26. Juli 2011
Andrea Winkler: „Famous Quotes by Famous People“ – Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen. Vom 18. Juni bis 28. August 2011
Andrea Winkler ist die Virtuosin der ambivalenten Beiläufigkeiten. Dabei macht sie es sich zur Aufgabe, White Cube und Bauernhaus in Einklang zu bringen. Dunkle Balken, Dachschrägen, Säulen und eine Treppe mitten im Raum: Die frühere Nutzung als landwirtschaftliches Gebäude ist den Ausstellungsräumen des Kunstvereins Springhornhof im niedersächsischen Neuenkirchen anzusehen. Die 1975 in Zürich geborene Künstlerin, die heute in Berlin und Hamburg lebt, zeigt hier ihre erste größere institutionelle Einzelausstellung.
Mit großer Leichtigkeit hat sich Winkler auf die relativ schwer zu bespielenden Hallen eingelassen. Ihre stets auf den Raum bezogenen und überwiegend vor Ort entstandenen skulpturalen Interventionen, gesprayten Markierungen auf Wänden, Böden und Decken und die sparsam gehängten, verletzlichen und ungerahmten Papierarbeiten bieten Fixpunkte für den Rundgang. Der Besucher wird mit Variationen und Durchdeklinierungen eines von Anfang an reduzierten formalen und materiellen Grundvokabulars konfrontiert.
Über die gesamte Ausstellungsfläche – drei Räume auf zwei Etagen – hat Winkler Skulpturen platziert, die in der Geometrie als Kegelstümpfe bezeichnet werden und an Podeste aus der Zirkusmanege erinnern. Doch der autoritäre Peitschenknall des Dompteurs bleibt im Springhornhof aus. Andrea Winkler transformiert die an sich minimalistisch und streng wirkenden Körper in fragile Trägersysteme für Erforschungen von Material und Form. Dabei geht es ihr keineswegs um eine Nachahmung industrieller, sprich: perfekter Fertigungstechniken. Minimal Art betreibt sie höchstens auf den ersten Blick. Was aus der Ferne so makellos erscheint, entpuppt sich nämlich bei näherem Hinsehen als Resultat improvisierender Collage- und Bricolagetechnik. Simple Alltagsmaterialien wie Styropor, Plakatkarton, Deko- und Spiegelfolien oder signalfarbene Synthetikstoffe werden zu prekären Übergangszuständen kombiniert.
Überhaupt ist es der Grundton des Ephemeren, der Andrea Winklers subtile Eingriffe und Transformationen charakterisiert. Die Mantelflächen der Podeste sind mit verfremdeten Fotografien bespannt – der Betrachter kann darauf beispielsweise einen altertümlichen, goldfarbenen Türklopfer in Form einer weiblichen Hand erkennen. Letztlich geht es Winkler aber weniger um konkrete Abbildhaftigkeit als um Momente atmosphärischer, bühnenhafter Aufladung. Narrative Ankerpunkte verweigert sie weitestgehend. Und so ist es am Ende nur konsequent, dass die Mantelflächen einer Zweiergruppe von Podesten mit durchmodulierten, sanft ineinander übergehenden, abstrakten Farbverläufen versehen sind. Ein wenig erinnert das an Wolfgang Tillmans. Bei ihm, Cerith Wyn Evans und Gisela Bullacher hat Andrea Winkler in London und Hamburg studiert.
Inzwischen hat die Schweizerin auch schon so etwas wie ein Markenzeichen: Indoor-Absperrsäulen, wie sie in Banken, Hotels oder Flughäfen als Personenleitsysteme verwendet werden. Winkler konterkariert die disziplinierende Funktion dieser häufig in postmodernem Pseudodesign daherkommenden Ordnungselemente. Sie sperrt mit scheinbarer Willkür die absurdesten Raumsegmente ab und stellt den Besucher spielerisch vor die Alternative, sich diesem Regelwerk unterzuordnen – oder auch nicht. Billige Kettenelemente aus dem Baumarkt und ein rotes Pappschild ohne Textbotschaft verstärken dabei den offenen, jegliche Autorität ironisierenden Charakter dieser ambivalenten Settings. Der durchschreitende Betrachter ist dazu aufgerufen, die Ausstellung als temporäres Ganzes zu aktivieren. Die einzelnen Elemente, einschließlich des offensichtlich völlig aus der Luft gegriffenen Titels, betrachtet Andrea Winkler als Accessoires. Was schließlich die Gesamtinstallation einklammert, sind abstrakte Sprühereien, die sich dynamisch durch den Raum winden – fast immaterielle Linien, Farbschlieren und nebelartige Pigmentüberlagerungen. Andrea Winkler konstruiert Möglichkeitsräume: So oder so zusammengefügt könnte sich aus ihren Gesten eine Geschichte ergeben. Den Betrachter in irgendeiner Weise zu reglementieren, liegt ihrer Kunst allerdings fern. Andrea Winkler hält die Dinge lieber in der Schwebe.