artnet-Interview Bernd Koberling

„Endlich ist alles unendlich“

Frank Frangenberg
3. Mai 2006
Frank Frangenberg: Warum haben Sie, bevor sie Malerei studierten, Koch gelernt?

Bernd Koberling: Um mit dem Malen zu beginnen.

Frank Frangenberg: Ist das wirklich so?

Bernd Koberling: Stellen Sie sich vor, ich hätte dem Wunsch meines Vaters entsprochen und wäre Schreiber geworden. Aber die Schule war es nicht und ich bin vom Gymnasium geflogen. Bei Gesinnungsaufsätzen habe ich am Ende ein weißes Papier abgegeben. Also bin ich in die Kochlehre gegangen. Der Weg in die Küche war der Transit zur Malerei. Während der Lehre habe ich relativ schnell begonnen zu malen. Beim 17jährigen Koberling stand es von einer Sekunde auf die andere fest, als ich die ersten drei Bilder gemalt hatte, plötzlich, als hätte mich der Heilige Geist getroffen: Du wirst Maler.

Frank Frangenberg: Wie bereite ich denn am schmackhaftesten einen Lachs zu?

Bernd Koberling: Mal langsam. Erst muss er ja gefangen werden. Den schmackhaftesten Lachs macht mir ein Sushi-Meister, das kann ich nicht wirklich gut.

Frank Frangenberg: Lachse fängt man mit künstlichen Fliegen. Entwerfen Sie Ihre Köder zum Fliegenfischen selbst? Haben Sie ein besonders erfolgreiches Modell?

Bernd Koberling: Erfolgsmuster hin und her, Fliegen binden ist eine meditative Tätigkeit, die ich gerne und gut leiste. Es muss kein Fehler sein, gute Fliegen zu haben. Aber: Es ist das fischende Auge und die führende Hand, die der Fliege im Wasser eine natürliche Bewegung verleiht. Geistesgegenwart und Erfahrung: Das entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Das bewährte Muster von heute hat morgen schon keine Relevanz mehr. Das Wetter und der Wasserstand haben sich geändert. Auch in der Kunst haben wir das immer wieder erlebt.

Frank Frangenberg: Auf den ersten Blick entfaltet sich ihr Oeuvre in Werkblöcken, die einander ablösen. Warum arbeiten Sie in Serien?

Bernd Koberling: Den Begriff Serie empfinde ich heute als zu schematisch und zu bürokratisch. Bei jeder Serie hat man einen besonderen Plan. Dieser Plan arbeitet zwangsläufig mit Ausgrenzungen, mit Verlusten, um dem spezifischen Ergebnis näher zu kommen. Man kann nicht alles zur gleichen Zeit machen. Wenn ich alles zeichnen würde, was ich sehe, entstünde ein schwarzes Blatt Papier. Ich muss auswählen, selektiv sein. Immer wieder gewinnt man neue Erfahrungen, die noch nicht zu verarbeiten sind, aber die nächsten Schritte notwendig machen. Aus den großen „Lavaformationen“ haben sich die „Kormorane“ entwickelt. Und aus den Gesten der „Tiere“ haben sich dann die „Menschen“ entwickelt. Diese Werkgruppen haben eine Kontinuität in ihrer Bildgeschichte. Es ist nie so, dass ich etwas nur illustriere, mich hat bei allen Bildern immer das Wesen von Malerei interessiert und ich hätte nie ein Bild stehen lassen, wo sich ein mir wichtiger Inhalt transportiert, ich aber mit der malerischen Realisation nicht zufrieden gewesen wäre.

Frank Frangenberg: Es ist also eine Frage der Intelligenz und der Selbstdisziplin?

Bernd Koberling: Zur Intelligenz eines Malers, wie ich sie verstehe, gehört es ja den richtigen Gegenstand zu finden um dieses Bild malen zu können. Wenn ich einen Klatschmohn male, geht es mir um die rote Farbe. Wenn ich unter Bäumen male, interessiert mich grün, gelb, schwarz. Letztlich geht es immer um das nie gesehene Bild.

Frank Frangenberg: Entdeckt habe ich Sie für mich erst, als ich vor ein paar Jahren auf der Art Cologne bei Ascan Crone eines ihrer großformatigen Bilder auf Aluminiumplatten, die riesengroßen Aquarellen ähneln, entdeckte. Das war exzeptionell, ohne Vergleich. Wie kam es dazu?

Bernd Koberling: Erst Mitte der 1990er Jahre begann ich in Island mit dem Malen von Aquarellen. Über die Jahre musste ich überflüssige Energien abarbeiten, um das Machen zu können. Während ich in Berlin vor allem Nachtarbeiter bin, stehe ich in Island morgens auf und male draußen, wenn es das Wetter zulässt, oder wenn es bei Nordostwind und 4 bis 5 Grad regnet, arbeite ich in meiner kleinen Küche; gegen sechs Uhr Abends werfe ich den Generator an, damit ich Strom habe für Telefon und Fernseher, um 19 Uhr sehe ich die Wetternachrichten, bleibt es oder ändert es sich, davon hängt mein Plan für den nächsten Tag ab. In Island ändert es sich eh immer. Die moderne Aquarelltechnik ist auf einer feuchten Insel erfunden worden, im England des 18. Jahrhunderts. In Island ist die Luft feucht und das Papier behält seine Ruhe. Was mich an den Aquarellen so faszinierte, waren die Zwischenräume und die Transparenz der Farbe. 1999 kam der Schub von außen durch den Wettbewerb zur Gestaltung des Justizministeriums. Ich musste mit einer großen Wandwelle fertig werden, der Farbträger sollte sich also biegen lassen: Eine intime Atmosphäre war gefordert, in einem 30 Meter langen Raum. Ich will Bilder malen wie große Aquarelle , habe ich damals gesagt. Wie das gehen sollte, wusste ich nicht. Aber wir gehen ja nicht nur nach vorne, wir gehen auch wieder zurück - was ist liegen geblieben? Ein halbes Jahr zuvor hatte ich bereits mit Ölfarbe auf Aluminiumplatten gemalt. Plötzlich fielen sie mir wieder ein. Als das erste große Bild fertig war, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Was war passiert? Ich hatte tatsächlich die Transparenz der Aquarelle auf neue und technisch andere Art, nämlich mit Acrylfarbe auf einem festen, eigentlich starren Untergrund optisch erfahrbar gemacht. Zwischen diesen Anfängen und den letzten Arbeiten, die in der Berlinischen Galerie hängen, ist schon ein großer Unterschied, es sind ja auch sieben Jahre vergangen: Sie sind verdichteter heute, in der Komposition komplexer.

Frank Frangenberg: Ihre Arbeiten seit 1999 bieten dem Betrachter eine gelöste, sinnliche Welt, voller Großzügigkeit, ohne Einschränkung.

Bernd Koberling: Ich hatte immer Schwierigkeiten, etwas mit einer statischen Kontur zu benennen. Ein Apfelbaum ist ja auch immer in Bewegung, wir sehen es bloß nicht. Er wächst, er biegt sich, Äste knicken ab. Erst durch das Malen am Boden an den Platten ist es mir gelungen mit dem kalkulierten Zufall zu arbeiten. Ich operiere manipulativ, mit dem, was sich aus dem Malvorgang ergibt.

Frank Frangenberg: Denken Sie auch, dass Ihre aktuelle Produktion seit sieben Jahren sich immens unterscheidet von allen vorhergehenden Arbeiten?

Bernd Koberling: Dass es etwas Besonderes ist, das weiß ich schon. Man will ja am Ende das Malen, was man noch nicht gesehen hat. Ich habe nie dick Öl geschmiert. Für mich war Malerei immer dünn. Velazquez ist dünn, Giotto ist dünn, Rembrandt ist dünn. Cezanne ist dünn. Malerei ist etwas ganz Einfaches. Es muss immer wieder neu erfunden werden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es gar nicht so viele Bilder gibt, die gemalt werden wollen, die sich einprägen und das Gedächtnis der Bilder bereichern.

Frank Frangenberg: Wenn Sie die Möglichkeit hätten: was würden Sie im Leben aller gerne ändern?

Bernd Koberling: Zunächst würde ich gerne sehen, was diese „alle“ ändern möchten, und dann darüber nachdenken, ob mir nicht doch anderes wichtig ist. Und dieses dann, falls Nachfrage besteht, zur Verfügung stellen. Wissen Sie, als ich jünger war, habe ich gerne „bitte, bitte“ gesagt, heute sage ich lieber „danke, danke“.

Frank Frangenberg: Und was würden Sie in Ihrem eigenen Leben ändern oder anders machen wollen?

Bernd Koberling: Wenn ich könnte: die Schaffenszeit ein wenig dehnen, damit ich immer wieder alles anders machen kann, mit gesammelten Energien Sprünge machen zu können, aber im Wesentlichen derselbe zu bleiben. Es gibt kein Werk, das ich anders machen würde. Ich korrigiere später auch keine Bilder mehr. Die waren notwendig, bis hin zu biografischen Notwendigkeiten. Ein wenig Fluxus trage ich in mir, nämlich den Wunsch, Kunst und Leben zusammen zu führen, um die Vergeblichkeit wissend. Trotzdem sind die biografischen Aspekte nicht ganz ohne Grund, ohne die Freundschaft mit Dieter Roth wäre ich ja nicht in Island gelandet. Ich würde mich freuen, wenn ich solange wie möglich arbeiten kann. Nun bin ich in der dritten Phase eines Mannes, dem Warten auf den Tod - nicht so heavy gemeint, wie Sie denken mögen. Es ist die Phase der Gelassenheit, des Abstandes, der Konzentration – endlich ist alles unendlich.

Frank Frangenberg: Ist es dann die schönste Phase?

Bernd Koberling: Ja. Eigentlich ja. Zu irgendeiner kleinen Überraschung bin ich bestimmt noch in der Lage. Ich weiß nicht genau, wie es aussieht, was ich morgen machen werde – sonst könnte ich es ja auch lassen. Gelingt es nicht, werde ich wütend. Und muss sofort … Haben wir die Arbeit erst mal soweit geleistet?

Frank Frangenberg: Danke Ihnen für das Gespräch.


Malerei ist etwas ganz Einfaches von Frank Frangenberg
Bernd Koberling, Berliner Maler mit Islandsehnsucht, hat ein außergewöhnliches Werk in den letzten Jahren geschaffen. Ein Porträt und ein Interview mit dem Künstler.


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