28. Februar 2009
Es ist der Morgen danach. Die Party ist vorüber, der Rausch vorbei. Die Kopfschmerzen sind so ausgeprägt, dass innere Werte plötzlich attraktiv erscheinen und Einkehr und Besinnung wie der nächste Hype gepriesen werden. Fast scheint es, als habe der Kunstbetrieb die Zeit der Rekordrenditen und ständigen Preisüberbietungen bereits aus dem Bewusstsein verdrängt. Der Glamour der nackten Zahlen scheint einer vergangenen Epoche anzugehören. Wer sich gestern noch von Auktionsergebnissen hypnotisieren ließ, glaubt heute an die „Rückkehr zum Inhalt“ und den Charme der Bescheidenheit. Mit der Wirklichkeit haben diese saisonalen Bußübungen jedoch nur wenig zu tun.
In Wahrheit hat sich die bildende Kunst viel nachhaltiger zu einem Börsenbetrieb entwickelt, als eine Rezession das korrigieren könnte. Das liegt nicht allein daran, dass gegenwärtig auf allen großen Entertainment-Märkten Qualität als entbehrlicher Luxus verstanden wird und Kunst heute ökonomisch zu einer Unterhaltungssendung mit Quotenzwängen geworden ist. Viel entscheidender ist, dass die von öffentlicher Hand finanzierten Reservate künstlerischer Autonomie schneller schrumpfen als die Naturschutzgebiete. Der private Sammlermarkt refinanziert inzwischen die eigentlichen Experimente, während die Museen von der Politik als Tourismusmaschinen in die Pflicht genommen werden. Die Kunst sah in der allerjüngsten Vergangenheit da am radikalsten, wandlungsfähigsten und unabhängigsten aus, wo der Markt ihr großzügigen Auslauf ließ oder die Selbstausbeutung unterbezahlter Avantgardisten allen Systemzwänge entging. Künstler konnten da mit der nötigen Sturheit ihre Autonomie verteidigen, wo privates Geld über die Schrumpfung der Standards hinwegzutäuschen vermochte oder wo Kreativität sich aus Idealismus selbst finanzierte.
Geld ist unter diesen Umständen kein Luxus, sondern entscheidet über Wert und Inhalt dessen, was als Kunst in Zukunft vorstellbar ist. Der Preis des Kunstwerks schien zuletzt zur Lebensversicherung der künstlerischen Freiheit zu werden. Die lang anhaltende Hausse im Kunstbetrieb sicherte jedenfalls zuletzt mehr schöpferische Autonomie als die dafür vorgesehenen Institutionen. Woraus freilich nicht zu schließen ist, dass die überbordende Autonomie sinnvoll in Anspruch genommen worden wäre. Unübersehbar sind die Kunstprodukte, die von ihrem eigenen Wertversprechen bis zur Groteske aufgebläht wurden. Der Hype belohnte noch den flachsten Blödsinn. Die Scharlatanerie wurde in schöner Analogie zu den Exzessen der Finanzmärkte zum Spezialmarkt eines rekordsüchtigen Investitionsbetriebs. Nicht nur die Tour de France war gedopt. Auch die Abendauktionen protzten mit künstlichem Muskelaufbau und leistungssteigernden Blitzideen.
Das in Zusammenarbeit mit dem Florentiner Centro di Cultura Contemporanea Strozzina (CCCS) entstandene artnet-Dossier „Art, Price & Value“ postuliert deshalb nicht die „Rückkehr der Inhalte“, sondern fragt direkt und umweglos nach dem Wert der Kunst. Was kostet die Kunst und wer entscheidet über ihren Preis? Gibt es noch verbindliche Kriterien für Wert und Werte? Ist das Teure und Rare eine Welt für sich, eine Sphäre des Luxus? Gibt es sinnvolle Kriterien, mit denen sich Übertreibung und Preisgerechtigkeit voneinander abgrenzen lassen?
Franziska Nori hat in Zusammenarbeit mit Piroschka Dossi ein Ausstellungslaboratorium entwickelt, das diesen Fragen am konkreten Einzelwerk nachgegangen ist. Das artnet Magazin präsentiert die Essays und Analysen, die zu diesem Anlass als Katalogtexte publiziert wurden und stellt sie, ergänzt um Beiträge der artnet-Autoren, in einer heute beginnenden Serie einem breiteren Publikum vor.
Wir fragen nicht nur, wer die Preise bestimmt. Wir fragen, was aus den Preisen wird, wenn wir an den Werten zweifeln. Und wir wollen wissen, auf welche Preise Wertbewusstsein angewiesen ist. Wir laden Sie ein, mit unseren Autoren einen Schritt vom Marktgeschehen zurückzutreten und eine entscheidende Frage zu diskutieren: Was ist die Kunst wert?