Art Basel Miami Beach 2009

Der Mythos wankt

Gerrit Gohlke, Stefan Kobel
8. Dezember 2009
„Wie ein Auto kurz vor dem Ölwechsel“ laufe die Art Basel Miami Beach, beschreibt ein Händler aus dem Hauptfeld die Situation. Dass selbst viele der international etablierten Galerien ihre Gedanken lieber nicht unter ihrem Namen publiziert sehen wollen, sagt viel über die Macht aus, die der Messekoloss immer noch hat – aber ebenso viel über ein Selbstverständnis, dass Kritik häufig nicht als Anregung verstehen will, sondern bestenfalls teflonartig von sich abperlen lässt. So soll der Mythos einer unangreifbaren Kunsthandelsbastion verteidigt werden. Doch in diesem Jahr beginnen Händler und Fachpublikum zum ersten Mal, an diesem Mythos zu zweifeln. Nicht der Umsätze wegen. Die waren nach Maßstäben der Rezession befriedigend besser als im letzten Jahr. Sondern weil das System „Art Basel“ nicht mehr den Markt bestimmt. Die Messe definiert nicht mehr die beste Qualität. Der Markt treibt die Messe vor sich her.

Dabei laufen die Geschäfte inzwischen wieder besser. Vor allem amerikanische Großgalerien haben gut verkauft. Stetige Umsätze bescherte hauptsächlich das kanonisierte Angebot abgesicherter Positionen im fünf- und sechsstelligen Bereich. Darüber ist ohnehin nicht allzu viel zu haben. In Erwartung knapperer Sammlerbudgets hatten die Händler nur ganz ausnahmsweise Achtstelliges mitgenommen und als Spitzenstücke einfache Millionenwerke präsentiert. Bei Kewenig aus Köln prunkte an der Kojenbreitwand ein Riesenformat von Anselm Kiefer für 1,8 Millionen US-Dollar, das einen steten Besucherstrom anzog, vor allem „Sehleute“. Am vorletzten Messetag war das Werk immer noch zu haben, was jedoch an den zu kleinen Wänden zweier ernsthafter amerikanischer Interessenten lag. Ein europäischer Sammler brauchte noch Bedenkzeit. Das ist eine Erfahrung, die viele Aussteller machten. Gekauft wurde selten am ersten Tag, bestenfalls am zweiten oder an einem der folgenden Tage. Reservierungen dominieren, weil das Publikum die Messe nicht mehr zwingend als Abschluss, sondern immer häufiger als Zwischenstation einer Transaktion versteht. „Es ist das erste Mal für mich, dass es bis zum letzten Tag spannend bleibt. Bisher war es am zweiten Tag entschieden“, erklärt Michael Rastorfer von der Galerie Gmurzynska.

Eine gute Nachricht ist, dass die US-Amerikaner wieder zurück sind, nachdem sie bei der letzten Ausgabe abgetaucht waren und hauptsächlich Europäer die Aussteller vor einer Katastrophe bewahrt hatten. Die geraten dieses Jahr aber angesichts der vermeintlich gestiegenen Präsenz lateinamerikanischer Besucher ins Hintertreffen. „Das Spanische fällt jetzt mehr auf, weil man weniger Deutsch, Französisch oder Italienisch hört“, lautet ein einleuchtender Erklärungsversuch am Stand der Peter Blum Gallery aus New York, auch wenn Max Hetzler aus Berlin dem entgegenhält, dass es einfach mehr lateinamerikanische Kunst auf dem internationalen Markt gibt. Der Mangel an Kaufkraft durch die geringere europäische Nachfrage ist den Sammlern jedenfalls deutlich bewusst. „Im Bereich des Sceondary Market wird mehr verhandelt, weil die Leute wissen, dass Vieles Kommissionsware ist“, erklärt Paul Gray von der New Yorker Richard Gray Gallery. Gefeilscht wird also weiterhin. Allerdings verlangt man seltener Radikalrabatte bis zu 50 Prozent wie noch im letzten Jahr. Dafür laufen die Geschäfte in diesem Bereich dann doch wieder zu gut. „We got lucky, und das alles ohne das ganze Theater der Vorjahre“, freut sich Annette Kicken aus Berlin, und ihr Mann gibt zu bedenken: „Wir dürfen nicht vergessen, durch was für ein Jahr wir gegangen sind. Auf der Armory Show haben die Amerikaner ja nichts gekauft, und nach Basel sind sie erst gar nicht gekommen.“

Fast könnte man meinen, im Händlerbereich sei die Welt wieder halbwegs in Ordnung. Doch auffällig vernehmlich klagen auch erfolgreich verkaufende Galerien über die heterogene Qualität der angebotenen Kunst. Zu viel Standardware, zu viel Name Dropping an den Ständen, an denen Prominenz ungeachtet der Güte des Einzelwerks für Kasse sorgen soll – zu wenig Innovationen und herausragende Einzelpositionen bestimmen diese Messe, von der ein gestandener Galerist mit guten Verbindungen nach Basel sagt, man sehe der Art Basel Miami Beach an, dass sie Mühe hatte, die Verkaufsfläche zu füllen. „Das ist nicht mehr die Messe, die wir aus den letzten Jahren kannten“, meint er. Das Projekt Art Basel Miami Beach sei immer noch lohnend, aber es habe sich in seinem Qualitätsverständnis dem Markt angepasst. Das steigert die Unsicherheit nicht des Breiten-, aber des Fachpublikums. Signale, so heißt es bei einer anderen baseltreuen Galerie, setze die Messe so nicht, sie müsse selbst etwas zur Qualitätssicherung beitragen. Noch brauche man Miami, um den amerikanischen Markt anzusprechen. Noch mehr Beliebigkeit helfe aber nicht, das Vertrauen der langfristig operierenden Sammler in die Kunst wieder aufzubauen. Die Messe müsse mehr helfen, das Spitzensegment des Marktes erkennbar zu machen. An vielen Ständen fällt auf, dass Galeristen zweigleisig denken und das System Basel nicht mehr als das Zentrum des Marktes, sondern als eine von mehreren Möglichkeit sehen.

Besonders den Erstgalerien machte diese Erosion der Messe-Macht zu schaffen. In Miami blies ihnen häufig ein steifer Wind entgegen. Man muss schon Glück haben wie Eva Winkeler aus Frankfurt, die sich freut: „Ich bin kostendeckend und alles bleibt in den USA in guten Sammlungen.“ Urs Meile aus Peking profitierte von der Sogwirkung der Rubell-Sammlung, die in ihrer aktuellen Ausstellung einige der Galeriekünstler zeigt. Andere Kollegen sind weniger glücklich. Zeitgenössische Kunst und hier besonders die jüngeren Positionen sind Amerikanern anscheinend zu risikoreich. Am schwersten hatten es die Aussteller der Art Nova-Sektion mit ihren Nachwuchspositionen. Sie litten nicht nur unter der Kaufzurückhaltung, sondern zusätzlich unter der etwas abgeschotteten Randlage ihrer Kojen, die am südlichen Hallenrand konzentriert wurden. Schnell machte das Wort von „Hühnerställen“ die Runde. Überhaupt stieß das neue Hallenkonzept auf einhellige Kritik der Aussteller. Während die breiteren Gänge und die Weitläufigkeit gelobt wurden, vermissten fast alle eine klare Struktur und Übersichtlichkeit. Aus Beiratskreisen wurde prompt Besserung versprochen. Unklar ist, ob diese Verbesserungen über das Feintuning hinausgehen können. Die Sackgassen sollen durchbrochen werden, die Seitenwände des monolithischen Quaders in der Mitte mit Restaurant und Auditorium sollen abgesenkt werden. Das wäre jedoch lediglich Kosmetik und würde ein Grundproblem ignorieren: Der Messe fehlt es an orientierungsgebender Struktur und einer Ordnung, die zwischen den Positionen der Galerien Bezüge herstellen könnte.

Die Hereinnahme aller bisher ausgelagerten Bereiche und die Zulassung schwächerer Galerien führen zu einer Zerfaserung des Parcours, die durch die Anordnung der Stände noch verstärkt wird. Michael Kewenig findet: „Die Weitläufigkeit tut der Messe nicht gut. Ich finde die Aufplanung nicht so logisch.“ Und Raimund Thomas aus München stellt eine Beziehung zwischen Architektur, Zulassungspolitik und Gesamteindruck her, die an das Schicksal der Art Cologne erinnert: „Diese Demokratie, die wir ja alle schon erlebt haben auf Messen, muss nicht immer nur von Vorteil sein. Ich hätte mir gewünscht, dass man die Container in einer markanteren Form integriert hätte.“ Allerdings sagt er auch: „Ich glaube, die Messe hat ihren Platz gefunden. Die Breite ist vielleicht etwas stabiler, weniger krisenanfällig.“ Als Messe ohne Hinterland kann es sich die Art Basel Miami Beach jedoch nicht leisten, auf diesen Optimismus zu vertrauen. Im eigenen Land schläft mit der Armory Show schließlich noch ein Riese, der unter einem intelligenteren Management auf eine einzigartige Kulturlandschaft zurückgreifen könnte. New York hat die Galerienszene, die als Netzwerk eine strategischer operierende Messe einbetten könnte. Und in Übersee bereiten sich einige Konkurrenten auf das asiatische Jahrhundert vor.

Die Art Basel Miami Beach wirft deshalb am Ende mehr Fragen auf, als sie mit einigen Umsatzverbesserungen beantworten kann. Vor allem, wie sich das Spitzensegment, wie sich die anspruchsvollen Konzepte, die nachhaltig auch schwierige Ware am Markt platzierenden Galerien im immer beliebigeren Messeumfeld abgrenzen können. Die künftig wohl zunehmend vom Management der Messegesellschaft und weniger von kunsthändlerischen Maßstäben bestimmten Messen in Basel und Miami Beach verlieren an mythischer Strahlkraft. Die Galerien arbeiten längst an Mitteln, ihrem Geschäft und auch der Kommunikation mit den Kunden eine nachhaltigere Struktur zu vermitteln und mit Gallery Weekends und anderen Verkaufsveranstaltungen eigene Akzente zu setzen. „Vielleicht muss es weniger Messen geben“, meinte ein Berliner Galerist orakelhaft. Noch kann man die Basler Antwort auf dieses Problem nicht erkennen. Es ist aber kein Eintagsproblem der jüngsten Rezession. Die Galerien wollen mehr und mehr Antworten auf die Frage, wie ihr Messegeschäft von morgen aussehen kann. Die Art Basel Miami Beach zeigte aber nicht die Antwort, sondern eher die Verdrängung dieses Problems.


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