delhi war, zeigte er neben einem Werk von Souza eine Reproduktion von Picasso. Das eine war um eine Million US-Dollar geschätzt, das andere um 40 Millionen US-Dollar. „Urteilen Sie selbst, ob der Unterschied wirklich so groß ist“, sagte Weihe in die Runde indischer Kunstliebhaber. Damit dürfte klar sein, dass der Christie’s-Repräsentant in der Preisstruktur für die Schlüsselwerke der indischen Avantgarde nach 1947 noch Luft sieht.