14. März 2009
Der Konsum ist längst zur neuen leitenden Ideologie unserer Gesellschaft geworden. Der für den industriellen Frühkapitalismus charakteristische Glaube an die Produktion besteht nicht länger. Spätestens seit dem Untergang des Sozialismus sowjetischer Prägung ist klar geworden, dass die Gesellschaft, die sich dem Ziel einer forcierten Entwicklung der Produktivkräfte auf Kosten des persönlichen Konsums verschreibt, dadurch ihre Wirtschaft ruiniert. Der historische Kampf zwischen den Idealen der Arbeitsaskese und des Konsums wurde nicht durch moralische Überlegung, sondern durch wirtschaftliche Rationalität entschieden: Entgegen der Meinung vieler Soziologen und Wirtschaftstheoretiker hat sich die dekadente Konsumorientierung, verglichen mit der protestantischen Arbeitsethik, als wirtschaftlich effektiver erwiesen. Die Produktion geht nämlich nicht voran, wenn die Nachfrage fehlt. So gilt heute nicht die Produktion, sondern der Konsum als erste Bürgerpflicht. In Zeiten der Krise und des Krieges fordern die Politiker von heute nicht mehr, sparsam zu sein und den Gürtel enger zu schnallen, sondern umgekehrt, noch mehr zu kaufen, damit die Wirtschaft weiter laufen kann. Dementsprechend steht der Mensch von heute unter einem gesellschaftlich auferlegten Konsumzwang, dem er kaum entgehen kann.
Nun fragt man sich aber, welche Position die Kunst in dieser aktuellen Lage einnimmt, die sich durch eine gesellschaftliche Privilegierung des Konsums charakterisiert. Auf den ersten Blick wird die Kunst dadurch in eine schwierige Lage gebracht, denn der Künstler wird zumeist als Produzent angesehen, der durch seine handwerkliche Arbeit den Kunstmarkt bedient, welcher seinerseits einen Teil des allgemeinen Warenmarkts darstellt. In dieser Perspektive gesehen scheint die Position des Künstlers in der Tat zumindest in zweierlei Hinsicht wenig vorteilhaft. Erstens kann der einzelne Künstler unter den Bedingungen des Massenkonsums nicht mit Mode, Werbung oder kommerziellem Design konkurrieren – seine Produktion scheint dazu verurteilt, in der visuellen Welt der heutigen Massenkultur unterzugehen. Vor allem aber scheint der Künstler durch die allgemeine Abwertung der Produktion seine traditionelle Würde als vorbildlicher, kreativer oder gar genialer Produzent zu verlieren. Lange Zeit galt die künstlerische Kreativität nämlich als Verkörperung der wahren, authentischen, genuin menschlichen Produktion, die als positives Ideal der entfremdeten Arbeit entgegengestellt wurde, der die Mehrheit der Bevölkerung in der Moderne nachgeht.
Seitdem wurde dieses Ideal nicht nur durch die Aufwertung des Konsums gesellschaftlich abgewertet, sondern auch theoretisch grundsätzlich infrage gestellt. Der strukturalistisch-poststrukturalistische Diskurs hat bekanntlich den Tod des Autors verkündet, womit gemeint ist, dass der Künstler nicht imstande ist, neue, authentische, originäre Bedeutungen und Formen in die Welt zu setzen. Jeder Künstler ist doch vor allem ein Benutzer, wenn man so will, ein Konsument des Mediums, in dem er arbeitet – und kann deswegen nichts anderes produzieren als das, was dieses Medium, sei es Sprache oder Bild, ihm zu produzieren erlaubt. Damit wurde der Künstler scheinbar endgültig seiner kulturellen Mission beraubt – und der Logik des allgemeinen gesellschaftlichen Konsums unterworfen.
Eine solche – übrigens ziemlich weit verbreitete – Einschätzung übersieht aber die Tatsache, dass die gesellschaftliche Rolle des Künstlers in den letzten Jahrzehnten einen tief greifenden Wandel durchgemacht hat. Vom vorbildlichen Produzenten ist der Künstler nämlich zu einem vorbildlichen Konsumenten geworden. Vor allem im Rahmen der heute eindeutig dominierenden Installationskunst wie auch im Bereich der neuen Medien operiert der Künstler nämlich gleichermaßen sowohl mit selbst produzierten wie auch mit fremdproduzierten Objekten. Der Akt der Kunstproduktion ist selbst zu einem Akt des Shopping geworden. Der Künstler entnimmt nämlich der Massenkultur, in der er lebt, Bilder und Objekte und verwendet sie für die Erschaffung eigener Räume – so wie es jeder Konsument auch tut. Nur tut es der Künstler in einem Ausstellungsraum – und somit auf eine ostentative und vorbildliche Weise. Schon seit Marcel Duchamp und spätestens seit der Pop Art versteht sich der Künstler nicht länger als Produzent, sondern vielmehr als ein exklusiver Konsument anonym produzierter und in unserer Kultur immer schon zirkulierender Dinge. Kein Künstler will heute den Anspruch erheben, am Ursprung seines Werkes zu stehen oder Bedeutungen und Formen originär zu produzieren. Die Kunst steht heute nicht mehr am Ursprung des Kunstwerks, sondern an seinem Ende. Die Signatur eines Künstlers bedeutet nicht mehr, dass der Künstler einen bestimmten Gegenstand produziert hat, sondern dass er diesen Gegenstand verwendet hat – und zwar auf eine besonders interessante Art und Weise. Der Künstler demonstriert damit, wenn er erfolgreich ist, allerdings die Fähigkeit, den Anspruch auf Autorenschaft zurückzuerobern, indem er die serielle, anonyme, unpersönliche Bild- und Dingproduktion so gebraucht, dass dieser Gebrauch von der Gesellschaft als ein auktorialer anerkannt wird. Nicht zufällig will der Künstler von heute nicht mehr kreativ sein, sondern kritisch. Die kritische Einstellung ist aber nicht für den Produzenten, sondern allein für den Konsumenten charakteristisch. Der Produzent kritisiert nicht – vielmehr bietet er seine Produktion dem Konsumenten dar, der das Privileg genießt, das vorhandene Angebot kritisch zu prüfen und zu beurteilen. Allein die Tatsache, dass die avancierte heutige Kunst nicht kreativ, sondern kritisch sein will, zeigt somit deutlich genug den inzwischen vollzogenen Rollenwechsel des Künstlers vom Produzenten zum Konsumenten.
Dabei ist es besonders interessant und für die ideologischen Mechanismen der modernen Gesellschaft ausgesprochen charakteristisch, dass die theoretische Kritik am Begriff der Kreativität zunächst einem völlig anderen politischen Entwurf folgte als demjenigen, aus dem Künstler einen Konsumenten zu machen. Die Kritik an der Auratisierung der Kunstproduktion hatte nämlich zunächst einmal das Ziel, den Künstler zu entthronen und ihn den anderen modernen Produzenten gleichzustellen. Die berühmte Forderung der historischen Avantgarde an die Kunst, ihre technischen Verfahren offenzulegen und den Geniebegriff aufzugeben, wollte zunächst eine Gleichstellung zwischen dem Künstler und dem industriellen Arbeiter erreichen. Im 20. Jahrhundert wurde die Kunstproduktion durch die Avantgarde (von Kazimir Malevič und Piet Mondrian über Josef Albers und Sol LeWitt bis Daniel Buren, um nur die Maler zu erwähnen) dermaßen formalisiert, technisiert und entpersönlicht, dass alle Spuren der körperlichen Präsenz des Künstlers im Kunstwerk tendenziell getilgt wurden, so dass dieses Werk mehr und mehr begann, dem industriell gefertigten Produkt zu ähneln. Parallel dazu wurden die Readymade-Technik sowie unterschiedliche Varianten der Medienkunst entwickelt, die die Spuren der körperlichen Präsenz des Künstlers in seinem Werk fast vollständig ausradiert haben.
Nun hat aber die Reinigung der Kunst von jedem Verweis auf eine bei seiner Herstellung physisch geleistete Arbeit den Künstler im Endeffekt keineswegs dem industriellen Arbeiter gleichgestellt. Ganz im Gegenteil hat sich der Künstler dadurch von jeder Art der Produktion radikal entfernt und stattdessen vielmehr in die Nähe der Verwaltung, der Planung, der Führung – und schließlich in die Nähe des Konsums gestellt. Der Blick des Künstlers wurde „entkörpert“ – er wurde zu einem konsumierenden Blick, der nicht „arbeitet“, sondern nur kritisiert, beurteilt, entscheidet, auswählt und kombiniert. Und deswegen kann dieser Blick auch immer wieder „verkörpert“ werden: sooft jemand Lust hat, die Verfahren, die der Künstler offengelegt hat, das heißt die Entscheidungen, die er durch seinen Blick getroffen hat, nachzuvollziehen. Diese Verwandlung zeigt sich besonders deutlich durch die veränderte Stellung des Künstlers in der Zeitökonomie des Blicks. Die überragende Arbeits-, Zeit- und Kraftinvestition, die für die Schaffung eines traditionellen Kunstwerks benötigt wurde, stand nämlich in einem äußerst irritierenden Missverhältnis zu den Bedingungen des Kunstkonsums, denn nachdem der Künstler lange Zeit an seinem Werk hart arbeiten musste, durfte der Betrachter dieses Werk mühelos und mit einem Blick konsumieren. Daher die traditionelle Überlegenheit des Konsumenten, des Betrachters, des Sammlers über den Künstler-Maler als Zulieferer von Bildern, die er in mühsamer physischer Arbeit herstellen musste. Als Fotograf, als Videokünstler oder als Readymade-Sammler stellt sich der heutige Künstler allerdings mit dem Kunstsammler auf die gleiche Ebene des Zeit- und Kraftaufwands.
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