8. April 2011
„Panamarenko?“ Der Bauer stellt den Traktor aus und zeigt auf ein kleines Haus am Ende des Hügels, zwischen flandrischen Äckern und Obstbäumen. Was klingt wie ein Kennwort für die Audienz bei einem kasachischen Mafiaboss, ist das Pseudonym von Belgiens berühmtestem Künstler. Er hat es sich in den 1960er-Jahren zugelegt, als er mit Joseph Beuys und Marcel Broodthaers befreundet war. Geboren 1940 in Antwerpen als Henri Van Herwegen, startete er damals die Mission, mit der er vor sechs Jahren in Pension ging: Die Erkundung eines poetischen Raums durch selbstgebastelte Flugobjekte – und den Mythos um die eigene Person.
Es dauert eine Weile, bis sich die Tür des Häuschens öffnet. Aus dem Garten dringt heimeliges Gänsegeschnatter, ins gusseiserne Garagentor ist der Schriftzug „Das Flugzeug“ eingelassen, in die Haustür „Panama“ in kyrillischen Lettern. Nichts liegt ferner als der Gedanke an „Pan American Airlines“, wovon Panamarenko angeblich seinen Namen ableitet. Trotz zahlloser Ausflüge in unendliche Weiten hat er nämlich seine geistige Heimat nie verlassen.
Der Künstler öffnet die Tür, trägt silbernes Wallehaar und ein kunterbuntes Hemd und lotst einen wortlos durch den Flur zum Garten. Der Ausblick geht auf eine malerische Kulisse aus Teich, Wiesen und Rinderherden. Gänse und Papageien bekleckern den Rasen, auf dem ein knalltürkisfarbener Cadillac den Weg versperrt – ein Relikt aus Antwerpener Happening-Zeiten, als Panamarenko wahlweise im weißen Anzug oder in Fliegeruniform umherlief, sich „Multimillionär“ nannte und durch absurde Polit-Aktionen wie etwa mit aufgeblasenem Schweinedarm für Furore sorgte. Irgendwann verhaftete ihn die Polizei nach einer wilden Verfolgungsjagd, als der Cadillac überhitzte und im Dampf verschwand. Das James-Bond-Moment daran war kein Zufall: Alles, was mit den USA, Technik und Raumfahrt zu tun hatte, war bei Panamarenko und seinen Freunden Hugo Heyrman und dem Beuys-Schüler Bernd Lohaus mit ironischer Geste en vogue, weshalb bis heute ein Aston Martin in Panamarenkos Garage steht. Aktionstitel wie „Première der Gehirnexpansion in Farbe“ – die schließlich zur Gründung der legendären Wide White Space Gallery von Anny de Decker in Antwerpen führten, weil es auf der Straße immer wieder zu Polizeieinsätzen kam – könnten heute glatt von Surrealismus-Adepten wie John Bock oder Jonathan Meese stammen. Ähnlich wie letzterer pflegte auch Panamarenko ein inniges Verhältnis zur Mutter, mit der er wohnte und die ihm Ballonkörbe flocht – bis sie starb, seine Frau Eveline sich seiner annahm und ihn aufs Land brachte. Hier hat er nun mit dem Kunstbetrieb, der ihm ohnehin stets suspekt war, gänzlich abgeschlossen.
Dass die Welt, in der Panamarenko lebt, vom Rest der Erde völlig losgelöst ist, wird spätestens in dem Moment klar, als er in sein mongolisches Zelt bittet. Wie ein Ufo parkt es neben dem Gartenzaun und fungiert als Konferenzsaal, in dem er seine seltenen Besucher empfängt. In letzter Zeit sind es einige mehr, denn die 45. Art Cologne richtet ihm eine Sonderschau aus – schließlich hat ihn das Rheinland mit der Düsseldorfer Kunstakademie, wohin ihn Beuys einlud, und den vielen progressiven Museen zu dem gemacht, was man heute einen Star nennen würde.
„War das nicht schon?“ antwortet Panamarenko auf die Frage, ob er nach Köln kommen werde und zuckt mit den Schultern. Ausstellungen interessieren ihn nicht mehr, und um Organisatorisches kümmert sich jetzt ein vierköpfiges „Kollektiv“, bestehend aus drei Wissenschaftlern und seiner Frau.
Ein paar grafisch gemusterte Art-Déco-Sessel sind im felligen Rund der Jurte aufgereiht, daneben stehen ein ausgestopfter Löwe und ein Staubsauger zwischen allerlei Hausrat. Im Grunde hat man damit schon alle Zutaten beisammen, die Panamarenkos Kunst ausmachen: Futuristisches Design, archaische Kräfte und aerodynamische Funktionen. „Meine Vorstellung von Raumfahrt ist es, Menschen auf andere bewohnbare Planeten ihm Universum zu bringen“ schrieb Panamarenko denn auch 1978 in einem Text über „das relativistische, interstellare, magnetische Raumschiff“. Da hatte er die Happenings schon hinter sich gelassen und mit Objekten wie Magnetschuhen für Deckenwanderungen, elektrobetriebenen Motten im Schilf oder der Filzpuppe Molly Peters – eine Hommage an James Bonds einhändige Masseuse – experimentiert. Seine Flugkörper Marke Eigenbau dagegen, die ihn nach dem ersten Flugzeug von 1967 – ein Sechs-Flügel-Helikopter aus Styropor und Papier – nicht mehr losließen, verströmen eine Mischung aus tüftlerischer Akribie und romantischem Wunschdenken, die ihn zum Daniel Düsentrieb der Kunstgeschichte machen. Bis er vor sechs Jahren das Handtuch warf.
Panamarenko – also doch ein Ingenieur? Schließlich kann ein Künstler doch nicht einfach in Rente gehen. „Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.“ Panamarenko lässt sich demonstrativ in einen Sessel fallen und grinst, das sei nicht von ihm, sondern von Oscar Wilde. „Mein Ausgangspunkt war immer die Kunst. Was man sich ausdenkt, muss auch schön sein. Sonst hat es keinen Sinn. Wenn das Technische nicht gelingt, kann immer noch Schönheit gelingen.“
Aus solchen Worten dringt Panamarenkos klassische Ausbildung an der Antwerpener Akademie, die ihn allerdings hinauswarf, als er ein Lackbild abgab. „Die fantastischen Dinge, die in der Welt passierten, reizten mich mehr als Malerei“, erzählt er, beide Arme auf der Lehne und die Füße fest am Boden, als hocke er in einem Schleudersitz. Doch vom Scheitern als Chance, wie es seinen schwerfälligen Apparaten anhaftet, will Panamarenko nichts wissen. Selbst wenn einige von ihnen tatsächlich abheben und manch einer behauptet, was funktioniere, sei doch keine Kunst – fast alle sind im Museum gelandet: Vom solarbetriebenen Raumfahrzeug General Spinaxis (1968) in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, über die Ein-Mann-Rakete mit Gasturbinenantrieb, die er 1969 in der Berliner Galerie René Block zeigte, bis hin zu dem gigantischen Aeromodeller: Ein Luftschiff mit PVC-Ballon und Bambusgondel, das 1972 auf Harald Szeemanns documenta ausgestellt und Zündschlüssel zu Panamarenkos internationalen Ruhm war. Doch mit kinetischen Kunstwerken haben solche Geräte genauso wenig gemein wie mit Hobbybasteleien. Woran Panamarenko fast 40 Jahre lang gearbeitet hat, sind plastisch-ästhetische Gebilde, die den Traum vom Fliegen poetisch verdinglichen – selbst wenn oder gerade weil sie gar nicht fliegen können.
„Wenn man sich ein Leben lang nur damit beschäftigt, ob etwas funktioniert, sieht man die anderen Dinge nicht.“ Panamarenko kichert in sich hinein. „Heute verstehen die Wissenschaftler oft selber nicht, an was sie arbeiten. Die Technik versteckt so vieles. Man vergisst das große Ganze und denkt trotzdem, dass man alles weiß. Dabei hat die Quantenphysik doch längst alles durcheinander geschmissen. Wir können die Dinge nie ganz kontrollieren.“ Die Frage nach der Technik, die in den fortschrittsgläubigen Fünfzigern schon Martin Heidegger, Georg Friedrich Jünger und Günther Anders umtrieb, klingt in solchen Sätzen an – konkret mit Blick auf Fukushima, wo sich die Maschine gerade wie ein Golem über den Menschen beugt.
Panamarenkos Do-it-yourself-Flugkörper sind dagegen – wie Felix Philipp Ingold einmal schrieb – „regressive Utopien“. Und die haben nichts mit Nostalgie zu tun. Panamarenko geht es darum, die Beziehungslosigkeit des Menschen zu seiner Aufgabe zu überwinden. Damit steht er in bester Tradition zu Friedrich Schiller, der in seiner Gesellschaftsanalyse feststellte: Fortschritt ist allein durch Arbeitsteilung und Spezialisierung möglich – allerdings um den Preis der Anlagen und Kräfte des Einzelnen, die er nun nicht mehr frei entfalten kann. „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre“, heißt es darin. Hölderlin brachte diesen Gedanken im Hyperion auf den Punkt: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen.“
Das anonyme Produktionssystem, dem heute fast jeder untergeordnet ist, unterwandert Panamarenko mit Geräten, deren Funktion nicht mehr erfunden werden muss. Aber sie beleben ein menschliches Verhältnis zur Technik wieder – was ihn übrigens von Leonardo da Vinci unterscheidet. Dessen Skizzen von Vogelflug-Apparaten haben zwar Ähnlichkeit mit seinen Zeichnungen. Doch wohnt ihnen ein wissenschaftlicher Ehrgeiz inne, der heute längst obsolet ist: In einer durchdigitalisierten Welt werden Flugzeuge nicht nur von Computern entworfen, sondern sogar von ihnen gesteuert.
Panamarenkos Ansatz stellt sich also nicht als Ingenieurversuch dar, sondern als romantisch motivierte Verschränkung von klassischer Ästhetik mit Sozialutopie – auch wenn er immer wieder von buchstäblich abgehobenen Themen wie Raumschiffen und fliegenden Untertassen, Energie aus dem Weltall, Lichtgeschwindigkeit und Astronauten redet. Doch tatsächlich wohnt Panamarenkos pedalbetriebenen Propellerflugzeugen und Flugbooten mit Schwimmfüßen eine archaisch-menschliche Dimension inne, die ihn mit Joseph Beuys verbindet. „Wenn ein Wissenschaftler mit Aerodynamik beschäftigt ist, darf man ihn nichts über Holz fragen oder übers Sterben. Er ist so spezialisiert, dass er nicht mehr weiter blickt. Beuys hat gesagt, die Kunst dürfe nicht so beschränkt sein“ erklärt Panamarenko, während draußen grundlos wildes Gänsegeschnatter ausbricht. Kein Wunder also, dass seine frühen Straßenaktionen, die er als „Happy Spacemaker“ durchführte, autofreie Zonen und Selbstversorger-Grundstücke einforderten: Was mit dem Ideal eines besseren Lebens und dem Ruf nach Kreativität und Instinkt in der aufkeimenden Wohlstandsgesellschaft begann, sind bis heute die Triebfedern in Panamarenkos so gar nicht pensioniertem Geist.
Panamarenko erhebt sich und spaziert nach draußen, wo er den Blick über Rinderrücken hin zum Horizont schweifen lässt. „Es ist eigentlich nicht so gut gelaufen mit der modernen Kunst“ stellt er fest. „Die Sechziger waren eine einmalige Möglichkeit, den Weg frei zu machen. Das ging bis zu den Ausläufern der Pop-Art, so um 1975. Da kam die Krise, die bis heute andauert. Es geht nur noch um Provokation und Sensation. Nicht um Schönheit.“ Vom Teich aus starten ein paar Enten in die Luft.
Ob er eigentlich selber fliegen könne? Panamarenko schüttelt den Kopf. In seinem Ausweis stehe zwar als Beruf „Ballonfahrer“. Aber er sei nur einmal geflogen, mit Kaspar König, der ihm aber im Laufe der Reise seinen Offiziersstatus aberkannt habe, als der Flug nicht so lief wie geplant. Panamarenko schnaubt leise. „Die meisten Künstler und Kuratoren sind genau solche Streber geworden. Sie treibt nur noch das Geld an, und die Käufer finden das gut, weil sie ihr Geld mit denselben Tricks verdienen. Da bleibt nur ganz wenig von Kunst übrig. In einer solchen Welt kann sie nichts zu sagen haben.“
Der Traktor vor dem Haus schmeißt seinen Motor wieder an. Langsam schiebt er sich am Gartenzaun vorbei, passiert Kirschbäume und Cadillac. Panamarenko stakst durch den Entendreck zurück in den Flur. „Kunst wird niemals die Welt retten“, sagt er ruhig und öffnet die Vordertür, als ein paar neongelbe Rennradfahrer vorbeisausen. Ihr Flirren klingt noch einen Moment lang nach, von hinten scheinen sie zu schweben, beinahe abzuheben – bis ein Sonnenstrahl sie verschluckt.