7. April 2011
Auktion „Werke aus der Sammlung Dolf Selbach“ – Villa Grisebach, Berlin. Am 27. Mai 2011, 11:00h
Zu seinen Lieblingsbildern gehörte das Ölgemälde Zenith von Ernst Wilhelm Nay. Es ist Teil der „Augenbilder“-Serie, die der Künstler ab 1963 aus seinen „rhythmischen Bildern“ entwickelte, den Vorläufern der flächiger komponierten „Scheibenbilder“. Doch wer ist der Mann mit dem Lieblingsbild? Dolf Selbach, bekannt als Vorreiter und Aushängeschild individueller Männermode „Made in Germany“ von den Sechzigern bis in die achtziger Jahre. Im vergangenen Jahr starb Dolf Selbach, dessen Leben nicht Glanz und Glamour, sondern drei große Passionen bestimmten: Mode, Architektur und Kunst, die er seit Beginn seiner Karriere gesammelt hat und zum Teil auch in seine Modepräsentationen mit einbezog. Selbach begann in Düsseldorf mit einem kleinen Ladengeschäft auf der Berliner Allee und expandierte dann nach Berlin und Hamburg, führte schließlich ein Unternehmen mit fünf Schauräumen und über 70 Mitarbeitern. Nun wird in diesem Jahr die vielfältige, sehr persönlich ausgerichtete Kunstsammlung des Bekleidungs-Doyen dem öffentlichen Kunstmarkt übergeben: Seine Glassammlung mit Produkten der französischen Art Nouveau, ergänzt durch rare Stücke von Louis C. Tiffany, fand bereits im Februar bei Quittenbaum Kunstauktionen in München mit einer fast 100-prozentigen Verkaufsquote ihre neuen Besitzer. Dass Dolf Selbach ein Faible für Jugendstilglas hatte, war bislang kaum bekannt gewesen. Die Sammlung hatte im Kaminzimmer seines Düsseldorfer Duplex-Penthouses in eingebauten Vitrinen ihren festen Platz. Dolf Selbach war ein Sammler der alten Schule, er kaufte nicht spekulativ, wie es die internationalen Großsammler heute meist tun, sondern emotional, hatte keine Speditionsdepots zum Einlagern für Teile seiner Kollektion angemietet, sondern lebte auf enger Tuchfühlung mit allen seinen Kunstwerken in seinem Zuhause im Rheinland.
Auch Dolf Selbachs Fine Art-Sammlung kommt in diesem Mai nach vielen Jahren intimer Hängung in seiner Wohnung ans Licht der Öffentlichkeit. Die Gunst, die marktfrische Sammlung zu präsentieren und zu versteigern, fiel dem Berliner Auktionshaus Villa Grisebach zu. Stichtag für die Arbeiten der deutschen abstrakten Nachkriegskunst, der Düsseldorfer Akademieszene der 1960er und 1970er-Jahre und der Berliner figurativen Malerei der achtziger Jahre aus dem Karl Horst Hödicke-Kreis, ist der 27. Mai. Viele international gewichtige Positionen fanden ebenfalls Eingang in die Selbach-Sammlung, die nicht einer Schule oder einer bestimmten Strömung des 20. Jahrhunderts huldigte, sondern ein breites Spektrum umfasste. Dazu gehören Figuration und Gegenständlichkeit ebenso wie Abstraktion und Neoexpressionismus. Selbach besaß Skulpturen von Alexander Archipenko, ein großformatiges Gemälde von Fernando Botero, ein frühes, sehr ausdrucksstarkes Concetto Spaziale von Lucio Fontana, Gemälde von Keith Haring, Friedensreich Hundertwasser und Serge Poliakoff. Außerhalb seines Freundeskreises zeigte sich Selbach, für den geschäftsführenden Gesellschafter der Villa Grisebach Bernd Schultz einer der „ganz großen Ästheten“, eher still, zurückgezogen, konzentriert auf seine Arbeit. Nur wenige Medienvertreter hatten direkten oder gar engen Kontakt zu ihm. Einer von ihnen ist Peter Paul Polte, der 42 Jahre lang die Fachzeitschrift TextilWirtschaft herausgegeben hat. Ihm öffnete Selbach die Türen seiner Düsseldorfer Wohnung. Aus diesem Treffen ging eines der wenigen schriftlichen Dokumente über die Privatsphäre Selbachs hervor, sehr persönlich formuliert aus der Feder von Polte Ende der 1980er-Jahre.
„Die Selbach´sche Wohnung beginnt mit den hohen Räumen eines Galeriegeschosses. Von da oben leuchtet das Argonauten-Bild von Hödicke, dem Vater der Neuen Wilden, die ihrerseits in dieser Sammlung vertreten sind mit einem Masterpiece von Salomé sowie wesentlichen Werken von Helmut Middendorf, Rainer Fetting und Bernd Zimmer (…). Es finden sich große Formate von Fernando Botero, Arbeiten von Andy Warhol. In einem Kuscheleckchen am Kamin hängt ein Poliakoff in einem wunderbar matten Gelb“, heißt es bei Polte. Das benannte Ölgemälde von Serge Poliakoff, die Komposition in Gelb aus dem Jahr 1959, zählt wie das bereits zitierte Gemälde Zenith von Ernst Wilhelm Nay zu den Highlights der Selbach-Auktion im Mai und ist mit einem Schätzpreis von 200.000 bis 300.000 Euro beziffert.
Die Villa Grisebach spielte auch schon zuvor eine Rolle in punkto Dolf Selbach, dem emotionalen Sammler wie Käufer. Das Haus ist nicht nur der Verkaufsplatz der Selbach-Sammlung, es hat diese auch gespeist, wie aus Peter Paul Poltes Schilderungen hervorgeht: „Vor einiger Zeit war er (Selbach) total vernarrt in eine Skulptur von Archipenko, die in der Villa Grisebach versteigert wurde. Er raste morgens von Sylt nach Berlin, hatte sich ein Limit gesetzt, wurde von den Ereignissen überrollt, konnte nicht nein sagen und flog nach diesem emotionalen Aufruhr sofort zurück nach Sylt“. Auch die Sammlung Dolf Selbachs, die seinen Freunden und Anhängern nicht gleichgültig ist, wird in der Auktion sicher hier und da Bietgefechte anschüren, die von Erinnerungen, Leidenschaft und Gefühlen geleitet sind.