17. Februar 2012
ARCOmadrid. Vom 15. bis 19. Februar 2012
Ana Serratosa steht in Halle 8 und strahlt. Hoch über ihr hängt ein Netz aus polierten Lüftungsrohren, um sie herum erstreckt sich ein breiter, schwarzer Holzboden. Darauf, mit viel Luft zum Atmen, Messekojen. Die 215 Galerien merkt man der 31. ARCOmadrid wirklich nicht an. Und die schlechte Wirtschaftslage? Nur bedingt.
„Die ARCO ist eine Messe, die Zeit für Entdeckungen lässt“, freut sich die zierliche Sammlerin aus Valencia. Eine erste hat sie gerade gemacht. Am Stand der Galerie Edward Tyler, an den sie nachher noch einmal hin möchte, ist ihr eine ältere iranische Künstlerin ins Auge gesprungen. „Den Namen habe ich gerade vergessen“, gluckst sie leise, und es beginnt ein ruhiges Schlendern durch die Gänge, einfach drauflos. Ana Serratosa war früher, von 1988 bis 1995, selbst Galeristin. Inzwischen hat sie eine gewaltige eigene Sammlung, mit Werken von Erwin Wurm, Kara Walker, Jonathan Lasker und Stephan Balkenhol. Doch vor allem begreift sie sich als jemand, der in Valencia „ein Fenster für die Gegenwartskunst öffnet“: Mit einem Showroom, der eher einem Privathaus gleicht, in dem sie Ausstellungen, Diskussionen und Kurse organisiert. „Dahinter steckt ein ganz persönliches Konzept. Ich will den Leuten nahe bringen, was Kunst im Leben bedeuten kann“, erklärt sie und spaziert auf den Stand von Kuckei + Kuckei, wo eine Reihe zartbunt gestreifter Acrylbilder von Michael Laube kurz ihre Aufmerksamkeit bannt. Der Name wird notiert.
Ob sie keine Liste habe, mit Galerien oder Künstlernamen, die sie sich auf der Messe vornehmen will? Ana Serratosa schüttelt den Kopf. „Ich suche nicht nach einem Künstler, sondern nach dem Werk, das mich interessiert. Sehen Sie mal!“ Auf dem Boden der Adora Calvo Galería aus Salamanca stehen zwei transparente Plastikkugeln, auf die per Computerprogramm kleine Figuren und Zeichen projiziert sind. Floating Land heißt die Arbeit von der Brasilianerin Anaisa Franco, wie die Galeristin erklärt. Sie bittet uns an den riesigen Mac-Bildschirm und klickt durch das Portfolio. Ana Serratosa hört aufmerksam zu, 3.000 und 4.000 Euro kosten die Kugeln. „Die anderen Arbeiten der Künstlerin fand ich allerdings nicht so interessant wie diese hier“, meint die Sammlerin hinterher, als von Links ein spanisches Pärchen auf sie zustürzt und lautstark begrüßt – die beiden kommen aus Valencia und seien erst durch sie zur Kunst gekommen, erklärt sie, nun ließen sie keine ARCO mehr aus.
Vorbei an Mehdi Chouakri, der gerade die teuerste Arbeit am Stand – vier gelbe Wandreliefs von Charlotte Posenenske, die Prototypen von der documenta 2007 – an eine spanische Stiftung verkauft hat. Nun erklärt er den Rubells die Collage aus Mädchenporträts von Hans-Peter Feldmann. Das Sammlerpaar aus Miami ist auf der ARCO zu einem Talk eingeladen, während die Stiftung der Banco Santander, eigentlich selbst bestens mit Kunst bestückt, gerade jede Menge Malerei aus der Sammlung der beiden zeigt.
Anna Serratosa deutet auf einen durchlöcherten Metalltorso von Jaume Plensa mitten im Gang: So etwas habe sie auch in ihrer Sammlung. Die Skulptur gehört zu der neuen Sektion „Solo Objects“. Messechef Carlos Urroz, der der ARCO letztes Jahr zu neuem Schwung verhalf, wollte den weiten Raum der Industriehallen nicht ungenutzt lassen, weshalb nun vereinzelte Großskulpturen die Gänge säumen. Nicht unbedingt Ware für die rund 150 Jungsammler, die er auch in diesem Jahr hat einfliegen lassen, aber vielleicht für einen der weiteren 100 Sammlergäste, wie Erika Hoffmann. Allerdings ist auch sie gekommen, um Neues zu entdecken und sich treiben zu lassen, statt hektisch große Namen im Notizbuch abzuhaken. Die Berliner Sammlerin legt gerade eine Kaffeepause ein. „Ich fahre nur noch auf wenige Messen“, erzählt sie munter. „Die starke Kommerzialisierung des Kunstbetriebs mag ich nicht. Aber hierher komme ich sehr gerne, die Gastfreundschaft ist wunderbar, und man hat Zeit für neue Eindrücke!“
Ana Serratosa hat den Hallenplan längst in die Tasche geschoben, schließlich landen wir auch so bei Edward Tyler. Sie zeigt auf eine Leinwand mit lockeren Pflanzenformen, über die blaue Häschen hoppeln, dazu erklingt Klaviermusik. Prelude to Rabbit in Wonderland, heißt die Arbeit von Farideh Lashai, Jahrgang 1944. Langsam wird klar, wofür sich Ana Serratosa im Moment interessiert: Für Kunst mit synthetischem Touch, die mit neuen Techniken spielt. Man muss das nicht mögen, aber die intuitive Neugier, mit der sie sich durch die Gänge bugsiert, ist bemerkenswert.
Dass sie sich auch mit klassischer Malerei auskennt, zeigt die studierte Kunsthistorikerin am Stand der Marlborough Gallery, wo es jedes Jahr von Besuchern und Fernsehteams nur so wimmelt. Hier hängen zwei Gemälde von Alfonso Albacete und Carlos Franco, spanische Großkünstler der Achtziger, doch international ziemlich unbekannt. „Warum zeigt die Galerie sie nur in Madrid und nicht auf anderen Messen?“ Ana Serratosa runzelt zum ersten Mal ein wenig die Stirn. „Außerdem haben diese Künstler auch bessere Werke gemacht. Wieso also diese hier zeigen?“ Marlborough mit Dependancen von New York über Monaco bis Madrid verkörpert in etwa das Gegenteil dessen, was Ana Serratosa wichtig ist: Persönlicher Austausch und der genaue Blick.
Weiter geht es vorbei an Andersen’s Contemporary, ein Stand wie ein einziges Plastiklabor mit einer Vogelkäfig-Vitrine von Simon Dybbroe Møller (18.000 Euro), einem Knitterbild von Anselm Reyle (87.500 Euro) und einer Art aufgepumptem Zellkörper von Tomás Saraceno, der es Ana Serratosa besonders angetan hat. „34.000 Euro? Dachte ich mir…“
Gegenüber landen wir bei Soledad Lorenzo, einer von Spaniens Top-Galerien. Hier wurde gleich zu Beginn ein kleines Bild des jungen Jeronimo Elespe für 9.000 Euro verkauft – er ist der „Highlighted Artist“ am Stand, ein weiteres Novum, das Carlos Urroz eingeführt hat: Jede Galerie soll einen speziellen Künstler hervorheben, was allerdings fast niemand beachtet hat. Auch bei Soledad Lorenzo gibt es noch viel mehr zu sehen, etwa eine Leinwand von Juan Uslé, die für 113.000 Euro an einen spanischen Sammler ging, und daneben ein Bild von Uslés Frau, Victoria Civera, für 27.000 Euro, noch zu haben. „Sie hat schon in Valencias Kunstmuseum ausgestellt, dem IVAM“, erklärt Ana Serratosa ein bisschen stolz, als eine Frau mit feuerrotem Haar sie herzlich begrüßt: Consuelo Ciscar, die Direktorin ebendieses Museums.
Dieselbe Haarfarbe trägt die Grande Dame der spanischen Galeristinnen und Gründerin der ARCO im Jahr 1982, Juana de Aizpuru. Ihr Stand gleicht allerdings eher einer Hexenküche. Ein nachgestellter Großabzug des küssenden Matrosen von Yasumasa Morimura hängt über einem zerschredderten Mofa von Fernando Sánchez Castillo, das für sagenhafte 82.000 Euro noch auf Abnehmer wartet – so wie der Rest des Standes, an dem sich vielleicht das einzige Problem der Messe ablesen lässt: Es sind weniger die reduzierten Budgets von Stiftungen wie Caixa Foundation, der Reina Sofia und des Kulturministeriums noch die momentan schlechte Zahlungsmoral der Spanier, sondern die qualitativ minderwertigen Stände vieler spanischer Galerien, die das ganze Jahr über auf die ARCO hinleben – da sie in London oder Basel nicht angenommen werden. Die hohe Galerienanzahl lässt sich nur dadurch erklären, dass man den Heimspielern im internationalen Rahmen eine Überlebenschance bieten will: Für viele von ihnen ist die diesjährige ARCO ein letzter Versuch, die eigene Existenz zu retten.
Auch die Galerie Soledad Lorenzo wurde dieses Jahr aus Basel ausgemustert und gibt nun ihre Galerie ganz auf. „Sie ist auch schon 73“, erklärt Ana Serratosa etwas zerknirscht, „wahrscheinlich hätte sie sowieso bald zugemacht.“ Doch dass die Spanier irgendwann auch auf der ARCO von der Konkurrenz verdrängt werden könnten, ist nicht ganz unwahrscheinlich. Am Doppelstand von Bärbel Grässlin aus Frankfurt und Heinrich Ehrhardt aus Madrid sind alle Verkaufserwartungen übertroffen: Eine „Study Sculpture“ von Tobias Rehberger ging für 18.000 Euro an eine Sammlerin aus Madrid, auch eine Arbeit von Imi Knoebel wurde nach Spanien verkauft, und innerhalb einer Stunde schlugen die Sammler Rubell gleich bei drei Bildern von Secundino Hernández zu, darunter eine abstrakte Riesenleinwand.
Ana Serratosa spaziert weiter und landet zum wiederholten Mal bei einem Künstler, den sie früher selbst gezeigt und gekauft hat – damals war er unbekannt, heute ist er in ihren Kreisen in aller Munde: Bernardí Roig. Der Mallorquiner quetscht weiße Körper an Metallgestänge und Monitore. Seine Arbeiten erinnern entfernt an die Figuren von Juan Muñoz. Schon wieder Kunst und Technik? Ana Serratosa zuckt die Schultern, nein, sie kaufe auch Malerei, zum Beispiel habe sie sich vor einiger Zeit etwas Abstraktes von Xavier Grau zugelegt, dem spanischen Günther Förg, den sie ebenfalls sammelt. „Kunst ist sehr eklektisch. Sie bildet die Welt in allen Facetten ab. Deshalb will ich mich nicht nur auf eine Richtung konzentrieren“, sagt sie und tastet sich sanft durch die Menge vorwärts, die sich inzwischen durch die Gänge schiebt. Bei Max Wigram macht sie Halt, der Julian Rosefeldts Film Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land – bisher war er nur in der Berlinischen Galerie zu sehen – für 75.000 Euro anbietet. Darin fegt ein Hausmeister stoisch ein Felsplateau, und auch Ana Serratosa lässt sich Zeit mit dem Hinschauen.
Die letzten Schritte führen vorbei an der Galerie Zink, die diesmal mit einer der schönsten Kojen überhaupt auftrumpft: In Petersburger Hängung zeigt man hier Kleinformate von Yoshitomo Nara und Hiroshi Sugito bis Rosilene Luduvico (Preise von 1.000 bis 132.000 Euro), während eine zweite Abteilung, passend zum Messeschwerpunkt Niederlande, allein den Zeichnungen Marcel van Eedens gewidmet ist (Preise von 2.800 bis 29.500 Euro) – davon bereits mehr als die Hälfte verkauft. Plötzlich stehen wir unvermittelt vor der VIP-Lounge, aber Ana Serratosa ist noch gar nicht müde. Wie vor drei Stunden blickt sie sich freundlich um, grüßt eine weitere Madrider Grand Old Galeristin Oliva Arauna, und freut sich: Die nächsten drei Stunden wird sie einfach weiterschlendern. Und morgen? Morgen nimmt sie sich noch einmal Farideh Lashai bei der Galerie Edward Tyler vor. Zeit genug ist ja.