20. Dezember 2011
Bernhard Martin: „Bell Cazzo – Vita Figa (Part One)” – Union Gallery, London. Vom 26. November 2011 bis 21. Januar 2012 und „Bell Cazzo – Vita Figa (Part Two)” – Union Gallery, London. Vom 28. Januar bis 3. März 2012
Bernhard Martin. Für viele war das bisher vor allem: Der Mann mit dem Goldzahn. Mit Ring und Rolex. Mit Loftatelier in Berlin und Schloss auf dem Land. Einer, der auf Malerfürst macht, aber Jahrgang 1966 ist. Der geniale Außenseiter, der auf der deutschen Malereiwelle mitschwamm und zugleich lässig über deren nostalgische Befindlichkeiten hinweg surfte. Der mit 16 die Kasseler Kunstakademie besuchte aber eigentlich in den Bars von Barcelona Bilder gegen Zwiebelsuppe tauschte. Dessen Gemälde und Skulpturen ein grandioses Kaleidoskop der permanenten Reizüberflutung sind, mit der die Gegenwart uns wie ein einziger Supermarkt zuleibe rückt – samt überquellendem Bildspeicher der Vergangenheit und opulenten Zukunftsvisionen. In agiler Virtuosität breitete Martin klassische Rückenakte in Airbrush-Ästhetik vor uns aus, gepaart mit aufgesplitterten Raumfragmenten, zersprengten Silhouetten von Trachtenträgern, verirrten Schmetterlingen und schreienden Köpfen à la Francis Bacon, schmachtenden Blicken und Gullideckeln, morbiden Winterlandschaften und Werbelogos – kurz: Die Hysterien der Postmoderne treten in völliger Gleichberechtigung auf, wie ein endlos wucherndes Rhizom. Hätten Gilles Deleuze und Félix Guattari nach einer künstlerischen Haltung gesucht, die ihre halluzinative Vorstellung des totalen Nebeneinanders der Dinge versinnbildlichte – Bernhard Martin wäre der perfekte Kandidat gewesen.
Doch das war einmal. Bernhard Martin heute, das ist: Der Mann, der in London-Hackney in einem Hinterhof hockt und Holz aufschichtet für seinen winzigen Kamin. Der vor anderthalb Jahren sein gesamtes Hab und Gut auf einer Europalette hergeschifft hat, um auf zwei klammen Stockwerken etwas völlig Neues zu versuchen. Um sich zurückzuziehen vor dem Hype der Kunstszene und dem Allerweltslabel Berlin. Allein der Goldzahn ist noch da, und diese großartige, nervtötende Hybris, aber sonst: keine Rolex, kein Ring, kein Schloss, denn das ist abgebrannt. „Damit fing alles an“, sagt Martin und reibt sich fröhlich die Hände. Der Londoner Spätherbst ist kühl und feucht, aber dem Mann, der sich binnen Sekunden in Hochform redet, macht das nichts aus. „Ich will nichts mehr besitzen. Je weniger du besitzt, desto intensiver lebst du.“ Das klingt nach Zen, denn Martin liest gerade die Bücher des koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han, die von „Hyperkulturalität“ und der „Müdigkeitsgesellschaft“ erzählen. Tatsächlich hat Martins Bau etwas von einer Mönchszelle: materiell arm, doch geistig unter Strom.
Auch die neuen Bilder haben abgespeckt: keine wirbelnden Karaokeshows und Seifenblasen in halbabstrakten Wohnzimmern mehr. Die Motive dagegen sind weniger monastisch – es wimmelt geradezu von Geschlechtsteilen, von nackten, niedergestreckten Figuren und entrückten Körpern, die aquarellfarbene Nebelräume durchschreiten. Balthus klingt an, während die filigranen Zeichnungen von Vaginen und Penissen in akribischer Renaissance-Manier daherkommen. Das überbordende Stil- und Gefühlspanorama von einst, gebündelt in purem Sex. „Bell Cazzo – Vita Figa“ lautet denn auch der sinngebende Titel seiner Ausstellung in der Londoner Union Gallery, der sagen will, dass sich im Leben alles nur um das Eine dreht. Der erste Teil zeigt die „Diktatur der Hormone“ mit Malerei, der zweite – „Der gestörte und widersprüchliche Geist“ – folgt im Januar mit Zeichnungen.
„Ich wollte die Trickkiste zumachen, weniger zeigen“, sagt Martin und nestelt sich in seiner Trainingsjacke zurecht. „Früher habe ich nach dem Additionsverfahren gearbeitet. Jetzt lasse ich viel rohe Leinwand frei und zeige darauf ganz direkt Bilder, die total intensiv und einfach sind aber zugleich sensationell!“ Wer so etwas sagt, der braucht kein Schloss in Brandenburg, dem reicht Neuschwanenstein im Kopf. Dass er seine neue Werkserie „Gelage der Gesättigten“ genannt hat, passt zum Abgesang auf die Gesellschaft des Debakels, den er darin zelebriert. Trotzdem: Die Bilder sind von einer süßlichen Verführungskraft, heizen den obszönen Blick des Voyeurs an und lassen ihn zugleich das Gesicht verziehen. Wie seine früheren Werke erzählen sie keine Geschichten und feuern schon gar keine konkreten Zitate ab, sondern stimulieren allein durch ihre rätselhaften, sphärischen Stimmungen die Fantasie. In Serie betrachtet, wirken sie wie ein moribundes Bacchanal voller eingedampfter Surrealismen. Sollte David Lynch einmal einen Porno drehen, könnten die Stills daraus wie Martins neue Bilder aussehen.
Geradezu lynchesk liegt auch eine verschwommene Folie von Melancholie über den Szenen – sie erzählen zwar von Sex, zeigen ihn aber nicht. Männer werden abgeschleppt oder demonstrieren ihr erschöpftes Selbst, E.T. taucht als glücksverheißende Ikone auf. Die Hingabe der Frau verpufft in Kusswolken, oder sie traktiert das männliche Geschlecht mit Nadel und Faden. Es geht um Begierden und Abgründe, um Lustmord und Ersatzhandlungen, versteckte Ängste, tödliche Obsessionen, totale Freiheit und fatale Hingabe. Lars von Triers „Antichrist“ lässt grüßen. „Meine Bilder sind negativ, aber im schönen, irrealen Sinn“, erklärt Martin und schiebt umständlich die wandfüllenden Leinwände hin und her. „Ich harmonisiere das Böse und Abgründige.“ Ein bisschen hört sich das nach Märchen an. Dazu passt, dass Martin, der in Kassel aufwuchs und regelmäßig die Wälder drum herum, also die Grimm’schen Gefilde erkundete, einen Hang zur Tragik gesteht. „Wenn ein Deutscher in den Wald geht, ist das etwas anderes, als wenn das ein Kanadier tut“, erklärt er und meint damit die mythische Schwere, die sich wie ein Trauerflor durch die deutsche Kunstgeschichte zieht. Doch obwohl Martin damit klar seine geistige Heimat benennt, spricht er immer wieder vom „mindhungry traveller“, dem alles zur Verfügung stehe, außer Glück, Zufriedenheit und einem Zuhause – ein inneres Drama, von dem er auch selbst betroffen ist. „Ich bin ein Reisender“, sagt er, der schon fast in allen Ländern Europas gelebt hat, und resümiert: „Der Tourist findet in der westlichen Welt keine Abenteuer mehr, außer im Kopf oder der eigenen Sexualität.“ Mit seiner Malerei wolle er genau das darstellen, aber – mit Nietzsche gesprochen – „moralinfrei“, also ohne erhobenen Zeigefinger. Und auch jenseits des Zynismus eines Michel Houellebecq, selbst wenn er dessen Sicht auf den desolaten Menschen teilt, der per Sextourismus das Glück in der Ferne sucht – und scheitert.
Bei aller Intimität, die seine neuen Bilder darstellen: Martins Blick bleibt distanziert, egal ob er ihn auf die Welt als Supermarkt richtet oder auf den Menschen als Elementarteilchen. Die Vergeblichkeit, die sich in ihnen zeigt, die Sehnsucht nach Nähe und deren Unerfüllbarkeit sind große, uralte Themen, gebannt unter einer dicken Schicht Zuckerguss, die den Betrachter außen vor lässt. Es ist eine konzeptionelle Kälte, mit der Martin die Krankheit des postmodernen Menschen seziert – des „mindhungry traveller“, der nach Eindrücken hungert und zugleich an ihnen erstickt. Eingefasst in schwere, versilberte Rahmen, zeigen diese Bilder aber noch etwas: Die Kunst, sich neu zu erfinden und trotzdem die eigene Haltung zu wahren. Dass unter dem Silber Blattgold liegt, signalisiert, dass der Deckel der Trickkiste nicht versiegelt ist.
Preise zwischen 10.000 und 60.000 Britische Pfund.