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Anna & Bernhard Blume im Hamburger Bahnhof, Berlin

Die fliegenden Teller der reinen Vernunft

Eric Aichinger
19. Mai 2008
Anna & Bernhard Blume - "Reine Vernunft", Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin. Vom 4. April bis zum 10. August 2008

Trautes Heim, Glück allein! Was als gesticktes Leitmotiv wohl noch so manche gute deutsche Stube ziert, wird in den inszenierten Fotografien von Anna & Bernhard Blume systematisch ausgehebelt. Das Glück kennt kein Pardon bei den Blumes. In ihren großformatigen, schwarzweißen Bildsequenzen schlägt das Heim zurück, das Wohn- wird zum "Wahnzimmer". Alles Interieur scheint von einem Dämon zu arglistigem Verhalten angetrieben zu sein: Vasen wirbeln in Ekstase, persianische Vorlegeteppiche fliegen durch den Raum, selbst Pellkartoffeln proben den Aufstand der Dinge. Da gilt es, das Chaos zu fliehen. So tauschen die Protagonisten der Bilder die großgeblümte Kittelschürze und das kleinkarierte Sportsacko gegen den Sonntagsstaat und traben zur Mutter Natur zurück, heim in den deutschen Tannenwald. Dort sitzen und hängen sie nun, die stets als Darsteller in ihren Werken auftretenden Künstler. Doch naturgemäß herrscht auch unter den Wipfeln keine Ruh': Hängt Herr Blume noch am letzten Ast, stürzt Frau Blume schon ins nachtschwarze Nichts.

Westdeutsche Spießerkritik à la Loriot? Der vom Züricher Haus Konstruktiv in den Hamburger Bahnhof zu Berlin gewanderte Querschnitt durch das Blumesche Werk macht deutlich, dass es dem "katholisch-züchtigen" Künstlerpaar um mehr zu tun ist, als nur Spießersketche auf Klamauk-Niveau durch den fotografischen Kakao zu ziehen. Nicht nur um die Anamnese des schwerdeutschen Gemüts im Land der Dichter und Denker und dessen gewitzte Karikatur geht es in diesen stets absurden, aber nie satirischen Bildern, sondern um die Überwindung der Idee von Kunst als Ideologie schlechthin. Soviel kapiert auch der Besucher in Berlin, obwohl er hier nur eine abgespeckte Version zu sehen bekommt - im Haus Konstruktiv wurden etwa auch die für die jüngste Fotosequenz "de-konstruktiv" verwendeten Objekte gezeigt. Zudem geben die Bildlegenden, wie im Hamburger Bahnhof üblich, nur mangelhaft Aufklärung über die für die Bildwirkung nicht unwichtige fotografische Printtechnik.

Die Blumes - beide Jahrgang 1937 und 1965 Absolventen der zunehmend von Joseph Beuys beherrschten Düsseldorfer Kunstakademie - begannen neben ihrem zeichnerischen Werk bereits Ende der 1960er Jahre, jeder für sich mit der Fotografie zu experimentieren, bevor sie sich ab 1980 zur künstlerischen Gemeinschaftsarbeit entschlossen. Seinerzeit erfuhr das Medium künstlerische Aufmerksamkeit vorwiegend als Mittel zum Zweck, zur Dokumentation der ansonsten vergänglichen Werke von Fluxus und Happening und der Body- und Performanceart - dem künstlerischen Ursprung ihres Schaffens. Anders aber als Beuys, der mit messianischem Sendungsbewusstsein seine Theorie der "Sozialen Plastik" und des "Gesamtkunstwerks" propagierte, ist den Blumes nicht an einer Stilisierung des Künstlers als Heilsbringer gelegen. Mag der große Schamane den bloßen Akt des Kartoffelschälens in den Stand der Kunst heben. Die Blumes lassen in Küchenkoller die urdeutsche Erdfrucht wie von Geisterhand bewegt durch die Küche rotieren, bis sie in Mahlzeit den beiden endgültig zur Maulsperre wird. Es mag Heil in der Kunst liegen - aber das ist nicht in der Mystifizierung ihrer Kraft zu finden, eher noch in ihrer Entzauberung.

Um eine andere Art der Heimsuchung geht es den Blumes in ihren allerneuesten Arbeiten "Abstrakte Kunst" und "de-konstruktiv", die zugleich eine konsequente Weiterführung der vorangegangenen Serie "Transzendentaler Konstruktivismus" wie auch eine Zäsur innerhalb ihres Werks bilden. Erstmals schöpfen die Künstler hier aus den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung. Wurde die animistische Beseelung des Objekts in den früheren, analogen Arbeiten noch durch Bewegungsverwischungen, Kameradrehungen bei Langzeitbelichtungen, Unschärfen und perspektivischen Verzerrungen erreicht, setzten die beiden nun Bildmanipulationen in der Gestaltung der Requisiten und der Mimik ihrer Figuren ein, mit denen sie teils sogar erheblichen Aufwand treiben. Zwar spielt auch in diesen neuen Fotosequenzen die Tücke des Objekts eine zentrale Rolle, doch kämpfen die beiden mittlerweile in die Jahre gekommenen Protagonisten im sportiven Rentnerdress hier nicht mehr mit ihrem Mobiliar, sondern mit dem archetypischen Inventar der formalistischen Moderne. Konstruktivistische Skulpturelemente, Balken aus Pressspan und Styropor, werden zu immer wüsteren geo- und stereometrischen Gebilden gestapelt, bis eben nicht mehr Klarheit und Abstraktion aus der Reduktion auf die elementare Form entsteht, sondern Entsetzen und Chaos.

Am Ende von "de-konstruktiv", wenn sich der Rauch über der Materialschlacht verzogen hat und die beiden Akteure wehrlos danieder liegen, wird deutlich, dass es in diesem Spiel oder Kampf keinen Sieger geben kann: Künstler und Künstlerin sind der fetischisierten reinen Form erlegen, von der sie selbst nichts gewinnen können. Die reine formale Lehre kann hingegen nicht siegen, weil sie über ihr pures Dogma formaler Allgewalt hinaus keinen künstlerischen Bedeutungszuwachs mehr erringt. In Berlin werden die monumentalen Großformate zudem noch in einer durch Stellwände geschaffenen, zellenartigen Raumsituation in der Haupthalle gezeigt. Zweifelsohne darf man das in diesem Zusammenhang als kritischen Kommentar auf die inhaltslos gewordene Institutionalisierung der vermeintlich auratischen Reinheit des White Cube verstehen - in dem das dankbare Publikum Schutz vor der benachbarten Dinosaurierkunst Anselm Kiefers findet.

Bereits in der Vergangenheit haben die Blumes parallel zu den Fotoarbeiten auch die dabei verwendeten Requisiten ausgestellt. Für die Berliner Ausstellung haben sie nun in Zusammenarbeit mit der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin eine Sonderedition der fliegenden Teller gestaltet, deren beschriftete Einzelstücke im Museumsshop käuflich zu erwerben sind (zwischen 1000,- und 2000,- Euro). Auf dem Grund eines Suppentellers etwa kann man "Sinn" suchen, den Teller "heilig" ziert ein goldener Rand, die Vorlegeplatte "Prinzip" ist besonders griffig durch zwei seitliche Handgriffe und die "Reine Vernunft" ist nicht etwa rund, sondern so eckig wie ein Quadrat von Kasimir Malewitsch. Auch hinter der Kommerzialisierung der eigenen Kunst verbirgt sich das Blumesche Credo: Vorsicht vor den reinen Lehren. Am besten taugen sie noch als Geschirr zuhause, wo es bekanntlich sowieso am schönsten ist.


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