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Die 44. Art Cologne hat eröffnet

Der Wille zum eigenen Objekt

Stefan Kobel
21. April 2010

„Was ist denn nun mit den Preisen?“, will auf der Eröffnungspressekonferenz der ART COLOGNE eine rheinische Journalistin wissen. Der darauf folgende Heiterkeitsausbruch der Kollegenschaft ist allerdings nicht nur der entwaffnend naiven Fragestellung geschuldet. Denn schon lange ist klar, dass „die Preise“ für die Ware Kunst nicht mehr in Köln gemacht werden. Dafür ist in der Vergangenheit zu Vieles zu lange falsch gelaufen. Doch das scheint hier niemanden zu berühren. Die Stimmung war schon während des Aufbaus gut, denn der Neuanfang unter dem 2008 eingesetzten Messe-Direktor Daniel Hug war viel versprechend, und die Teilnehmerliste für die aktuelle Ausgabe spiegelt diesen Erfolg bereits wieder.

Es sind nicht nur Schwergewichte wie Johnen (Berlin), Rüdiger Schöttle (München), Sprüth Magers (Berlin/London) und Karsten Greve (Köln/St. Moritz/Paris) zurückgekehrt. Besonders freut sich Hug über die Nachhaltigkeit, die mit seiner Premiere im letzten Jahr verbunden ist. Frühere Abstinenzler wie Hans Mayer, Michael Werner und Annely Juda waren offensichtlich mit dem Ergebnis von 2009 so zufrieden, dass sie auch diesmal wieder dabei sind. Der Plan scheint aufzugehen, die Messe behutsam qualitativ statt quantitativ wachsen zu lassen. So kommt die leichte Erhöhung der Teilnehmerzahl auf 202 Galerien und Institutionen weniger aus den zusätzlichen, sondern durch geteilte Kojen zustande. Der Gemeinschaftsstand hat in der konkreten Situation sogar handfeste Vorteile: Gazonrouge aus Athen sowie John Connelly aus New York sind der Wolke zum Opfer gefallen und samt ihrer Kunst unterwegs gestrandet. Die Partnergalerien gleichen das Fehlen nun aus.

Etwas mehr Ausfälle hat es unter den Sammlern gegeben. Die prominenteste Absage kommt von der Familie Rubell, die ihr Kommen eigentlich zugesagt hatte. Laut Hug haben sich aber nur 14 der insgesamt 400 VIPs (doppelt so viele wie 2009) entschuldigt, die sich für Events aus dem Programm angemeldet hatten. Wolfgang Gmyrek aus Düsseldorf, seit 30 Jahren im Geschäft, hat für den dann doch erstaunlich geringen Sammlerverlust einen ganz einfachen Grund ausgemacht: „Da die Messe nie so international war, merkt man die Wolke kaum.“ Nach seiner Einschätzung kommen 75 Prozent der Interessenten aus dem regionalen Einzugsbereich. Gerade die Fehlenden dürften jedoch zu den wichtigeren Kunden gehören. Die Gebrüder Lehmann aus Dresden/Berlin etwa vermissen den bedeutendsten Sammler ihres Künstlers Tilman Hornig, dem sie eine Einzelpräsentation im Open Space widmen. Der potenzielle Käufer aber sitzt ausgerechnet in Island fest. Zum zweiten Mal ist die Galerie jetzt wieder im Rheinland. „Wir hatten festgestellt, dass wir überhaupt keine deutsche Messe mehr machen“, heißt es am Stand. Ausschlaggebendes Argument für Köln war der Open Space, ein Format, das die Messe vor einigen Jahren eher gezwungenermaßen umarmt hat, nachdem es zunächst als Gegen- oder Satellitenmesse gestartet war. Mittlerweile ist das offene Standkonzept eines der größten Assets der alten Tante ART COLOGNE. Das zweite sind die Sammler, von denen es im Rheinland eben immer noch eine ganze Reihe gibt, wie die Lehmanns konstatieren. Um derentwillen hat sich sogar Judy Lybke mit seiner Galerie EIGEN+ART aus Berlin und Leipzig an den Rhein bewegt. „Die Kölner müssen jetzt wieder arbeiten. Da komme ich halt zu ihnen“, erklärt er.

Zu dieser Einsicht sind inzwischen so viele seiner Hauptstadt-Kollegen gekommen, dass die ART COLOGNE fast schon eine Berliner Messe ist. 46 Aussteller kommen von dort, aus Köln selbst nur 36. Erst mit der Düsseldorfer Fraktion, die weitere 18 Teilnehmer stellt, wird das Rheinland zum dominanten Faktor. An der Internationalität muss gleichwohl noch gearbeitet werden. Nominell sind zwar Galerien aus 23 Ländern vertreten, doch gerade aus den USA und Großbritannien fehlt eine kritische Masse, um für den internationalen Wanderzirkus aus Sammlern, Kuratoren und Journalisten interessant zu sein. Und ausgerechnet aus Los Angeles, der früheren Wirkungsstätte von Daniel Hug, ist lediglich Brian Butler von 1301PE angereist. Für das fast vollständige Fehlen asiatischer Aussteller – was nicht nur in Köln, sondern auch in London oder Basel beobachtet werden kann – macht Lothar Albrecht aus Frankfurt am Main, der seit 1992 ununterbrochen in Köln teilnimmt und viele chinesische Künstler vertritt, allerdings eine strukturelle Ursache aus: „Der Kunstgeschmack bewegt sich nicht aufeinander zu,“ meint er, „es wächst nichts zusammen. Asiaten sind so selbstbewusst, auch aus ihrer Historie heraus, dass sie nicht hierher kommen.“ Doch das Ausbleiben der Asiaten und die Wolke sind nicht die einzigen Probleme, mit denen die ART COLOGNE - ebenso wie ihre Wettbewerberinnen - fertig werden muss. Die alternativen Vermittlungsformate sind scheinbar unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Ausgerechnet auf der Messe macht ein Berliner Galerist, der hier nicht ausstellt, Werbung für das Projekt „Momentum: Rethinking Established Practices“, das dieses Jahr an die Biennale in Sydney andockt und 20 internationalen Galerien eine von Ai Weiwei architektonisch gestaltete Plattform für 2.000 geladene Gäste bietet. Nachdem die Veranstaltungsform „Gallery Weekend“ erst in Berlin, dann in Köln und Düsseldorf zum Erfolgsmodell wurde, hat auch New York seit diesem Jahr sein konzertiertes Galeriewochenende. In Sydney wird dieses Modell nun offenbar von außen importiert. Es wird sich erst noch zeigen, ob das Implantat funktioniert, doch schon jetzt ist klar, dass eine vielfältige Landschaft aus Messe und galeristischem Umfeld Zukunft hat. Hier hat die einst zerstrittene rheinische Szene einträchtig Vorarbeit geleistet.

Das sehen mittlerweile auch die Galeristen fast einhellig so. Die Unterstützung aus dem Umfeld, ob nun durch die Galerien vor Ort oder die eigene Messegesellschaft, sei bitter nötig, im Rheinland mittlerweile aber auch vorhanden, findet Klaus Gerrit Friese, Galerist aus Stuttgart und Vorsitzender des BVDG (Bundesverbandes Deutscher Galerien und Editeure). „Ein bisschen Wille zum eigenen Objekt und dass man es auch gerne hat“, so lautet seine fast schon liebevolle Grundvoraussetzung für den Schulterschluss aller Partner. Nun müssen aber auch die Sammler die Messe und deren Ausstellungsstücke mögen. Die ART COLOGNE sieht sich in ihrem behutsamen Konsolidierungskurs bestätigt. Das Konzept der beständigen gemäßigten Innovation soll Anbieter und Käufer zu einem ebenso behutsamen Dialog verführen. Von einzelnen Verkäufen an Institutionen und Privatsammler war jedenfalls am Nachmittag schon die Rede. Bei manchen Galerien ist fieberhafte Unruhe spürbar. Alle fragen sich, ob die pragmatisch geöffnete ART COLOGNE mit ihrem selbstbewussten Qualitätsbegriff die inzwischen hohen Erwartungen erfüllt. Denn auch die konzeptuell stringenteste Messe lebt am Ende nicht von überzeugenden Positionen, sondern von überzeugenden Zahlen.


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