31. Oktober 2011
ART.FAIR 2011 – Köln. Vom 29. Oktober bis 1. November 2011
Die Kölner Kunstmesse ART.FAIR, ursprünglich 2003 von Andreas Lohaus und Walter Gehlen als Ergänzung zur Art Cologne und mit Kunst bis maximal 5.000 Euro ins Leben gerufen, war schon immer lauter, bunter und schriller als die meisten anderen Kunstmessen. Das hat sich auch mit der neunten Ausgabe nicht verändert. Im Gegenteil: Mit der BLOOOM, die letztes Jahr als interdisziplinäre Messe innerhalb der Messe gegründet wurde, erweitern die Veranstalter den Rahmen sogar und wollen gleich die gesamte Kultur- und Kreativwirtschaft in das Staatenhaus am Kölner Rheinpark einladen.
Eigentlich eine gute Idee – könnte man denn ein geschlossenes Konzept dahinter erkennen. So jedoch treibt die BLOOOM leider leicht beliebige, gar bizarre Blüten – die 50 Aussteller stammen aus den Bereichen bildende und darstellende Kunst, Design, Musik, Mode, Literatur, Film, Rundfunk, Architektur, Presse, Werbung, Software und Games. Comic- und Streetart-Illustrationen hängen hier neben Umhängetaschen mit New York-Motiven, kitschigen Lichtkunst-Videos und Leinwänden in Street-Art-Manier, auf denen Papst Benedikt XVI. Batman die Zunge in den Hals steckt.
Natürlich gibt es auch Leiseres, aber durchaus Spannendes zu entdecken – Lars Henkels surreale Schwarz-Weiß-Fotomontagen bei Cell63 ArtGallery oder die kleinformatigen Stadtansichten aus Toronto und Berlin des Illustrators Christian Rothenhagen zum Beispiel. Auch die Modeboutique Chang 13° aus Köln gehörte mit den winzigen Gerhard-Richter-Ikonen, die als 25er-Auflage zu 12,50 Euro das Stück verkauft werden, fast schon zu den ironisch-subversiven Höhepunkten. Insgesamt könnte die BLOOOM, die von der für lautere Töne bekannten Galeristin Yasha Young geleitet wird, weit mehr sein als sie bislang ist. Dafür müsste sie allerdings ihr Profil deutlich schärfen, sich von Beliebigem und Gefälligem trennen – und sich zur Not auch verkleinern. Im PR-Sprech der ART.FAIR-Leitung würde man dann wohl von „konzentrieren“ sprechen.
Das gilt übrigens auch für den Rest der Messe. Die wurde zwar um den sehr schönen und luftigen Goldsaal im Obergeschoss des Staatenhauses um 28 auf insgesamt 85 Galerien erweitert – aber auch hier herrscht eher Masse statt Klasse. Gute und etablierte Positionen sind nicht leicht zu finden – es dominiert fast überall Kitsch, Pompöses und (immer wieder) der Vorschlaghammer. Sehr beliebt ist es momentan offenbar, Politiker und Diktatoren mit Vertretern der Popkultur und/oder Alltagsgegenständen zu kombinieren.
Diese gezielte Grenzüberschreitung und das damit verbundene Schockieren wird auf der ART.FAIR gerne als Schweizer Taschenmesser eingesetzt. Die Künstler der St. Art Gallery aus den Niederlanden machen von dieser Allzweckwaffe besonders gerne Gebrauch: Da schraubt sich ein Jesus Christus mit einem Akkubohrer auch schon mal selbst ans Kreuz (von Bart Jansen). Andernorts werden die Köpfe von Amy Winehouse und Mahmud Ahmadinedschad als Teekannen benutzt (von Charles Krafft). Angela Merkel als Zitronenpresse ist zwar auch nicht subtiler – aber die findet man dafür auch eher in Souvenirshops denn auf vermeintlichen Kunstmessen.
Doch je mehr Kitsch auf der einen Seite, desto stärker können andere Positionen strahlen – besonders im Bereich der Porträtmalerei: So ziehen Axel Sanson, Nina Nolte und Juan Béjar bei Thomas Punzmann Fine Arts sowie Martin Stommel und Markus Fräger bei der Galerie Mühlfeld + Stohrer viel Aufmerksamkeit auf sich. Ein Magnet ist auch Igor Oleinikov bei der Galerie Döbele: Seine Leinwände belebt eine Mischung aus feinster Zeichnung und Gekritzel, leuchtenden Flächen und wilden, dicken Ölfarbaufträgen. Zu sehen sind konzentrierte, in sich gekehrte Männer bei der Jagd.
Still kommt auch Jochen Pankraths Gemälde Allee daher, zu sehen in der Galerie – Edition Purrmann, das eine fast leere Straße in einer deutschen Einfamilienhaussiedlung zeigt. Wer noch mehr Ruhe braucht, stellt sich am besten gleich vor die reduzierten Flächen des Japaners Hideaki Yamanobe in der Koje des Kölner Kunstraum 21 oder vor die stark an Gerhard Richters späte Arbeiten erinnernden Leinwände Harald Gangls.
Bemerkenswert sind die halbabstrakten Papier- und Leinwandarbeiten des 1983 geborenen Gustavo Díaz Sosa, zu sehen bei Víctor Lope aus Barcelona: Seine kleinen, dunklen Figuren, die nur aus wilden Strichen bestehen, treten meist im Kollektiv in einer postapokalyptischen Landschaft auf. Humorvoll geht hingegen Gerard Mas bei 3 Punts mit seinen Büsten junger Damen um – sie tragen zwar die Kleidung der Renaissance, aber auf ihrer Haut zeichnen sich deutlich die Spuren eines Bikinis nach zu langem Sonnenbad ab. Der in München lebende Ransome Stanley setzt sich in seinen meist stillen, monochromen Collagen mit seinen deutsch-afrikanischen Wurzeln auseinander. Diese Arbeiten sind bei der Artco Galerie zu sehen, die auch in Sachen Fotografie zu den wenigen Messe-Highlights gehört. So zeigt die Galerie aus Herzogenrath die intensiven und zugleich verstörenden Porträts von Gordon Clark, der den im vergangenen Sommer verstorbenen Leon Botha begleitet hat.
Auffällig unauffällig ist auch die Präsentation von Jessica Backhaus beim Projektraum Knut Osper: Ihre ruhigen, poetischen Beobachtungen des Alltags haben nichts Marktschreierisches – und wirken im Messetrubel deshalb besonders wohltuend.