1. Juli 2011
Arnold Odermatt: „Heimat“ – Galerie Buchmann, Berlin. Vom 24. Juni bis 30. Juli 2011
Am Lebensweg des Künstlers Arnold Odermatt ist so ziemlich alles ungewöhnlich. Aus dem ehemaligen Kantonspolizisten im schweizerischen Nidwalden, der Ende der 1940er-Jahre seine Fotografien vom Dienstalltag gegen das Misstrauen von Kollegen und Vorgesetzten durchsetzen musste, wurde ein weltberühmter Fotograf, dessen Werke sich heute in vielen namhaften Sammlungen befinden. Seine Entdeckung erfolgte erst spät – drei Jahre nach seiner Pensionierung – und durch den eigenen Sohn. Beim Durchsehen der alten Negative auf dem Speicher wusste der Filmemacher Urs Odermatt sofort: „Das ist ein großer Fund!“ Bereits die erste Buchveröffentlichung „Meine Welt“ brachte 1993 den Durchbruch, zahlreiche Ausstellungen folgten. 2001 lud ihn Harald Szeemann auf die Biennale von Venedig ein. So avancierte Arnold Odermatt im Alter von über 70 Jahren mit surrealen Schwarzweißfotos von Unfallorten und verbeulten Karosserien („Karambolage“) zum Star einer Kunstszene, die gewöhnlich für ihren grassierenden Jugendwahn bekannt ist.
Ein ungläubiges Staunen ist Arnold Odermatt heute noch anzumerken: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden! Jahrelang hat sich niemand für meine Bilder interessiert und dann das.“ In Begleitung seines Sohnes Urs Odermatt ist der 86-jährige Künstler nach Berlin gekommen, um seine Ausstellung „Heimat“ in der Galerie Buchmann zu eröffnen. Inmitten seiner Bilder strahlt der freundliche Herr im grauen Anzug die heitere Gelassenheit eines Menschen aus, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Arnold Odermatt genießt seinen späten Ruhm, den er als Geschenk begreift. „Ich habe Glück, ich weiß das“, sagt der Fotograf lächelnd. „Und ihm habe ich alles zu verdanken“, stellt er seinen Sohn Urs vor, der das Werk seines Vaters nach und nach in verschiedenen Werkgruppen herausgibt.
Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser zurückhaltende und feinsinnige Mann mit der leisen Stimme einmal als Polizist gearbeitet und mit seiner Rolleiflex die furchtbarsten Unfälle dokumentiert hat. Arnold Odermatt bestätigt: „Ich habe schon gemerkt, dass ich feinfühliger war als meine Kollegen, und wenn etwas Schlimmes passierte, besonders mit Kindern, konnte ich mit niemandem reden. Das Fotografieren – das ja eine gewaltige Arbeit war, weil ich alles selbst einrichten musste – hat mich davon abgelenkt.“ Um auszuhalten, was er sah, wenn er am Unfallort eintraf, musste Odermatt das Gesehene bannen und sein eigenes Bild über das erste Bild des Schreckens legen. Aus diesen Privatfotografien, die Odermatt mit viel Geduld nach dem dienstlichen Bilddokument aufnahm, ist das Grauen bereits getilgt worden. Es sind aufgeräumte, meist menschenleere Orte, in denen der Fotograf den verkeilten, zu Schrott gefahrenen Fahrzeugen eine skulpturale Schönheit verleiht. Wenn man Arnold Odermatt zuhört, begreift man, dass es hierbei auch um die Rettung der eigenen seelischen Unversehrtheit ging. Es sind Bilder, die heilen und befrieden sollten.
Der Wille zum Glauben, dass wieder alles gut werden kann, hat Arnold Odermatt durch ein langes Polizistenleben getragen. Es ist eine Haltung, die, gepaart mit einer spürbaren Liebe zur Natur und zu den Menschen, auch die Werkgruppe „Heimat“ mit Bildern aus den 1950er bis 1970er-Jahren kennzeichnet. In kaum einem anderen Bild tritt dieser Blick auf die Welt so deutlich zutage wie in dem Foto, das Odermatt bei einem Nachteinsatz von einem Oberförster aufnahm. Erleichtert sitzt dieser im Auto und hält ein Reh im Arm, das er gerettet hat (Buochs, 1954). Das Blitzlichtfoto erinnert an Weegee, jenen anderen berühmten Tatortfotografen, dessen Zynismus Odermatt nicht teilt.
Die Schwarzweißfotos dieser „schweizerischsten“ seiner Serien dokumentieren auch eine Zeitenwende in Odermatts Heimatkanton Nidwalden – den Einzug der Moderne in die ländliche Region am Vierwaldstättersee. In prägnanten, sorgfältig komponierten Aufnahmen, die den Einfluss seines Vorbilds, des Magnum-Fotografen Werner Bischof verraten, fängt Odermatt Handwerk und lokales Brauchtum ein. Man sieht Hufschmiede, Falkner und Schuster bei der Arbeit und zwei Senner, die das Heu einbringen. Eine echte Geissenpeter-Idylle zeigt Odermatts eigenen Vater mit Tirolerhut, Pfeife und Wanderstock beim Bergwandern mit Enkel Urs (Wolfenschiessen, 1958).
Dem stehen ebenso viele Fotos gegenüber, in denen der Chronist Odermatt in den 1960er-Jahren den Bau der ersten Autobahn in der Schweiz dokumentierte, die mitten durch den vormals nur durch eine Zugbrücke erreichbaren Kanton führte. „Morgens kamen Horden von Touristen, die um fünf Uhr wieder wegfuhren, dauernd gab es Unfälle und Staus. Damals wollten wir die Autobahn, denn so konnte es nicht weitergehen!“, erinnert sich Arnold Odermatt. Sein Sohn Urs ergänzt kritisch: „Der Ort war eine Sackgasse, man musste auf demselben Weg rausfahren, auf dem man reingekommen war. Die Autobahn hat aus einem Sackgassen-Kanton einen Transitkanton gemacht, das war eine ungeheure Veränderung.“
Die Hängung macht diesen Umbruch mit pointierten Gegenüberstellungen sinnfällig. Mit feinem Bildwitz tritt eine schier endlose Blechlawine auf einer doppelstöckigen Autobahn (Hergiswil, 1982) in einen Dialog mit einem älteren Bild, das zeigt, wie eine Schafherde neben Bahngleisen hergetrieben wird (Wolfenschiessen, 1958). Solche leisen Kommentare Odermatts verweisen auf die Ambivalenz des zunächst freudig begrüßten Fortschritts. Ein anderes Bilderpaar zeigt, wie Odermatt den Einbruch einer Katastrophe in die beschauliche Bergwelt stillstellt. Auf dem linken Bild sieht man die Bergung eines in den Vierwaldstättersee abgestürzten Mirage-Kampfjets, der sich in dieser Umgebung vollkommen unwirklich ausnimmt (Buochs, 1969). Rechts daneben hängt die klassische Postkartenidylle eines Sonntagsausflugs. Frau Odermatt und Sohn Urs genießen die herrliche Aussicht auf die spiegelnde Oberfläche eben jenes Sees, aus dem gerade noch ein Jet gehievt wurde – eine Gegenüberstellung wie ein Filmschnitt, an der David Lynch seine helle Freude hätte.
Diese neuesten Bergungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Bildarchiv von Arnold Odermatt machen große Lust auf mehr. Darf man sich nach den Publikationen „Meine Welt“, „Karambolage“, „Im Dienst“ und „In zivil“ etwa schon auf den nächsten Bildband freuen? Odermatts Sohn hält sich bedeckt. „Falls das Buch kommt, geht es wahrscheinlich in Richtung ‚Nach Feierabend‘“, verrät der Herausgeber nur. Das lässt hoffen.