Antoni Tàpies im Museum für Gegenwartskunst Siegen

Topografie des Geistes

Jörg Scheller
5. Januar 2012

Antoni Tàpies: „Bild, Körper, Pathos“ – Museum für Gegenwartskunst Siegen. Vom 13. November 2011 bis 19. Februar 2012

Die Überraschung war groß, als das Museum für Gegenwartskunst Siegen jüngst die Auszeichnung „Museum des Jahres 2011“ erhielt. Die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbands AICA begründete ihre Entscheidung damit, dass Siegen „den Begriff ‚museal‘ in den vergangenen Jahren neu bestimmt“ und bewiesen habe, „dass ein Museum auch immer die Gegenwart in der Vergangenheit und umgekehrt die Vergangenheit in der Gegenwart suchen und finden kann“. Die Antoni Tàpies-Retrospektive „Bild, Körper, Pathos“ ist ein gutes Beispiel für das in Siegen gepflegte Prinzip, internationale Gegenwartskunst nicht auf modische, sondern auf klassisch-museale Weise zu präsentieren.

Tàpies ist dafür der geeignete Kandidat, operiert er doch genau an der erwähnten Schnittstelle zwischen Gegenwart und Vergangenheit, für deren Kultivierung Siegen ausgezeichnet wurde. Einerseits ist der 1923 in Barcelona geborene Maler ein aktiver Gegenwartskünstler. Andererseits gehören seine kunstreligiöse Mentalität und sein esoterisch gefärbtes Œuvre der Klassischen Moderne an – und damit einer Epoche, die spätestens mit dem Triumph der Pop Art ihren Zenit überschritten hatte. Berühmtheit erlangte der Katalane in den 1950er-Jahren mit Bildern irgendwo zwischen Informel, Art Brut und Surrealismus, die er gleichsam als sinnlich-übersinnliche Dinge inszenierte. Er montierte betont povere Materialien wie Draht, Holz oder Stoff, versehen mit Staub oder Sand, auf diverse Bildträger, um einerseits jene archaischen Energien anzuzapfen, die er in der technisierten Zivilisation verloren wähnte, und andererseits gegen die Kunst der autoritären Systeme Stellung zu beziehen. Die spröde Materialität seiner Arbeiten betrachtete er als Fortsetzung des Geistigen mit stofflichen Mitteln, wie er überhaupt die Kunst als autonome Epistemologie der blasierten Ästhetik der Franco-Diktatur entgegensetzte, die bis 1975 andauerte: „Malen ist eine Art, über das Leben nachzudenken; Nachdenken ist aktiver als bloßes Betrachten“, erklärte der Maler.

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung zeichnet mit 47 Werken nach, wie sich Tàpies in den 1940er-Jahren vom akademischen Porträt löste (Selbstporträt, 1945) und sich neuen Bildformaten – sozusagen Combine Paintings avant la lettre – zuwandte, welche nicht nur Körper, Körperteile oder Körperspuren zeigten (Claras Hände, 1979), sondern sich immer auch selbst als Körper präsentierten (Körper aus Materie und organgefarbenen Flecken, 1968). Damit nahm der Künstler gewissermaßen die heutigen Bildtheorien vorweg, ist in der jüngeren Forschung doch oft die Rede von der Trias Bildkörper, Körperbild und Körperlichkeit des Betrachters. Tàpies wendet sich mit seinen Körperbildern und Bildkörpern an den Betrachter als physisches Wesen – stets eingedenk der Tatsache, dass es für ihn keinen Widerspruch zwischen „Stoff“ und „Geist“ im platonischen Sinne gibt. Wenn er aber das Bild als Gegenstand in den Vordergrund rückt, dann mitnichten unter Preisgabe des Gegenständlichen und des Symbolischen. Immer wieder sind mimetische und zeichenhaft verweisende Elemente zu erkennen – Füße, Türen, Torsi, Kreuze, etc. (Kopf und Firnis, 1990; Akt, 1995; Skelett auf Material, 2001). So ist denn Tàpies, ungeachtet der stilistischen Kohärenz und starken Wiedererkennbarkeit seiner Werke, ein Maler des Sowohl-als-auch: Gestern und Heute, Geist und Stoff, Bildkörper und Körperbild, Abstraktion und Mimesis. In Siegen kann man sich davon aufs Schönste überzeugen.


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