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Antoine Prum im Luxemburgischen Pavillon auf der 51. Venedig-Biennale

Spielarten des Venezianischen

Hans-Jürgen Hafner
28. Juni 2005
Die Suche lohnt sich. Zwar ist der Luxemburger Beitrag zur Biennale, kuratiert von Boris Kremer, nicht gerade leicht zu finden. Dafür nimmt sich Antoine Prums Film Mondo Veneziano. High Noon in the Sinking City sehr pointiert aus; gerade vor den in kuratorischer Hinsicht teils belanglosen, teils indiskutablen Darbietungen, zumal in den Arsenali, aber auch in manchen Länderpavillons inklusive dem deutschen. Denn Mondo Veneziano ist eine höchst unterhaltsame und professionell in Szene gesetzte Kunstwelt-Parodie, ein filmisches Kammerspiel mit heftigen Splatter-Attacken. Schauplatz ist, der Titel legt’s nahe, Venedig. Natürlich nicht die Serenissima selbst, sondern ein marodes Miniatur-Venedig, in Form einer windschief abgemusterten Kulissenstadt, die irgendwo auf luxemburgischen Territorium vor sich hin gammelt.

Die groteske Venedig-Simulation hat Antoine Prum (1963) aufgespürt und zum Setting einer eigenartigen Story gemacht: Vier aus der Art World nur zu bekannte Charaktere, oder besser, Typen – ein (hörbar) deutsches Malergenie, eine engagierte Kuratorin, ein sehr korrekt gescheitelter Theoretiker (offensichtlich aus Osteuropa), dazu ein so genannter „convivial artist“ (das Modell der 90er Jahre à la Tiravanija, Stichwort: Partizipation) treffen in der Venedig-Kulisse aufeinander, um über Kunst und ihre Vermittlung zu diskutieren. Endlos kreisen die Gespräche der Vier in verquasten Fachsprachen und Jargons um immer ähnliche Punkte, werfen, mal beim Espresso, dann beim Nachtspaziergang, die ewigen Fragen nach Kunst und Leben, Wirksamkeit und sozialer Relevanz auf’s Tapet. Doch Lösungen, Ergebnisse zeichnen sich keine ab: Denn die Positionen, sie kommunizieren nicht miteinander. Sie verlieren sich im unvermittelten Nebeneinander halbgarer Statements.

Statt Annäherung greifen die Figuren deswegen auf Radikallösungen zurück. Da hackt dann der Maler dem Theoretiker – mit üppig Blutspritzen – eine Spitzhacke durch die Brille in den Schädel, schlachtet der Geselligkeitskünstler die Kuratorin und weidet sie souverän im Rhythmus aus dem Ipod aus. Doch wie bei Itchy und Scratchy: schon beim nächsten Take sind wieder alle beisammen und lamentieren munter weiter, bis reihum jeder eine Art rituellen Abgang vollzogen hat. Das Finale zeigt den deutschen Maler symbolstark, am Zaun gekreuzigt.

Was ein wenig platt klingt, geht aber, nicht nur weil’s gut gemacht ist; tatsächlich funktioniert Mondo Veneziano auf vielen Ebenen. Prum verhindert jegliche Identifikation mit seiner klischierten Typen-Truppe durch sorgfältig inszenierte Verfremdungstechniken. Bereits von Anfang wird das „Gemachte“ der filmischen Illusion durchsichtig: die Figuren werden in der Maske, beim Schminken und Stylen eingeführt, Venedig entpuppt sehr schnell als potemkinsches Dorf in einer trostlosen Hügellandschaft, mit hohlen Papp-Palästen und leeren Kanälen. Und die Texte, durch die sich die Schauspieler oft mit sichtlicher Mühe quälen, basieren auf Aneignung. Das Script ist ein Pastiche aus kunsttheoretischen Essays, Aufsätzen zur kuratorischen Praxis, Statements und Interviews von Künstlern aus den letzten Jahren. Prum verknüpft seine Ressourcen äußerst pointiert; er entlarvt damit Hip-Theorien wie Mystizismen. Wenn seine Art World-Typen mit fremden Zungen, etwa von Thomas Wulffen und Nicolas Bourriaud, von Neo Rauch oder John Miller sprechen, spielt sich Bedeutung gegen Bedeutsam-Sein-Wollen aus.

Neben der offensichtlichen Kunstwelt-Parodie stellt Mondo Veneziano freilich weitere Themen zur Diskussion. Etwa wie es ums „echte“ Venedig steht, das Touristenspektakel im Dauer-Ausnahmezustand. Und auch, ob der Staat Luxemburg, Prums „Heimat“, nicht auch einfach nur eine Art Kulisse, ein Spektakel ist... Mondo Veneziano jedenfalls ist einer der wenigen Tipps, den man bei dieser Biennale mit ruhigem Gewissen geben kann. Im Frankfurter Revolver Verlag ist außerdem ein ausführliches Buch erschienen, das neben dem Script eine Reihe begleitender Essays enthält.

Mehr im Dossier Venedig Biennale 2005


Mehr im Dossier  Venedig Biennale 2005

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