Art 38 Basel

Save the planet

Henrike von Spesshardt
13. Juni 2007
Art 38 Basel vom 13. bis 17. Juni 2007, Messe Basel

Nun ist es also doch nicht der Frankfurter Galerist Michael Neff geworden, der als heißester Nachfolgekandidat von Art-Basel-Chef Samuel Keller galt, nachdem dieser seinen Wechsel zur Fondation Beyeler bekannt gegeben hatte. Stattdessen wurde gestern, pünktlich zur Vernissage der 38. Art-Basel-Ausgabe, der Thronfolger über das Großunternehmen „International Art Show“ bekannt gegeben. Bereits im Vorfeld hatte der Kommunikationschef der Art Basel, Peter Vetsch, im Gespräch erläutert, es werde sich erweisen, wie man mit „mehreren Leuten“ zusammenarbeiten könne. Jetzt ist es raus: Die renommierte Messe wird in Zukunft von gleich drei Protagonisten des Kunstmarktes geführt. Marc Spiegler (Jahrgang 1968), Cay Sophie Rabinowitz (Jg. 1965) und Annette Schönholzer (Jg. 1964), alle drei mit amerikanischer oder teilamerikanischer Staatsbürgerschaft, nehmen ab dem 1. Januar 2008 ihre Arbeit für die Messe auf. Schönholzer stammt aus dem bisherigen Team der Art Basel, war seit 2002 Projektleitern der Art Basel Miami Beach und ist in Zukunft für Organisation und Finanzen zuständig. Spiegler wird Leiter für Strategie und Entwicklung, lebt in Zürich und ist seit 1998 als freier Kunstjournalist unter anderem für das artnet Magazin, The Art Newspaper, Monopol, Art & Auction und die Neue Zürcher Zeitung tätig. Rabinowitz lebt in New York und Berlin, ist Kuratorin und schrieb bisher für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Financial Times. Seit 1999 leitet sie die amerikanische Redaktion der Schweizer Kunstzeitschrift Parkett und ist Professorin an der Parsons School for Design. Sie zeichnet ab 2008 für die künstlerische Leitung der Messe verantwortlich.

Damit stehen der Art Basel fortan zwei Journalisten vor, deren Tätigkeit – vor allem gilt das für Spiegler – bisher darin bestand, auch unbequem zu agieren, Missständen auf dem Kunstmarkt auf die Spur zu kommen und sie aufzuzeigen. Ob sich die zukünftige Funktion als temporärer Herr über die renommiertesten und finanzstärksten Galerien weltweit damit vereinbaren lässt, ist wohl fraglich, auch wenn uns zwei nahezu alle bedeutenden Printmedien in sich vereinende Kunstmarkt-Berlusconis hoffentlich erspart bleiben werden. Noch vor einigen Tagen berichtete Spiegler in der Neuen Zürcher Zeitung vom Überdruss der Kunstszene angesichts immer weiterer zu besuchender Messen und Events, um gleich darauf den Schluss zu ziehen, Messen seien immer noch „die ideale Plattform, um die wichtigsten Player der Kunstszene zu erreichen“.

Davon gibt es derzeit viele, offenbar Zigtausende, wie die sich noch vor der eigentlichen Vernissage der Messe durch die Gänge schiebenden Massen bewiesen. Im selben Zuge wie das „Kleinod“ aus der deutschen Sprache zu schwinden droht, mutiert der „VIP“ zum Unwort des Jahres 2007. Schon stöhnt der sehr braune Kunstsammler aus München im selben Maße ironisch wie verletzt: „Hach, das ist ja alles sooo exklusiv hier“, während er gar nicht sieht, dass hinter ihm der holländische Kronprinz mitsamt seiner Maxima schwitzt.  Nebenan erläutert ein Galerist, Andreas Slominski betitele seine Werke ja gerne „irgendwie mit Ski, denn in seinem Namen kommt das ja auch schon vor“. Der so genannte „Kunstzirkus“ macht nun also in Basel Halt, auch wenn der Marketing-Einfall der „Grand Tour“ langsam in „Grand Tour de Force“ umzutaufen wäre – und wir stehen erst hinter der zweiten Hürde von vieren. Doch nach einer eher mauen Venedig-Biennale, nicht Fisch, nicht Fleisch, tut diese Ausgabe der Art Basel richtiggehend gut. Wie sollte es anders sein: Auch in ihrem 38. Jahr beweist sie sich als die bedeutendste Kunstmesse der Welt, auf der selbst der gesättigte Kunstliebhaber aus dem Staunen nicht heraus kommt, wenn denn der Blick auf die Preziosen einmal freigegeben ist und kein blauer Anzug davor steht.

Auch wenn die immer höheren Höchstpreise der Auktionshäuser und vorab garantierte Mindesterträge so manchen verkaufswilligen Sammler von der Galerie seines Vertrauens wegmanövrieren und dieser das Leben schwer machen, ist das Angebot, vor allem an hochwertiger zeitgenössischer Kunst, immens. An jeder Ecke ein Jean-Michel Basquiat, so bei Van der Weghe, der die Donut Revenge von 1982 für 3,9 Mio. US-Dollar dabei hat, oder Shafrazi aus New York mit einem Gastruck von 1984 (Preis auf Anfrage). Auch Basquiats Lebens- und Leidensgenosse Andy Warhol ist einmal mehr zuhauf vertreten: L&M Arts zum Beispiel hat den kleinen Mao von 1973 mit dabei, der mit 2 Mio. US-Dollar zu Buche schlägt.

Gleich gegenüber leuchten dem Despoten die überdimensionierten Pilze von Takashi Murakami entgegen. Das Scarlet Heart von 2002 ist für 580.000,- US-Dollar zu erstehen, der im selber Jahr entstandene, größere Troll’s Umbrella für 650.000,- US-Dollar. Den derzeitigen Auktionsliebling George Condo findet man bei Hufkens Brussels mit dem Dutch Girl von 2005 für 225.000,- US-Dollar, seine künstlerische Nachfolgerin Lisa Yuskavage hat ein Jahr später ein ebensolches produziert, das bei Zwirner über 200.000,- US-Dollar kostet und sich in nicht weniger aufreizender Pose präsentiert.

Wer sich hiernach blümerant fühlt, der setze sich in einen der daneben stehenden, unbetitelten Rollstühle von Deutschlands Biennale-Pavillon-Bespielerin Isa Genzken– freilich nicht, ohne Herrn Zwirner vorher mindestens 100.000,- US-Dollar pro Stuhl, entstanden übrigens 2006, zu überweisen. Erwartungsgemäß finden sich noch weitere Teilnehmer der diesjährigen Biennale di Venezia und auch die bevorstehende documenta 12 kündigt sic bereits im Angebot der Galerien an. Inigo Manglano-Ovalle und Martha Rosler sind ebenso dabei wie der medial omnipräsente Ai Weiwei, den Urs Meile mit einer unbetitelten Holzplastik von 2006 zeigt (8er- Auflage zu je 55.000,- Euro). Mit einem im Vergleich zu älteren Arbeiten recht lieblos ausgeführt wirkenden Fang Lijun von 2006 in Riesenformat hat Art + Public aus Genf einrucksvoll den Stand ausgefüllt (Preis auf Anfrage). Nicht minder gigantisch ein 1969 entstandener Alex Katz mit Private Domain bei Monica de Cardenas aus Mailand, der zur Eröffnung für über eine Millionen Euro bereits verkauft war.

Ebenfalls sehr gut, wenn auch etwas weniger stark vertreten, sind die Angebote im Bereich der Modernen Kunst, selbst wenn Helly Nahmad mit um die 20 späten Arbeiten von Pablo Picasso einen Stand der Superlative bietet (alle Preise auf Anfrage). Bei Acquavella beeindruckt eine blendend farbige Abstraktion von Kandinsky, entstanden 1925 und für mittlerweile 6 Millionen US-Dollar seit 43 Jahren immer mal wieder im Programm der Galerie. Fast zeitgenössisch wirkt MagrittesLes Travaux d’Alexandre von 1958, ebenfalls bei Acquavella. Das originelle kleinformatige Ölbild von 1958 mit der Abbildung eines Baumstumpfes, der sich selber enthauptet hat und glatt die Vorlage für eine Skulptur Paul McCarthys bilden könnte, schlägt mit 750.000,- US-Dollar zu Buche. Ebenfalls ohne Kopf kommt Giacomettis fabelhafter Torse de Femme von 1948-49 bei Gmurzynska für 6 Millionen Euro daher.  

Wer sich den von der FAZ wortgewaltig proklamierten „Jahrhundertsommer der Kunst“ entgehen lässt – sei es weil die Füße oder gar der Geist schmerzen und  mitunter auch wichtigere Dinge im Leben anstehen – der sei getröstet: Ab dem letzten Messetag sind die Werke der Art Basel für zwei Monate auf artnet unter www.artbasel-artnet.com abrufbar. Mehr als 90 Prozent der auf der Messe vertretenen Galerien nutzen die neue Kooperation der beiden wichtigen Motoren des internationalen Kunstmarktes und geben Sammlern und Kunstinteressierten auch im Nachhinein noch die Möglichkeit, ihre Tour nachzuholen. Und da in Zeiten von Kunstmarkttourismus via Billigflügen der CO²-Emittent Mensch zunehmend nicht mehr um die Erstellung seiner individuellen Klimabilanz herumkommt, sei abschließend geraten: Save the planet, buy on artnet!

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