26. August 2011
ArtRio, Rio de Janeiro. Vom 8. bis 11. September 2011
Rio hat es nicht leicht. Als aufregender und zeitgenössischer gilt seit jeher der Kunststandort São Paulo mit seiner 2012 zum 30. Mal stattfindenden Bienal de São Paulo, die nach der venezianischen die zweitälteste ihrer Art weltweit ist. Auch die dortige Kunstmesse SP-Arte, die im Mai dieses Jahres in ihrer siebten Ausgabe stattgefunden hat, sowie der Kunst, Antiquitäten und Juwelen gewidmete Salão de Artes, soeben bis Ende August zum sechsten Mal abgehalten, tragen zu diesem Image bei. Zu verdanken ist die relative Dichte an Galerien und Veranstaltungen vor allem der Geschichte São Paulos als wichtiger internationaler Kunsthandelsort, seit ein paar Jahren aber ebenfalls der Finanzkraft des wichtigsten Wirtschaftsstandortes Brasiliens mit über zehn Millionen Einwohnern. Dass das Land angesichts seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung auch auf dem zeitgenössischen Sektor längst keine exotische Kunstmarktenklave mehr ist, so dass Orchideenkatalögchen der Auktionshäuser mit dem ein oder anderen lateinamerikanischen Zeitgenossen schon lange der Geschichte angehören, beweisen die fulminanten Ergebnisse diverser Frühjahrauktionen brasilianischer Kunst während der lateinamerikanischen Sales. Phillips de Pury widmete dem fünftgrößten Staat der Erde und seinen Wachstumsfreunden Russland, Indien und China im April gar einen Sonderkatalog mit dem Titel „BRIC“, ein 2001 vom Goldman Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill geprägter Begriff für die progressionsfreudigsten Länder der Welt, zu denen seit Mitte dieses Jahres auch Südafrika gehört. Doch zurück zu Brasilien: Dessen Sammler besuchen Messen in den USA und Europa und auch andersherum ist der Austausch ebenfalls wieder reger als noch vor ein paar Jahren. Längst hat sich eine eigene Sammlerschaft auch außerhalb des Landes gebildet. Dieser Entwicklung trägt nun die Gründung einer zeitgenössischen Kunstmesse Rechnung, deren Macher Elisangela Valadares und Brenda Valansi Osorio betonen, sie wollten Rio de Janeiro den Anschluss an den internationalen Markt ermöglichen, den lokalen Markt stimulieren und Kunst allen Schichten zugänglich machen. 20.000 Besucher hat man für die erste Ausgabe der ArtRio angepeilt, die vom 8. bis 11. September in zwei Gebäuden am Píer Mauá nahe des Hafens der Stadt stattfinden wird. Die Zahl beherzt teilnehmender Europäer ist für eine erste Ausgabe mit 80 Galerien recht ansehnlich. Den Sprachvorteil nutzen vor allem die portugiesischen Galerien. Neben Cristina Guerra Contemporary Art, 3+1 Arte Contemporânea, Galeria Mário Sequeira, und Vera Cortês art agency nehmen die Galeria Baginski, die Galeria Filomena Soares sowie die Galeria Nuno Centeno an der Premiere teil. Bendana-Pinel und die Galerie Hussenot, beide aus Paris, nehmen den weiten Weg ebenso auf sich wie Fernando Pradilla aus Madrid und die Galeria Horrach Moya aus Palma de Mallorca. Dem hohen, kühlen Norden entflieht nur IMO aus Kopenhagen. Leon Tovar Gallery und Magnan Metz Gallery aus New York sind die einzigen Teilnehmer aus den USA, Tristan Koenig aus Melbourne in Rio Alleinherrscher aus Australien. Aus Deutschland reisen die in Berlin ansässigen Galerie Crone und Galerie koal an. Stephan Koal, dessen Galerie junger zeitgenössischer Kunst seit 2006 besteht, stand artnet vor seiner Abreise nach Rio für Fragen zu seiner Teilnahme an der Messe zur Verfügung.
artnet: Sie nehmen als einer der wenigen europäischen Galeristen an der ArtRio teil. Wie ist die Idee dazu entstanden, der Kontakt zustande gekommen?
Stephan Koal: Seit jeher bin ich von der brasilianischen Moderne der 1950er- und 60er-Jahre und der herausragenden Stellung der Abstraktion innerhalb der brasilianischen Kunst fasziniert. Bei meinem letzen Aufenthalt in Rio lernte ich eine der Initiatorinnen der Messe kennen. Sehr schnell war ich von der Idee begeistert, meine Künstler in Rio zu präsentieren. Gerade auch weil sich die Faszination für die Moderne direkt im Programm meiner Galerie wieder findet.
Wie ist ihr bisheriger Bezug zu Brasilien? Kennen Sie Künstler und/oder Sammler?
Seit 2006 reise ich regelmäßig nach Rio und konnte so die sehr positiven Veränderungen der letzten Jahre miterleben. Dabei haben sich verschiedenste Kontakte innerhalb der Kunstszene ergeben und über die Jahre gefestigt.
Ist die Teilnahme an der Messe sehr aufwändig für Sie? Was bringen Sie dorthin mit?
Die Präsentation ist gut geplant und bis jetzt gab es keine Probleme. Wir zeigen neue Arbeiten von Katinka Pilscheur und Ingo Mittelstaedt. Von Pilscheur zeigten wir monochrome Lackbilder und eine Skulptur. Unter anderem einen roten Farbverlauf vom Chanel Nagellack auf Leinwand, ausgehend von der Kultfarbe „rouge noir“. Von Mittelstaedt werden Fotografien zu sehen sein, die sich ebenfalls mit dem Thema Malerei und Farbe auseinandersetzen.
Sie haben bisher keine südamerikanische Position im Programm. Schon einmal darüber nachgedacht, das zu ändern?
Ich bin immer auf der Suche nach jungen eigenwilligen Künstlern und auch am Austausch mit internationalen Galerien interessiert. Spannende Gespräche und neue Kontakte in Rio wird es bestimmt geben.
Ist die Gründung einer Kunstmesse in Rio ein Hinweis darauf, dass sich der dortige Kunstmarkt weiter internationalisiert? Was sind Ihre Erfahrungen?
Gerade in den letzen Jahren hat sich die Kunstszene unter dem Eindruck einer allgemeinen Aufbruchstimmung in Brasilien sehr rasant entwickelt. Die Neugier auf neue Positionen nimmt zu, so dass sichder Kunstmarkt in den nächsten Jahren sicherlich deutlich internationalisieren wird.
Glauben Sie, die ArtRio kann eine regelmäßige Institution auf dem Kunstmarkt werden? Oder sehen Sie sie mehr als Experiment, auch für sich selber?
Ich denke die Chancen für eine neue Messe in Südamerika stehen gut. Gerade im Spannungsfeld zur São Paulo Biennale kann ich mir eine erfolgreiche Entwicklung der ArtRio in den nächsten Jahren gut vorstellen. Ich sehe ihr auf jeden Fall mit Spannung entgegen und freue mich drauf!