ART PARIS+GUESTS 2010

Mit Anlauf aus der zweiten Reihe

Stefan Kobel
19. März 2010
Was macht man mit der B-Messe einer Stadt? Dieser Frage mussten sich der neue Veranstalter Patrick Lecetre und sein Mastermind Lorenzo Rudolf stellen, als sie die ART PARIS übernahmen. Denn die spielte immer nur die zweite Geige in Frankreichs Hauptstadt, konnte damit jedoch gut leben, solange der Platzhirsch FIAC in der Peripherie residierte. Doch damit ist es seit einiger Zeit vorbei. Mit dem Umzug der FIAC ins Zentrum konkurrieren beide Messen im prestigeträchtigen Grand Palais um Aussteller- und Sammlergunst. Der ART PARIS konnte man seither beim Verlieren zusehen. Die Rolle als Salon der Refüsierten war weder dankbar noch zukunftsträchtig. Also hat Rudolf die Veranstaltung neu erfunden und präsentiert sie nun als Labor für die Kunstmesse der Zukunft.

Dabei hat die ART PARIS+GUESTS ein Konzept, das wohl den wenigsten auf Anhieb einleuchten dürfte. „Erstmalig erweitert ART PARIS+GUESTS ihren Aktionsradius und schafft einmalige Gelegenheiten, indem sie den Ausstellern erlaubt, sich mit anderen Partnern aus dem Kunstmarkt oder verwandten Bereichen zusammenschließen, wie etwa Architektur, Literatur, Medien, Kino, Design, Musik, Gastronomie“, heißt es sinngemäß übersetzt und etwas nebulös in der Presseerklärung. Zudem fällt hier auch noch der Begriff des „‘crossover‘ event“. Im schlimmsten Fall kann so etwas Glitzerparty mit Häppchen bedeuten. Doch so simpel ist die Idee nicht.

Tatsächlich sind die Teilnehmer aufgefordert, die übliche Messe-Praxis aufzugeben – also ihre Kojen mit einer mehr oder weniger gelungenen Auswahl aus dem Galerieprogramm zu füllen – und frei über die Möglichkeiten kommerzieller Kunstvermittlung nachzudenken. Mit gemischtem Erfolg. Offensichtlich überfordert das Konzept manchen Aussteller. Das Format Kunstmesse neu zu denken, ist allerdings auch kein einfaches Unterfangen. Zu eingefahren ist das Geschäft, zu eingeübt die Rituale. So sind einige eher misslungene Auftritte zu sehen, wenn sich Galerien etwa mit einem Museum oder einem Sammler zusammentun und schlicht unverkäufliche Werke zwischen die Marktware hängen, ohne dass eine innere – oder kuratorische – Notwendigkeit deutlich würde.

Dabei wird von den Ausstellern kein Hexenwerk erwartet. Mit relativ bescheidenen Mitteln sind durchaus substantielle und schlüssige Beiträge möglich, wie etwa Ernst Hilger aus Wien beweist, der in einem kleinen abgeteilten Bereich selten gezeigte Werke der sogenannten zweiten russischen Avantgarde präsentiert, Gemälde inoffizieller Künstler aus den 1970er-Jahren der Sowjetunion. Die Arbeiten stammen aus der Sammlung des Russen Alexander Reznikov, den er beim Kauf zeitgenössischer Kunst berät. Die Pariser Nachbargalerien Lélia Mordoch und Espaces 54 haben sich auf der Messe zusammengetan, um unter dem Titel „Maison cinétique“ Kunst und Design der 1960er- und 70er-Jahre zu vereinen. Ein Museum hätte das kaum besser gekonnt. Fünf Galerien aus Saint-Germain-des-Prés sind noch einen Schritt weitergegangen und haben auf 125 Quadratmetern das Appartement eines imaginären Sammlers von Designmöbeln und zeitgenössischer Kunst eingerichtet. Und nicht weniger als acht finnische Galerien beteiligen sich an der kuratierten Schau „Stressed Beauty“, in der die Auseinandersetzung finnischer Künstler und Designer mit dem Thema Schönheit aufgefächert wird.

Bewegen sich diese Projekte noch im Rahmen traditioneller Kunstvermittlung via Galerie, betreten andere Plattformen Neuland. Katie de Tilly hat mit ihrer Hongkonger Galerie 10 Chancery Lane ein Künstler-Kollektiv eingeladen, das nicht nur mit seiner Free-Style-Performance den konventionellen Präsentationsrahmen einer Messe sprengt, sondern auch in seiner künstlerischen Praxis neue Wege geht. Die Vietnamesen um den in Los Angeles ausgebildeten Tuan Andrew Nguyen nutzen Internetvideo, Design, Werbung, Graffiti und andere Elemente der Straßenkultur, um das Image ihres Heimatlandes zu verändern und Vietnam sozusagen medial neu zu erfinden. Für Kontroversen könnten die Länderplattformen sorgen. Hier präsentieren Sammler aktuelle Kunst eines Landes oder gar eines Kontinents. Was eigentlich einen Aufstand der übrigen Galeristen provozieren müsste, ist oft aus purer ökonomischer Not geboren. Indonesien etwa wird von dem Sammler Deddy Kusuma vertreten. Im Land selbst gibt es praktisch keine öffentlichen Institutionen, die zeitgenössisch sammeln, und der Kunstmarkt ist weit vom Niveau und der Professionalisierung anderer Regionen Asiens entfernt. Kusuma hat daher 20 Künstler ausgewählt und die Ausstellungsfläche selbst finanziert. Von eventuellen Verkäufen sollen jedoch nicht nur die Künstler sondern auch deren Galerien profitieren. Noch dramatischer ist die Lage in Schwarzafrika. Abgesehen von Südafrika existiert dort praktisch überhaupt kein Kunstmarkt, erst recht kein überregionaler. Der Kurator André Magnin, der schon 1989 mit Jean-Hubert Martin an der bahnbrechenden Ausstellung „Magiciens de la terre“ im Centre Pompidou gearbeitet hat, kommt mit seiner Schau also anderen Händlern schon deshalb nicht in die Quere, weil es schlicht niemanden gibt, der mit vergleichbarer Kenntnis auf die Kunst des Kontinents zugreifen könnte. Bisher bildet Magnin mit seiner Expertise und seinen Kontakten so etwas wie die Speerspitze eines Kunstmarktes westlicher Prägung in Afrika. Dass er nicht lange allein bleiben wird, deutet das Sammlerinteresse auf der Vernissage an.

Jenseits der engagierten Galerien dünnt das Angebot jedoch qualitativ aus. Hier beweist sich, dass selbst das beste Konzept eine Messe nicht über Nacht umkrempeln kann. Den Händlern von Nachkriegskunst – einst eine Stärke der ART PARIS – fehlt es an Phantasie oder Mut zu gewagten Präsentationen, das Programm bei zeitgenössischen Kollegen ist oft einfach zu schwach. Bis die Kunstmesse der Zukunft, die Rudolf vorschwebt, im Grand Palais Realität wird, wird also noch etwas Zeit vergehen. Bis dahin dürften aber auch die Großen des Geschäfts begriffen haben, dass neue, auch querdenkerische Formate vonnöten sind, um in der crossmedialen Kakophonie des 21. Jahrhunderts bestehen zu können. Doch wenn der kommerzielle Erfolg auf den konzeptionellen folgt, könnte ART PARIS+GUESTS in den nächsten Ausgaben der Konkurrenz einen Schritt voraus sein.


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