Art & Agenda: Political Art and Activism, Gestalten Verlag

Auf der Suche nach dem Politischen

Michael Mayer
7. September 2011

Seine Stoßrichtung verrät das großformatige, schwergewichtige Buch mit seinem Cover auf den ersten Blick. Vor dem Hintergrund einer gewaltigen rußschwarzen Rauchwolke, aus der bodennah Feuer lodert, steht Tony Blair, formerly known as Prime Minister of Great Britain, der sich mit einem Fotohandy breit grinsend vor dieser Kulisse ablichtet. Die Deutung des vom Künstlerduo kennardphillipps montierten Bildes liegt nahe: Unter der Ägide Blairs avancierte Großbritannien zum willigen Helfershelfer George W. Bushs, dessen mit Verve und Lügen gerechtfertigter Angriffskrieg gegen den Irak das war, was man im allgemeinen Völkerrecht ein Kriegsverbrechen nennt.

Das Foto markiert den visuellen Kontrapunkt zum notorisch guten Gewissen, mit dem Blair und seinesgleichen den Angriffskrieg bis heute gutheißen. Das Frontcover denunziert schockartig Tony Blairs moralinsaure Heuchelei, in dem es sein telegenes Lächeln mit den versteckten Intentionen und realen Effekten seines politischen Handels kontrastiert. Mit anderen Worten: Es entlarvt. Und steht damit in der besten Tradition politischer Kunst. Für die längst wieder eine hohe Zeit angebrochen sein müsste. Denn die globale Krise der ökonomischen, ökologischen, politischen, medialen und sozialen Systeme ist, man ahnt es, weit, weit schlimmer, komplizierter und folgenreicher als man sich das gemeinhin vorzustellen vermag. Was für Kunst als Erkenntnismedium mit ihren spezifischen Ausdrucksträgern und –möglichkeiten, ihrer Fähigkeit zur Verdichtung, Präsentation und Anschaulichkeit, ihrer ästhetischen Sensibilität fürs Unausdrückliche, Verschwiegene und Verschwundene ein herausragendes Terrain darstellen müsste. Die Behauptung aber, dass mit der 2008 losgebrochenen Finanzkrise, die offensichtlich einem neuen Eskalationspunkt entgegentaumelt, eine durchschlagende Politisierung bildender Kunst eingesetzt hätte, steht auf tönernen Füßen. Es war schon erstaunlich, wie rasch der Betrieb nach einem kurzen Schütteln weiterging als wäre nichts geschehen. Während viele Künstler des unteren und mittleren Segments die Finanzkrise empfindlich zu spüren bekamen (und bekommen), lief der Kunstmarkt mit großen Namen und Geschäften ungerührt weiter.

Frei nach Walter Benjamin könnte man sagen: Nicht nur die Geschichte, auch die Kunstgeschichte hat ihre Sieger. Und die haben zu siegen nicht aufgehört. Heutzutage im Mediums eines Kunstmarkts, dem Kunsttheorie und –kritik eifrig und oft ohne alle Absicht und Einsicht in den perfiden Zusammenhang zuarbeiten. Vielleicht gehört zu den Schwächen von „Art & Agenda“, ein ansonsten wohlgelungenes Buch, dass es seine Frage nach dem „Politischen“ und „politischer Kunst“ zu wenig selbstreflexiv und d.h. vor allem kritisch auf den eigenen Bereich – dem der Kunst, ihrer Produktion und Vermarktung – rückbezieht. Und dass das Leben im neuen Jahrtausend, wie im Klappentext formuliert, „significantly more political“ geworden sei und damit auch die Kunst selbst, ist eine These, die nur dann Sinn macht, wenn man genauer wüsste, was das sein soll: das Politische. In ihrem Vorwort verweisen Gregor Jansen und Robert Klanten zwar auf den französischen Philosophen Bruno Latour, der in der zusammen mit Peter Weibel am Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) 2005 kuratierten Ausstellung „Making Things Public: Atmosphären der Demokratie“ den Begriff des Politischen über den verwaltungstechnisch handhabbaren Gegenstandsbereich repräsentativer Demokratie hinaus auszudehnen versuchte. Aber seine Frage: „What are public things, res publicae? A republic?“ bleibt auf verstörende Weise unbeantwortet.

Und niemand verlangt eine rasche Antwort. Aber die Frage mindestens zu präzisieren, sie gegenwartsnäher und auch selbstkritisch auszubuchstabieren, wäre schon einen Versuch wert gewesen. Immerhin geht es um nichts weniger als eine „investigation of the interactions between politics, art, and activism“. So hat der Band seine Stärke wohl weniger im theoretischen Setting als in der praktischen Auswahl und Präsentation von weltweit rund 300 Künstlerinnen, Künstlern und Kunstgruppen. Layout und Aufmachung sind aufwendig, die Begleittexte und Kurzporträts nützlich und informativ, die fünf Kapitel, in die der Band eingeteilt ist („The Commercal Aspect“, „The Human Element“, „Sanctuary“, „Think Global, Act Local“ und „History Repeating“) strukturieren ihn sinnvoll. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Ai Weiwei, Marina Abramovic, Paul Chan, Ztohoven, Elmgreen & Dragset, Jennifer Karady etc. erscheinen viele andere weniger bekannte Gesichter, die sich zu entdecken und merken lohnen.

Robert Klanten, Matthias Hübner, Pedro Alonzo, Alain Bieber, Gregor Jansen (Hg.): Art & Agenda: Political Art and Activism ", Gestalten Verlag, Berlin, 2011, 288 Seiten, Englisch, ISBN 978-3-899-55342-0, EUR 44,00


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