„Antic Measures” bei Gregor Podnar, Berlin

Die Spartaner kommen

Simone Reber
22. Dezember 2011

„Antic Measures” mit Lou Hubbard, Ian Kiaer, Esther Kläs, Jochen Lempert, Manfred Pernice und B. Wurtz – Galerija Gregor Podnar, Berlin. Vom 19. November 2011 bis 21. Januar 2012

Wo hat dieser B. Wurtz nur gesteckt? Wie konnte er so lange unter dem Radar der Kunstmarktbeobachter hindurch fliegen und erst mit sechzig Jahren entdeckt werden? Dabei sehen seine Arbeiten in der Galerija Gregor Podnar aus wie die eines jungen Mannes, frisch, scheu und eigensinnig. Auf einem Edelholzsockel ruht eine blanke Konservendose, darüber hat sich eine Tennissocke aufgerichtet. Beulig versucht das ewig versteckte, immer getretene Kleidungsstück, Würde an den Tag zu legen. Von dem Objekt geht eher selbstironische Skepsis aus als sichere Behauptung. Der noble Sockel beansprucht zwar einen Platz im Museum. Die lasche Socke aber zaudert, den Olymp zu betreten.

Der Galerist Gregor Podnar, bei dem zuverlässig Skulptur mit Pointe zu finden ist, hat diesmal den amerikanischen Kritiker und Kurator Chris Sharp eingeladen, die aktuelle Ausstellung zu konzipieren. Sharp setzt auf Künstler, die unauffällig, aber wirkungsvoll den Raum in Besitz nehmen mit „Antic Measures“ – grotesken Maßen, wie der Titel der Ausstellung lautet. B. Wurtz, ab jetzt Künstler der Galerie, sagt von sich, er wolle „leichtfüßig über die Erde gehen.“ Ewigkeit ist für ihn eine relative Dimension. So recycelt er Plastiktüten, Mandarinennetze oder auch Fastfood-Kartons wie für The Secret of the Pyramids. 1948 in Kalifornien geboren, lebt er heute in New York. Aber auch dort war man überrascht, als die Galerie Metro Pictures eine Retrospektive über sein fast vierzigjähriges Schaffen zeigte. Allein sein Name steht für Lakonie: Aus William wurde Bill, aus Bill B. Mit der gleichen Sparsamkeit setzt Wurtz sein Material ein und knausert sogar mit Müll. Pastellfarbene Plastiktüten hängen wie ein Mobile an einem Kleiderständer. In der Schwebe entfalten diese Aschenputtel-Skulpturen federleichte Verführungskraft.

„Antic Measures“ – groteske Maße oder auch groteske Maßnahmen: Die Ausstellung bei Gregor Podnar jagt Protz, Allüren, Großmannssucht und Glamour zum Teufel. Die Kunst entwickelt Liebenswürdigkeit, weil sie sich selbst zurücknimmt und den Blick auf Vernachlässigtes lenkt. So besetzt der Brite Ian Kiaer Raum mit Luft – ein unförmiger Körper aus transparentem Kunststoff stößt an Wand und Decke. Kiaer, dessen Name sich wie das CARE-Paket ausspricht, hat als Maler begonnen. Nach der Begegnung mit der Architektur des Niederländers Rem Koolhaas fand er zur Skulptur. Sein aufgeblasener Riese, der sich Endnote, pink nennt, versperrt massig den Weg, obwohl er durchsichtig ist. Er erinnert an die selbstgebauten Hürden, die sich dem Leben entgegenstellen. Vielleicht sind sie nur Einbildung.

Gut sichtbar sind allerdings die tausend Stolperfallen der Stadt – die Poller, Fahrradständer, U-Bahnüberdachungen und Sitzbänke. In dieser gewöhnlichen Unwirtlichkeit beobachtet der Fotograf Jochen Lempert zarte Romantik. Für Stadtstrukturen fotografiert er Taubenpaare zwischen dem stählernen Straßenmobiliar. Genügsam turteln die ungeliebten Vögel auf Asphalt und Trottoir. Ihre Zweisamkeit wirkt wie ein stiller Vorwurf gegenüber der Achtlosigkeit, mit der die Städte gestaltet sind.

Da geht Esther Kläs lieber gar nicht erst vor die Tür. Wie heruntergelassene Jalousien hängt sie Linolschnitte an die Wand. Trübe, gedehnte Nachmittage beim Solitär-Spiel sind darauf notiert. Die haptische Beschäftigung des Kartenlegens wirkt so anachronistisch wie die Drucktechnik. Esther Kläs, Jahrgang 1981, hat bei Georg Herold in Düsseldorf studiert. Sie lebt in New York und beweist, dass man sich auch im Big Apple vor Einsamkeit graulen kann.

Manfred Pernice, der bekannteste Künstler der Ausstellung, stapelt gewohnt tief. Aus matten Pressspanwürfeln hat er einen Turm gebaut. Aufbau verweigert den rechten Winkel. Pernice entwickelt seine Formen aus der Litfasssäule, entzieht aber dem Trägermaterial Ausstrahlung und Perfektion. Spätestens hier wird klar, dass es bei dieser Sparsamkeit nicht um subjektive Befindlichkeit oder neue Bescheidenheit geht. Sanft und humorvoll positionieren sich die Künstler politisch. Während die Börse in Sekundenbruchteilen Milliardensummen verbrennt, lesen sie Wertloses auf. Sie verweigern sich dem Verkaufszwang, der aggressiven Hochstapelei. Sie bestimmen ihr Tempo selbst und wirken über die Galerieräume hinaus. Occupy the street – in einer auf Ökonomie fixierten Welt verleihen „Antic Measures“ den unbeachteten Dingen neuen Wert.


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