Art Happens

Welchen Sinn hat Kunst? Welche Kunst hat Sinn? Die Frage klingt so antiquiert wie überflüssig. Die Debatte um Kunst, ihre Bestimmung, ihre „Wahrheit“ scheint verstummt zu sein. Doch ersetzt der Erfolg einer Sache wirklich die Frage nach ihrem Sinn? Der französische Philosoph Jean-François Lyotard (1924-1998) hat mit seiner Ästhetik des Undarstellbaren, die den „Augenblick von Kunst“ thematisiert, bevor sie zum Gegenstand medial gefilterter Öffentlichkeit, kunsttheoretischer Klassifikation und merkantiler Verwertung wird, möglicherweise ein Motiv geliefert, das die Frage nach Kunst in einem radikalen Sinne (wieder) zu stellen erlaubt. Geschieht Kunst? In diesem Dossier erproben unsere Autorinnen und Autoren Lyotards Ansatz ob seiner Tauglichkeit in Bezug auf genau diese Frage – mit offenem Ausgang.

Was kommt dabei heraus, wenn man Jean-François Lyotard einmal nicht als Stichwortgeber der Postmoderne liest, sondern als jemanden, der früh schon das Problem der Darstellung als Schlüsselfrage der Moderne erkannte? Michael Wetzel zeigt beispielhaft an Lyotards Auseinandersetzung mit Marcel Duchamps dessen visionäre Vorwegnahme von Entwicklungen, denen wir heute so begriffs- wie hilflos gegenüberstehen.

Die Frage nach der Aktualität Lyotards kommt ohne den Rückgriff auf dessen eigene Überlegungen zur Aktualität als Modus der Zeit nicht aus. Erik Porath erkennt darin aber auch das schwierige Verhältnis der Lebenden zu den Toten.

Mit seiner Ausstellung „Les Immatériaux“, 1985 im Pariser Centre Pompidou, erprobte Jean-François Lyotard exemplarisch die Veränderungen, die durch neue Computer- und Telekommunikationstechnologien die Praxis des Denkens nachhaltig umwälzen sollten. Eine im Rückblick prophetische Schau, die Antonia Wunderlich einer kritischen Revision unterzieht.

Wo entsteht die Lust in einem Film wie „Death Proof“ von Quentin Tarantino? Was hat das mit dem verkannten Grindhouse-Experten Jean-François Lyotard zu tun? Im zweiten Teil des Essays der Filmwissenschaftlerin und Philosophin Mirjam Schaub tritt das zutage, was Lyotard mit dem Kino Tarantinos verbindet – und von ihm trennt.

Wo entsteht die Lust in einem Film wie „Death Proof“ von Quentin Tarantino? Was hat das mit dem verkannten Grindhouse-Experten Jean-François Lyotard zu tun? Mirjam Schaub, Filmwissenschaftlerin und Philosophin, ging gewappnet mit einem rund vierzig Jahre alten Essay Lyotards ins Kino – und staunte.

Wie über Kunst sprechen, wenn sich deren Erfahrung zuletzt dem sprachlichen Zugriff verweigert? Die zuweilen beredte Sprachlosigkeit der Ereignis-Ästhetik Jean-François Lyotards gegenüber konkreter Kunst nimmt Rüdiger Zill zum Anlass einer kritischen Revision.

Erhabenheit, was soll das bitte sein? Moralische Überwältigung? Spiritueller Schauder in der vernünftelnden Welt? Betrachtet man abschließend die Skulpturprojekte in Münster, sieht man eine gediegen geerdete Kunst. Warum diese handfeste Hinwendung zum Konkreten eine wertvolle Erfahrung ist, erläutert Gerrit Gohlke.

Die populärste Arbeit der diesjährigen Skulpturenprojekte in Münster stammt zweifellos von Mike Kelley. In einem unansehnlichen Hinterhof in der Nähe des Hauptbahnhofs hat er einen Streichelzoo für das Publikum eingerichtet. Helmut Draxler beschreibt die unheimliche Verführungskraft dieser skulpturalen Arbeit.

Das Konzept einer Identität und Identisches produzierenden Warenwelt, wie sie in Lyotards Ästhetik noch als Gegensphäre zur Kunst dargestellt wird, scheint in Zeiten eines entfesselten Individualismus kaum mehr zu greifen. Das aber wirft die Frage nach Sinn und Form von Kunst überhaupt auf: Kann Kunst ein bestehendes System unterwandern, wenn das System längst selbst unendlich flexibel, anpassungsfähig und vor allem auch spezifizierbar ist? Alexandra Stäheli meint „Nein“ und skizziert einen Gegenvorschlag.

Ein „Markenzeichen“ der Arbeiten von Andreas Siekmann ist es, nie auf einen reflexiven, aufklärerischen und auf Sprache basierenden Teil zu verzichten. Der Künstler betreibt, so scheint es, reflexive Praxis als Exzess – auch bei seinem Beitrag zu den Skulpturprojekten in Münster, stellte Saskia Draxler fest.

Es gibt Kunstwerke, die sich förmlich gegen die populistische Leichtigkeit einer dem Publikum verheißenen Zugänglichkeit zu wappnen wissen. Ihre Tarnkappe ist die Unauffälligkeit. Gustav Metzgers Beitrag zu den Skulpturprojekten in Münster bedient sich dieser Strategie und setzte sich damit in Astrid Manias Kopf hartnäckig fest.

Der 11. September war nicht nur realgeschichtlich ein einschneidendes Ereignis. Mauro Carbone diskutiert, wie Lyotards Konzept des Erhabenen, das das Undarstellbare rein negativ zur Darstellung zu bringen versucht, die Erinnerungspolitik dieses Ereignisses kritisch unterläuft, die nach wie vor auf Heroismus und die monumentale Darstellbarkeit des Geschehenen setzt.

Es sind außergewöhnliche Orte, an denen die vier als Film oder Filminstallation konzipierten Beiträge für die Skulpturprojekte Münster zur Vorführung kommen. In der Regel spielen dort andere Dinge als Kunst eine Rolle. Rainer Bellenbaum macht anschaulich, wie alle vier Filme die Frage nach der Ortsspezifik, jenem für die Skulpturenausstellung so zentralen Produktionsbegriff, ganz besonders herausfordern.

Martha Rosler geht es weder um die reine Schönheit noch um das Absolute in ihrer Kunst. Stattdessen überrascht sie ihr Publikum in Münster mit bauhistorischen Fragmenten, die sie in der Stadt wie optische Fallen verteilt. Wie eine solche Anleitung zum Fragen stellen funktioniert, zeigt Saskia Draxler.

Zu einer kritikfernen Kuratorenwillkür à la documenta 12 wie andererseits zu einer Kritik, die Kunst nur noch als angewandte Theorie behandelt, steht Lyotards Kunstphilosophie eigentümlich quer. Seine Ästhetik reflektiert auf das Ereignis des Kunstgeschehens selbst, das jeder Reflexion vorausgeht. Dieter Mersch zeigt, wie sich darin zugleich eine eminent politische Dimension erschließt.

Eine Erfahrung zu machen "und es (noch) nicht zu wissen", so könnte man Jean-François Lyotards hoffnungsvolle Erwartung an die Wirkung der Kunst auf den Begriff bringen. Wie ihr auf einem Parkplatz mitten in Münster am Beispiel einer Skulptur von Nairy Baghramian ein Stück überraschenden, utopischen Eigensinns begegnete, beschreibt  Saskia Draxler.

Um Lyotard ist es still geworden. Doch ausgerechnet in den Texten Jacques Rancières, der zum bevorzugten philosophischen Ansprechpartner zeitgenössischer Kunst avancierte, zeichnet sich Lyotards Kontur als Negativbild ab – auch wenn das bislang kaum jemand bemerkt zu haben scheint. Grund genug für Jean-Louis Déotte, eine Spurensuche durchzuführen.

Auf welchen Dialog legt die Kunst in Münster es eigentlich an? Wir wollen die Skulpturprojekte zum Anlass nehmen, anhand eingehender Analysen der Beiträge ausgewählter Künstlerinnen und Künstler zu fragen, wie Kunst selbst die Bedingungen ästhetischer Erfahrung herzustellen versucht. Saskia Draxler eröffnet die Diskussion.

Time fades away: Mit dem Zerfall der „großen Erzählungen“ sei auch die Geste der Provokation wider sie veraltet. Die Beliebigkeit der Sprachspiele, die einst noch gegen Norm und Regel in Stellung gebracht werden konnten, folgte auf dem Fuße. Die Differenz zwischen unvorhersehbar Neuen und bloßer Innovation, zwischen Ereignis und Event implodiert. Was bleibt, ist der universelle Funktionszusammenhang des Systems. Damit aber verdunste auch der utopische Gehalt, von dem Lyotards Ästhetik einst zehrte, meint Ralph Findeisen. Ein Abgesang.

Es sei absurd anzunehmen, so Christine Pries, dass Lyotards Ästhetik auf eine bestimmte Kunstform oder Epoche festgelegt sei. Vielmehr gehe es ihm um eine Gefühlsstruktur, die das Kunstwerk selbst charakterisiere. Was Lyotard „Geste“ nennt, markiert damit auch die Widerstandslinie gegen die herrschenden Trends ihrer Klassifikation, Historisierung und Verwertung.

Als Stichwortgeber der „Postmoderne“ scheint das Werk Jean-François Lyotards alle Vorurteile postmodernen Schreibens zu bestätigen: Beliebigkeit des Sujets, Unstetigkeit der Darstellung. Unter Rückgriff auf das ebenso schwierige wie wichtige Frühwerk „Discours, figure“ von 1971 demonstriert Emmanuel Alloa die Konsistenz und Konsequenz des Lyotardschen Denkens und dass er als Kunst-Philosoph aktueller ist denn je.

Der Gleichklang oder die Übereinstimmung, die der französische Philosoph Jean-François Lyotard in seinen späteren Schriften zwischen Kunst und Philosophie sucht, beruht in einem Widerstreit im Erhabenen. Der Widerstreit ist das Sichereignen des Undarstellbaren, das sich im sinnlichen Feld des Ästhetischen in Klangmaterie, Farbmaterie, Raumzeitmaterie übersetzen kann und muss. Wie modern diese Theorie ist, zeigt Georg Christoph Tholen.

Mit „Das Postmoderne Wissen“ schrieb der französische Philosoph Jean-François Lyotard 1979 einen ebenso umstrittenen wie heftig diskutierten Schlüsseltext über den Epochenwandel des Computer- und Informationszeitalters. Dass Lyotard auch als Theoretiker moderner Kunst hervortrat, dessen Ästhetik des Undarstellbaren einer theoriemüden Gegenwart auf die Beine helfen könnte, meint Georg-Christoph Tholen.

Ersetzt der Erfolg von Kunst die Frage nach ihrem Sinn? Ist Kunst schon, was sich durchsetzt? Der anhaltende Hype im globalen Kunstbetrieb erzeugt viele Phänomene, die den Namen Kunst tragen. Das artnet Magazin sucht nach der Möglichkeit für Kunst heute. Dabei gerät der französische Philosoph Jean-François Lyotard (1924 – 1998) in den Fokus der Aufmerksamkeit. Warum, erfahren Sie auf artnet.

Es wäre voreilig, den Kunstphilosophen Jean-François Lyotard, der sein Denken an der Avantgarde der klassischen Moderne erprobte, in post-avantgardistischen Zeiten für überholt zu erklären. Was seine Aktualität ausmacht ist, dass er den zwanglosen Zwang zur Konformität noch dort aufzuspüren hilft, wo er im Namen künstlerischer Nonkonformität auftritt. Und den Eindruck, dass sich im globalisierten Kunstbetrieb über den wenigen Arbeiten, die etwas zu sehen, zu denken geben der Müll türmt, sollte man sich nicht hinter vorgehaltener Hand zuflüstern müssen – meint nicht nur Michael Mayer.