ART COLOGNE 2010

Zeigt, was Ihr habt!

Gerrit Gohlke
28. April 2010

Manchmal ist Handelslogik einfache Logik. Wenn der Umsatz nicht stimmt, war das Konzept nicht richtig. Ein falscheres Konzept als eines, mit dem sich nichts verdienen lässt, ist gar nicht denkbar. Und so nimmt es niemanden Wunder, wenn aus den Reihen der jüngeren Galerien Kritik an der ART COLOGNE geübt wird. Man hat natürlich bemerkt, dass in der unteren Halle mit Nachkriegskunst und klassischer Moderne guter Umsatz gemacht wird, oben bei den jungen Positionen aber die spezialisierten Sammler vermisst werden. Anders gesagt, die Rheinländer kaufen unten die klassische Ware. Oben aber fehlten für die jungen Positionen Interessenten, weil die global denkende Klientel, die von weiter her kommt, vom Vulkanstaub ausgebremst wurde.

Zwar kann man dagegen einwenden, dass auch die junge Garde der Galeristen den Umständen entsprechend ordentliche Verkäufe gemacht hat. Der eine oder andere Radikal-Programmatiker fuhr am Ende doch mit einer rundlichen schwarzen Null nach Hause oder machte, wie ein anspruchsvoller Messe-Neuling mit einem fast unverkäuflich sperrigen Stand, einen kleinen Gewinn. Auch nüchterne oder wohlwollende Händler junger Ware fühlten sich, als habe die Messe sie in einer großen Kunsthalle inventarisiert, in der die Kunst sich so anziehend und diskussionsanregend wie selten präsentierte, aber ohne bestehende Kontakte und vorab angebahnte Geschäfte kaum jemand zum Scheckbuch gegriffen hätte. Es fehle an zugkräftigen, international agierenden Galerien für zeitgenössische Kunst in Köln, heißt es deshalb bei den Jungen. Dass die Art Brussels mit solchen Big Names prunken konnte, machte noch deutlicher, dass Köln weiterhin Platzhirsche in diesem Segment fehlen.

Sicher, sie brächten im Schlepptau mehr Sammler mit. Die große Herausforderung für Messedirektor Daniel Hug wird es sein, den Konkurrenten ein paar Global Player abzujagen. Diese Fragen nach Gunst und Glück der Stars lenkt aber davon ab, dass Hug ein interessantes Kunststück gelungen ist. Mit seiner Open Space-Interpretation hat er eine offene, flexible Präsentationsform für schwierige, sperrige, langwierige oder einfach gute junge Kunst gefunden. Die halb offenen, aber immer noch hinreichend intimen Wände der Architektur ermöglichen es dem Besucher, sich in die Logik herausragender Einzelarbeiten zu vertiefen, sich aber trotzdem immer noch im Kontext des Messe-Parcours zu orientieren. Wer im Open Space vergaß, dass Messen primär Marktplätze sind, war auch in der Nachbarschaft mit den klassischen Messekojen aufgeschlossener für Werke, die Abstand zum Mainstream hielten. Wer schon einige Messen hinter sich hat, war überrascht in Köln, wie der umtriebige und reisefreudige künstlerische Leiter der Kunst eine erkennbare Hauptrolle zurückgegeben hat. Selbst Kritiker gestehen ein, dass die Qualität bei Hug stimmt. Lange nicht hat eine Messe dieser Größe so sehr zu Entdeckungen eingeladen. Wer zu Zeiten der Preisblase vom hektischen Abverkaufsgeschäft abgestoßen war, sollte hier einmal kurz Beifall spenden. Ja, so könnte eine Messe aussehen, auf der es auch um Kunst gehen soll.

Die Messe hat auch recht, den Schulterschluss mit dem rheinischen Umfeld zu suchen und sich zum Zentrum eines Netzwerks aus regionalen und lokalen Bezügen zu machen. Als Marktplatz Rheinland will die ART COLOGNE eine gewachsene Sammlerschaft mit Partnerstandorten verbinden. Die räumliche Unterscheidung der Nachkriegskunst und Moderne unten von den jungen Zeitgenossen oben will den verschiedenen Sammlern ihren Raum gewähren. Gleichzeitig setzt Hug stärker als andere auf die Ausweitung der kurzen Messezeit durch ein Vorprogramm, das Sammlern mehr anbietet als eine Visite am Rhein. Das Ziel ist klar: Kontext muss her, nicht nur ein Preisetikett. Köln soll sich als Standort abseits windiger Moden etablieren. So soll die Messe weniger krisenanfällig werden und ein spezifisches Köln-Profil entwickeln.

Das aber wird nicht ohne ein gemeinsames Marketing der Messe und der Galerien gehen. Wer heute Kassensturz macht und mäkelt, muss sich auch fragen, was er gestern zum Messeerfolg beigetragen hat. Das betrifft Leipziger, Berliner und Münchener Galerien weniger als die umliegende Szene am Rhein. Wer dem Sammler mehr als Preisschilder anbieten will, muss die Institutionen der Umgebung, die Galerien mit ihrem Rundgang, die lokalen Sammler noch enger mit der Messe zusammenführen. Je mehr es möglich wird, aus dem genuinen Umfeld der Kunst heraus zum Kauf zu schreiten, desto weniger muss die Messe sich in die Abhängigkeit überhitzter Spekulationsinteressen begeben. Ein entspanntes, gelassenes, aber höchst qualitätsbewusstes Konzept wie jenes Daniels Hugs kann nur aufgehen, wenn die Messe nicht nur in den Messehallen, sondern auch im rheinischen Umfeld stattfindet. Die Kölner und Düsseldorfer haben ein überraschend eingängiges und erfolgreiches Galeriewochenende aus der Taufe gehoben, das durch das ganze Spektrum des Kunstpublikums hindurch für neue Positionen wirbt. Der Kunstbetrieb braucht mehr Messen mit qualitativem Gespür wie in Köln, muss dieses Angebot aber besser vernetzen. Vielleicht tragen künftig auch die Galerien Angebote an die Messemacher heran, wie sich die Synergien steigern lassen. Es geht ja nicht allein um ein paar Hundert Sammler, die von Event zu Event zu befördern sind. Es geht auch darum, neue Sammler mit den alten Handelsplätzen in Kontakt zu bringen. Nicht Hug als wundervollbringender Magier muss das leisten. Auch die rheinische Szene bis hin zur Kommune muss den Standort in Szene setzen und internationalisieren. Hugs Entscheidung für Qualität und Eigensinn ist der richtige erste Schritt dahin.


Die Messe feiert sich selbst von Nick Ash
Die ART COLOGNE lebte nach Messeschluss noch einmal auf. Die entspannte Partylaune der Rheinländer ist ein genuiner Standortfaktor.

Das Geschäft mit dem Schauen von Nick Ash
Die ART COLOGNE sah 2010 lebendiger aus als in den Jahren zuvor. Es ging um die Kunst. artnet zeigt die Akteure, die mit ihr handeln.

delete me isaac von Boris Groys


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