Art, Price & Value

Es ist der Morgen danach. Die Party ist vorüber, der Rausch vorbei. Die Kopfschmerzen sind so ausgeprägt, dass innere Werte plötzlich attraktiv erscheinen und Einkehr und Besinnung wie der nächste Hype gepriesen werden. In Wahrheit aber hat sich die bildende Kunst viel nachhaltiger zu einem Börsenbetrieb entwickelt, als eine Rezession das korrigieren könnte. Das in Zusammenarbeit mit dem Florentiner Centro di Cultura Contemporanea Strozzina (CCCS) entstandene artnet-Dossier „Art, Price & Value“ postuliert deshalb nicht die „Rückkehr der Inhalte“, sondern fragt direkt und umweglos nach dem Wert der Kunst. Was kostet die Kunst und wer entscheidet über ihren Preis? Gibt es noch verbindliche Kriterien für Wert und Werte? Ist das Teure und Rare eine Welt für sich, eine Sphäre des Luxus? Gibt es sinnvolle Kriterien, mit denen sich Übertreibung und Preisgerechtigkeit voneinander abgrenzen lassen?

Was weckt Begehrlichkeiten? Das Schöne? Das Verbotene, das Widerspenstige? Oder ganz profan doch nur das Teure? Im Fall von Luxusgütern scheint es so zu sein. Je höher der Preis, desto größer die Nachfrage. Auch Kunstwerke werden in den Rang eines Luxusguts erhoben. Ihre Wertschätzung unterliegt dann keiner Kennerschaft mehr, sondern richtet sich nach der Summe, die für sie bezahlt wurde. Piroschka Dossi erläutert das Zusammenspiel von Preis und Prestige.

In der bildenden Kunst ist es nicht anders als beim Sport oder Film: Wenige Spitzenstars brillieren, die Masse geht leer aus. Die aber, die bereits erfolgreich sind, können sich entspannt auf die Eigendynamik des Erfolgs verlassen. Dabei verdankt sich dieser im Ursprung oftmals reinem Zufall. Piroschka Dossi erläutert in ihrem Essay, welche Mechanismen einen Künstler nach oben tragen, und wieso es so schnell nicht wieder nach unten geht.

Niemand bestreitet, dass der heutigen Kunstrezession eine Zeit der Übertreibung vorausging. Unbedarfte Anleger investierten zu viel Geld in zu teure Werke. Der Markt schien übergeschnappt. Doch welcher Markt? Ein Vergleich mit der Finanzkrise zeigt, dass auch die Kunst ihre Madoffs und Lehmans hat. Gerrit Gohlke sieht sie in den Museen und Medien und weist darauf hin, dass der wirkliche Kunstbetrieb an anderen Orten stattfindet.

Der Mythos, dass Kunst und Geld verschiedenen Sphären angehörten, hielt sich lange und zäh. Dabei ist die Kunstgeschichte voller Beispiele, an denen sich die Überschneidung von ökonomischer und ästhetischer Produktion ablesen lässt. Doch im Turbokapitalismus des 21. Jahrhunderts sind Kunst und Ökonomie einander weitgehend angeglichen, so die Analyse von Piroschka Dossi. Darüber sollte man aber, so ihr Plädoyer, nicht die Eigenarten beider Sphären vergessen.

Für das staunende Publikum sind die hohen Preise für Gegenwartskunst ebenso unbegreiflich wie die bodenlose Kapitalvernichtung der Banken. In beiden Fällen, meint der Volksmund, habe der Investor Luftschlösser finanziert. Die Wahrheit ist komplizierter. Sammler kaufen nicht Objekte. Sie machen sozialen Gewinn. Pier Luigi Sacco sieht in der Verhaltensökonomik den Schlüssel für die Wertanalyse des Kunstmarkts.

Die Arbeit der Künstler galt einst als privilegiert, denn sie war schöpferisch. Seit der Moderne hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Der Künstler arbeitet mit vorgefundenem Material, das er signiert oder ordnet, oder er betätigt sich gleich als Dienstleister. Boris Groys erläutert in seinem Essay, wie der Künstler zum Konsumenten wurde und sich so perfekt in die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung einfügt.

Preise sind immer ein schwieriges Thema, wenn man Geschäfte macht. Das ist in der Kunst wie am Gebrauchtwagenmarkt. In Zeiten der Rezession wird das Problem noch heikler als sonst. Denn wer weiß, ob ein Gemälde heute noch wert ist, was es vor einigen Monaten kostete? Der Galerist Richard Polsky hat mit seinen Kollegen verhandelt und berichtet von erstaunlichen Unterredungen.

Was die Kunst wert ist, hängt davon ab, wer sie bewertet. Mancher Künstler erwartet von ihr die Chance zu einem selbstbestimmten Leben. Mancher Anleger erhofft sich astronomische Renditen. Oft spielt die idealistische Kunst heimlich unideale Nebenrollen. Julian Stallabrass sieht in ihr eine Botschafterin des Freihandels und läuft Sturm gegen ihren stillschweigenden Service zu Gunsten des weltweiten Handels.

Im Kunstbetrieb werden Preise oft bewundert wie olympische Weltrekorde. Das Publikum bestaunt nicht nur die Kauflust der Sammler. Es beweist Ehrfurcht vor dem Teuren und Raren. Es gibt sogar Kunstwerke, an denen einzig das Preisschild fasziniert. Wolfgang Ullrich hat diese Erhabenheit des Wertvollen genauer analysiert – und beschreibt den Preis als Gegenstand künstlerischer Manipulation.

Was ist die Kunst wert? Sind die Preisrekorde der letzten Jahre Vergangenheit? Was ist ein gerechter Preis, und was ist Scharlatanerie? Das neue, in Zusammenarbeit mit dem Centro di Cultura Contemporanea Strozzina (CCCS) entstandene artnet-Dossier diskutiert die Realität der Preise und sucht nach Kriterien für einen angemessenen Wert.
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