14. März 2009
Objekt A: Das größte Problem im Kunstbetrieb besteht darin, dass niemand weiß, was etwas wert ist. Aber jeder, mit dem ich spreche, weiß natürlich, was ihm sein Eigentum wert ist – nämlich immer noch so viel wie vor dem Crash.
Neulich erhielt ich eine Anfrage von einem Sammler, der einen geläufigen, aber doch recht attraktiven Druck von Andy Warhol suchte – Turtle (1985), bekannter unter dem Namen Sea Turtle. Ich rief also einen Kollegen an, der sich eines großen Bestands an Warhol-Drucken rühmt. Eine kurze Unterredung mit dem Direktor der Galerie ergab, dass sie in der Tat einen entsprechenden Siebdruck im Angebot hätten. Dann wurde mir der Kaufpreis genannt. 16.000,-- US-Dollar netto.
Ich: „Das klingt doch wie der alte Preis.“
Der Galerie-Direktor: „Genau.“
Dem schloss sich eine etwas alberne Unterhaltung an. Die Galerie hätte das Werk zu Boomzeiten gekauft, nämlich zum besagten Preis, und ein Verlust wäre inakzeptabel. Das gleiche gälte im Wesentlichen für den übrigen Galerie-Bestand. Ich entgegnete: „Wieso erwarten Sie von mir, dass ich den alten Preis zahle, wo der Marktwert womöglich um 50% niedriger liegt?“ Was sagte er mir darauf? So etwas wie: „Es liegt ja bei Ihnen, ob Sie den Preis akzeptieren oder nicht.“
Ich sagte: „Vielleicht ist mein Ansatz falsch, aber ich möchte doch nicht das Doppelte von dem zahlen, was die Arbeit wert ist. Und wenn auch noch andere wie ich denken, wie wollen Sie dann finanziell über die Runden kommen?“
An diesem Punkt wurde die Diskussion ein wenig abstrakt. Der Galerie-Direktor erwiderte: „Wir haben Sammlern, die dringend Geld benötigen, das Angebot gemacht, hochwertige Arbeiten anzukaufen. Wobei wir davon ausgehen, dass wir sehr wenig zahlen müssen. Auf diese Weise können wir Kunden, die nach wie vor kaufen, sehr gute Preise offerieren.“
Daraufhin ich: „Lassen Sie mich rekapitulieren. Sie wollen, dass ich und mein Sammler einen überhöhten Preis für Ware zahlen, für die Sie einen überhöhten Preis bezahlt haben. Auf der anderen Seite wollen Sie Werke zu Spottpreisen kaufen – vermutlich von den gleichen Sammlern, denen Sie die Arbeiten einst zu einem sehr viel höheren Preis verkauft haben?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.
Leider habe ich mir in letzter Zeit viele aberwitzige Gedankengänge dieser Art anhören müssen. Das ist vergleichbar mit der Argumentation eines Hausverkäufers, der sich weigert, seinen Preis den neuen Gegebenheiten anzupassen. Weil der Verkäufer ein so emotionales Verhältnis zu seinem Heim hat, dass er glaubt, gerade seines sei anders. Und genau deshalb, weil er so ein schönes Haus hat, sei es auch nicht im Wert gesunken. Die Behausungen der Nachbarn schon, aber die sind auch nicht so schön.
Objekt B: Das zweite große Problem auf dem Kunstmarkt ist die Lüge. Genauer gesagt, sind es die Händler, die lügen, wenn es um Ankaufspreise geht. Ich habe das neulich wieder erlebt. Ich hatte mich im Auftrag eines Sammlers auf die Suche nach einem bestimmte Gemälde aus Warhols später „Advertising“-Serie begeben. Also klickte ich bei artnet durch sämtliche 53 Seiten, auf denen Warhol-Arbeiten angeboten werden, und stieß dort wirklich auf das Werk. Minuten nur, nachdem ich dem Anbieter eine Anfrage geschickt hatte, erhielt ich folgende Antwort: „Wir haben die Arbeit seinerzeit für US-Dollar 200.000 erworben, sind aber bereit, sie für US-Dollar 140.000 zu verkaufen.“
Das klang zunächst ausgesprochen geradlinig. Da offenbarte mir ein völlig fremder Kollege seine Kostenkalkulation, als wären wir seit Menschengedenken Geschäftspartner. So im Sinne von: Seht meine Aufrichtigkeit! Nun könnte es ja sein, dass er tatsächlich die Wahrheit gesagt hat. Aber das bezweifle ich. Wenn der aktuelle Abschwung auf dem Kunstmarkt nämlich wirklich erst bei den New Yorker Auktionen im vergangenen November eingesetzt hat, dauert die Rezession jetzt gerade einmal gut drei Monate. Schwer vorstellbar, dass jemand nach so kurzer Zeit schon bereit sein sollte, einen Verlust von US-Dollar 60.000 hinzunehmen. Sicher, es könnte die pure Verzweiflung sein. Aber dann stellt sich folgendes Problem: Wenn besagter Galerist wirklich so dringend Geld bräuchte, wäre er realistisch gewesen und hätte das Werk zu seinem aktuellen Marktwert angesetzt, unter US-Dollar 100.000. So lässt sich an der Anekdote um „Objekt A“ die eine radikale Haltung ablesen („Ein Verlust kommt für mich nicht infrage.“). Hier hingegen haben wir es mit dem gegenteiligen Extrem zu tun.
Dabei wäre es an der Zeit, dass Galeristen und Händler mit sich selbst ins Gericht gehen, denn die Mai-Auktionen sind nur noch wenige Wochen entfernt. Wenn sie wirklich Werke aus ihren Beständen verkaufen wollen, sollten sie sich und uns derartigen Schmu ersparen. Wenn nämlich die Auktionshäuser in diesem Frühjahr die Strategie fahren, sich mit kleinen Umsätzen zufrieden zu geben, den niedrigstmöglichen Schätzpreis anzusetzen und um jeden Preis verkaufen zu wollen – Hauptsache verkaufen –, müsste man die Auktionshäuser auf deren eigenem Gebiet schlagen. Als Sammler müsste man den Galeristen jetzt Angebote machen, die auf den zu erwartenden Werten nach den Mai-Auktionen beruhen. Als Händler sollte man seine Bestände ähnlich taxieren. Oder man hätte sich damit anzufreunden, dass es einem ergeht wie den Händlern von Objekt A und Objekt B. In keinem der beiden Fälle kam es zu einem Verkauf.