23. Mai 2005
Mit einem Mammutprogramm nahm sich das Münchner Auktionshaus Neumeister am 11. Mai dem 20. Jahrhundert an. Knapp 800 Objekte aus den Sparten angewandte, außereuropäische und bildende Kunst fügten sich zu einer Offerte, die gut zur Hälfte verkauft wurde. Silber der Wiener Werkstätten und ungewöhnliche Glasobjekte aus Frankreich sowie jüngere und ältere Thonet-Garnituren boten sich den Kaufwilligen. Besonders erfreut zeigte man sich bei Neumeister über die Ergebnisse der außereuropäischen Kunst: 90 Prozent der überwiegend afrikanischen Objekte fanden einen neuen Besitzer. In der ästhetischen Höhenluft der klassischen Moderne bestätigte sich vor allem die Beliebtheit der Impressionisten; die Zeitgenossen dagegen feierten ihre Erfolge mit kargen Papierarbeiten und einer ungewöhnlichen Tierskulptur.
Bei der angewandten Kunst, die traditionell den Anfang der Auktion bestritt, triumphierte Josef Hoffmann in der Sparte Silber mit zwei Entwürfen für die Wiener Werkstätten. Der knapp einen Meter lange Spazierstock mit einer Lapislazuli-Kugel als Knauf über einer Silbermanschette kann seinem neuen Besitzer für 2.500,- Euro als äußerst elegante, wenn auch wenig diskrete Gehhilfe dienen (Schätzpreis 1.000,- bis 1.200,- Euro). Ein weiterer Entwurf Hoffmanns für die Wiener Werkstätten stieß ebenfalls auf Begehrlichkeiten im Publikum. Die eigenwillig konkav und konvex gerippte Fußschale wurde bei 4.200,- Euro zugeschlagen (Schätzpreis 2.000,- bis 2.500,- Euro).
Der Glas-Künstler Emile Gallé war mit einem 18 cm hohen Flakon mit vergoldeter Silbermontierung von 1896 vertreten, der bei 3.200,- Euro einen Abnehmer fand (Schätzpreis 2.200,- bis 2.500,- Euro). Die Gebrüder Daum verteidigten ebenfalls ihren Ruf: Ein Paar mit Birken und Uferlandschaften bemalte Vasen erzielten je 4.500,- Euro (Schätzpreis bei beiden je 2.800,- bis 3.000,- Euro).
In der Sparte Möbel fährt der Umzugswagen demnächst mit einer fünfteiligen Sitzgruppe der Gebrüder Thonet vor. Bei 4.200,- Euro fand die 1904 in Wien aus Buchenholz gefertigte und Mahagoni gebeizte Gruppe, die aus einem Kanapee, zwei Fauteuils und zwei so genannten Salonsesseln, besteht, ein neues Zuhause (Schätzpreis 2.800,- bis 3.000,- Euro).
Die knapp 100 Lose der außereuropäischen Kunst stammten überwiegend aus Afrika, aber auch aus Neuguinea, Indonesien und China. Ein Schwerpunkt der Offerte aus Afrika lag bei der Kunst Nigerias. Ein von dort stammender, nur 7 cm hoher Terrakottakopf aus dem Königreich Ife, datiert auf das 12. bis 15. Jahrhundert, erhielt den Zuschlag bei 2.200,- Euro (Schätzpreis 500,- bis 1.000,- Euro). Einen unerwarteten Preisrekord stellte ein Schmuckkopf von den Salomon-Inseln im Südwesten des Pazifiks auf. Ein australischer Bieter trug das Objekt, das ursprünglich den Vordersteven eines Kanus schmückte, für 12.000,- Euro (Schätzpreis 600,- bis 800,- Euro) davon.
Die größten Triumphe in der Sparte der Klassischen Moderne feierte der Impressionismus. Die Nase ganz vorn hatte eine Abendstimmung am Berliner Schlachtensee von Lesser Ury aus den 1890er Jahren oder auch später, die für 100.000,- Euro in österreichischen Privatbesitz wechselte (Schätzpreis 40.000,- bis 45.000,- Euro). Das zweitteuerste Gemälde der Auktion könnte sich von Urys menschenleerem und magischem Sonnen-Schattenspiel kaum deutlicher unterscheiden. Die Badenden Mädchen am Starnberger See des Amerikaners Edward Cucuel wähnen sich beim Umkleiden im Schutze der Uferbäume unbeobachtet und zeigen freimütig ihre ansehnlichen Beine her. Ein österreichischer Privatsammler erlag dem Zauber der flotten Damen in reizvoller bayerischer Landschaft und schlug bei 75.000,- Euro zu (Schätzpreis 50.000,- bis 70.000,- Euro). Ein enger Freund und Lehrer des langjährigen Wahl-Münchners Cucuel, Leo Putz, stieß mit dem sonnenüberfluteten Bildnis seiner Frau vor dem Atelier in Gauting ebenfalls auf Begeisterung im Saal. Sein 1925 entstandenes Auf der Terrasse I erzielte 42.000,- Euro (Schätzpreis 20.000,- bis 22.000,- Euro). Weitere gute Ergebnisse deutscher Impressionisten stammen von Max Sterns Im Sommergartenrestaurant, das für 12.000,- Euro den Besitzer wechselte (Schätzpreis 5.000,- bis 6.000,- Euro) und Otto Pippels Kaffeegarten, der in seinem neuen Heim für 10.000,- Euro täglich das Sommerlicht heraufbeschwört (Schätzpreis 4.500,- bis 4.800,- Euro).
Einen Überraschungscoup landete der Franzose Luce mit der Pariser Stadtansicht Le quai vue d’Ile St. Louis. Nach einem heftigen Bietergefecht erfolgte der Zuschlag für das auf 2.000,- Euro geschätzte Gemälde im Stile des Pointilismus bei 68.000,- Euro (Schätzpreis 1.800,- bis 2.000,- Euro). Unter den Expressionisten bewährte sich besonders die Grafik. Marc Chagalls Eva dreht das fatale Äpfelchen auf der Farblithografie von 1971 sehr nachdenklich in der Hand und erzielte 7.500,- Euro (Schätzpreis 2.000,- bis 2.500,- Euro). Das recht unbekannte Mitglied des „Blauen Reiters“, Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeff, fand regen Anklang in der Stadt, die er 1914 als „feindlicher Ausländer“ verlassen musste. Sein kleines Aquarell Badende erhielt den Zuschlag bei 9.000,- Euro (Schätzpreis 3.500,- bis 4.500,- Euro).
Unter den Zeitgenossen bestätigte Georges Mathieus Gemälde Alkaest von 1967 seine Schätzung und wechselte für 34.000,- Euro an eine neue Wand (Schätzpreis 30.000,- bis 35.000,- Euro). Robert Rauschenbergs Collage Easter Cruises von 1970 überstieg seinen Schätzwert großzügig und stoppte erst bei 24.000,- Euro (Schätzpreis 15.000,- bis 18.000,- Euro). Großer Erfolg war auch Manuel Hernández Mompo beschieden, dessen unbetitelte Gouache für 12.000,- Euro zugeschlagen wurde (Schätzpreis 600,- bis 800,- Euro). Die Steigerung des Schätzpreises um das 25-fache gelang dem amerikanischen Künstler Robert de Niro, dem Vater des berühmten Filmschauspielers. Seine mit Gouache auf Karton aufgetragene Reclining Figure fand bei 3.500,- Euro einen Abnehmer, der beim Fall des Hammers hoffentlich wusste, dass seine neue Zeichnung nicht von Robert jr. stammt (Schätzpreis 120,- bis 150,- Euro).
Bei den zeitgenössischen Künstlern deutscher Provenienz fielen die Ergebnisse moderat aus. Von Joseph Beuys wurde ein Multiple Sonnenscheibe bei 3.400,- Euro zugeschlagen (Schätzpreis 800,- bis 1.000,- Euro). Das im Jahr 1960 entstandene Gemälde von Johann Georg Müller Paar am Strand verließ den Saal für 21.000,- Euro (Schätzpreis 18.000,- bis 20.000,- Euro). Für eine große Überraschung bei den Skulpturen sorgte der Rosssprung von Fritz Koenig. Die in Bronze gegossenen, paarungsfreudigen Rösser kletterten bis auf 5.500,- Euro (Schätzpreis 600,- bis 800,- Euro). Keinen Abnehmer fand bislang Peter Brünings an Jackson Pollock erinnernde Komposition IV/55 von 1955 (Schätzpreis 14.000,- bis 15.000,- Euro). Falls es Interessenten gibt: Der Nachverkauf endet zwei Wochen nach der Auktion.