28. April 2009
Art Beijing 2009, Agricultural Exhibition Centre, Peking. Vom 26. bis 30. April 2009.Dass nur eine der beiden Messen überlebt, wünscht sich ein europäischer Galerist, der in Peking tätig ist: Dabei hat er weder an der CIGE teilgenommen, der China International Gallery Exposition vom 16. bis 19. April, noch ist er auf der Art Beijing vertreten, die am Sonntag Vernissage hatte. Er verkauft ohnehin zu 95 Prozent an europäische Kunden, und von denen lässt sich aktuell kaum jemand blicken – weder auf der einen noch auf der anderen Messe. Damit wären schon einige der Umstände benannt, die Chinas Kunstmarkt prägen. Die Strukturen sind noch lange nicht gefestigt und ständig im Fluss. Dong Mengyang, Direktor der Art Beijing, war früher Funktionär im Kulturministerium, bis er 2004 mit Partnern die CIGE gründete. Gleich danach ist er ausgestiegen und hat seine eigene Messe etabliert, die Art Beijing. Die geht jetzt in die vierte Runde und ist auf Ausstellerseite eine fast ausschließlich chinesische Veranstaltung. Über die Qualität sagt das allerdings wenig aus. „Looks much better than last week“, stellt ein englisches Paar – Expatriates – im Vergleich fest, und das nur wenige Minuten, nachdem die Art Beijing ihre Pforten geöffnet hat.
Für den noch nicht akklimatisierten westlichen Beobachter überrascht diese Aussage zunächst. Die Messearchitektur im Agricultural Exhibition Center wirkt arg improvisiert, und das Angebot entspricht dem, was man an populärer chinesischer Kunst kennt, das heißt es ist mitunter ganz schön bunt. Bekannt kommt einem vor allem das Logo der Messe vor, das seine Verwandtschaft zu dem der Art Cologne nicht wirklich verleugnen kann. Dafür ist westliche Kunst hier kaum zu sehen. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die Galerie Forsblom aus Helsinki, die mit Werken aus der Sektion „Contemporary Modern“ angereist ist, ShanghART aus Schanghai mit einer exzentrischen Gegenüberstellung von Käthe Kollwitz-Zeichnungen und zeitgenössischen chinesischen Papierarbeiten sowie eine recht zusammenhanglose Präsentation bei Arario aus Peking, die von Jonathan Meese bis zu Vanessa Beecroft so ziemlich alle etablierten Zeitgenossen im Gepäck haben.
Der restliche Parcours bildet die gesamte Bandbreite aktueller chinesischer Kunst ab. Da ist einiges aus den besseren Zeiten dabei, als noch munter drauflosspekuliert wurde. Stärker als in den westlichen Szenen hat in China die Krise des Marktes zu einer Krise der Kunst allgemein geführt, auch wenn deren Ausmaß noch nicht von allen realisiert wird. Denn hierzulande war der Preis eines Kunstwerks nicht nur Attribut und Gegenstand der Spekulation, sondern – mehr als anderswo – bedeutungsstiftend. Je mehr ein Kunstwerk kostete, umso wichtiger war es. Erfolgreiche Künstler waren nur die, deren Werke teuer gehandelt wurden. Ausstellungskarrieren spielten und spielen kaum eine Rolle. Und wenn, dann waren diese wiederum marktinduziert, da große Präsentationen zumeist von den einflussreichen Sammlern oder Galeristen in angemieteten Museen organisiert werden: Erfolg gebiert Erfolg. Doch diese Zeiten scheinen erst einmal vorbei, und dem chinesischen Markt fehlt dadurch nicht nur die Dynamik, sondern allen Beteiligten fehlen plötzlich die Bewertungsmaßstäbe für die Qualität von Kunst. Da Chinesen zu Recht als pragmatisch gelten, ist man um Ad-hoc-Lösungen nicht verlegen. Ob diese allerdings auch nur mittelfristig tragfähig sind, darf bezweifelt werden. So hat etwa die Pekinger Triumph Art Agency – verbandelt mit Chinas größtem Auktionshaus Poly – den Preis für eines der Chinese Portraits von Feng Zhengjie kurzerhand auf rund die Hälfte des Preises gesenkt, den ein vergleichbares Werk noch vor einem Jahr auf Auktionen erzielte. Alles in der Hoffnung, es werde sich schon ein Schnäppchenjäger finden. In die Röhre gucken dabei diejenigen, die Gemälde des Künstlers besitzen und damit plötzlich einen entsprechenden Buchverlust hinnehmen müssen.
Wei Wei von der einheimischen Pan & Wei Gallery, die früher mit Lothar Albrecht aus Frankfurt und Michael Schultz aus Berlin zusammengearbeitet hat, benennt als wesentliches Problem des hiesigen Marktes den Kundenstamm. Denn der bestand bis dato hauptsächlich aus westlichen Käufern und ist zum Teil dadurch weggebrochen, dass die sammelnden Firmen entweder nicht mehr existieren (siehe Lehman Brothers) oder aber deren Manager ihren Job verloren haben. Eine ähnliche Erfahrung macht Huang Liaoyuan, Direktor der Beijing Art Now Gallery, die – wie in China nicht unüblich – einem großen Sammler gehört. Die Filiale in Schanghai hat er im März dichtgemacht, weil sich die überwiegend europäischen Käufer bedeckt halten. An deren Stelle scheinen nun aber die Auslandschinesen zu treten, die sich dafür weniger im Hochpreissegment der etablierten Künstler engagieren würden, sondern eher bei seinen jüngeren und preiswerten Positionen. Immerhin hat Huang auf der Vernissage so schon einige Werke verkaufen können, darunter vier Arbeiten Tan Qizhis zu Preisen von 10.000 bis 40.000 Yuan (circa 1.100 bis 4.400 Euro) sowie eine 48-teilige Arbeit des gleichen Künstlers an eine Pekinger Sammlerin. Einen Zuwachs bei der chinesischen Kundschaft – egal ob vom Festland, aus Hongkong, Singapur, Taiwan oder anderen Teilen Asiens – beobachtet auch Meg Maggio von Pékin Fine Arts, die hier seit den 1990er-Jahren mit Kunst handelt und damit als Galeristen-Urgestein gilt. Sie hält den Markt in Peking für wesentlich stabiler als den im Süden, einerseits wegen der langen Sammlertradition in der Hauptstadt, und andererseits, weil der wirtschaftliche Abschwung hier weniger stark als im industriegeprägten Süden sei. Die ersten Monate des Jahres seien schwierig gewesen, doch es ginge schon wieder aufwärts. Tatsächlich hat sie vier der niedlichen Kissenfiguren aus Marmor von Redxing Ye am Eröffnungsabend verkaufen können.
Wesentlich schwerer hat es zurzeit die Fotografie, die im Reich der Mitte noch immer nicht richtig angekommen ist. Chinesen bevorzugen die Malerei und haben ihre Hemmungen gegenüber – theoretisch beliebig – reproduzierbaren Lichtbildern bisher nicht abgelegt. Aus westlicher Sicht erstaunt das ein wenig, erscheint das Œuvre chinesischer Maler doch häufig ebenfalls ausgesprochen seriell. Zudem hat sich in China eine klare Spartentrennung durchgesetzt, und Fotografie ist fast ausschließlich in spezialisierten Galerien zu finden. Dem trägt die Art Beijing Rechnung und hat, zum ersten Mal überhaupt auf einer chinesischen Messe, dem Medium eine eigene Abteilung eingerichtet.
Der inhaltlich spannendste Teil der Messe führt hingegen ein Schattendasein. Hinter einem Vorhang aus Fäden und der Bezeichnung „Artist Cinema“ verbirgt sich ein Karree mit dreißig Videoarbeiten – eine Nische im doppelten Sinn. Denn bisher gibt es für Videokunst in China praktisch keinen Markt, wenn auch Künstler wie Yang Fudong besonders international mit ihren bewegten Bildern sehr erfolgreich sind. Die formal experimentierfreudigsten und inhaltlich mutigsten Künstler betätigen sich jedoch gerade hier. Dass alle vier an dem Projekt beteiligten Galerien einen westlichen Hintergrund haben, erstaunt daher nicht. Hoffen lässt aber, dass sich die Art Beijing ihrer über die reine Funktion als Marktplatz hinausgehenden Verantwortung bewusst ist. Schließlich versucht sie, hier eine Lanze für weniger prominente Kunstformen zu brechen. Doch bei allem Idealismus ist auch dies ein Ansatz, ein neues Marktsegment zu erschließen.