„AND - Interdisciplinary Creative Arts from China“ bei Aedes, Berlin

Chinese Realities

Birgit Hopfener
10. Oktober 2007
„AND - Interdisciplinary Creative Arts from China“, Aedes am Pfefferberg, Internationales Forum für zeitgenössische Architektur e.V., Berlin. Vom 17. September bis 8. November 2007

Im Programm der diesjährigen Asien-Pazifik-Wochen zählt die Ausstellung „AND- Interdisciplinary Creative Arts from China“ in der Galerie Aedes am Pfefferberg zu den Perlen unter den Veranstaltungen mit Chinafokus. Denn im Unterschied zu zahlreichen anderen Events, in denen häufig glänzende Oberflächen und unreflektierte Chinaeuphorie angeboten werden, ist es das Anliegen dieser Ausstellung, über die Präsentation einzelner „Kunstobjekte“ hinaus Einblicke in den spezifisch chinesischen Produktionskontext von Kunst und Kultur und den damit einhergehenden Diskurs zu geben.

Schon die Betonung der Konjunktion „AND“ im Ausstellungstitel signalisiert dabei die offene Struktur des zeitgenössischen Kultur- und Kunstschaffens in China, die sich aus einander wechselseitig beeinflussenden Elementen speist. Auch die Ausstellungsarchitektur und -grafik soll das verdeutlichen. Geprägt von den großen wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen zeichnet sich die Kulturproduktion in China – wie alle Bereiche des chinesischen Alltags – durch eine mitreißende Dynamik aus, die den Einzelnen schnell überfordern kann. Die künstlerische Topographie des Landes ist eine komplexe „kulturelle Landschaft“ (cultural landscape), die sich mangels etablierter institutioneller Strukturen und fehlender öffentlicher Förderung aus einem widersprüchlichen Netz von Gegensätzen heraus  organisiert. So entsteht eine dialektische Beziehung aus informellen und formellen Sphären, aus komplizierten privaten Netzwerken von Menschen mit ähnlichen Interessen im Austausch mit den repräsentativeren Strukturen des Staates und der Wirtschaft.

Mit dem international renommierten Architekten und Theoretiker Yung Ho Chang (Zhang Yonghe), der ursprünglich aus China stammt und heute zwischen seinem chinesischen Architekturbüro „Außergewöhnliche Architektur“ (Feichang Jianzhu) und der Architektur-Fakultät des Massachusetts Institute for Technology (MIT) pendelt, hatte sich die Galerie Aedes den Erfinder des kulturellen Landschaftsbegriffs als Kurator gesichert. Damit war klar, dass die Pluralität der chinesischen Netzwerkstrukturen im Mittelpunkt der Ausstellung stehen würde. Das (kulturelle) Leben in China verläuft aus dieser Sicht in wenig etablierten Bahnen und ist von großer Unsicherheit geprägt, die zugleich aber auch Improvisation und Kreativität befördert. Statt klar definierten Unterschieden zwischen „schwarz“ und „weiß“ dominieren in China Grauzonen, in denen sich kreative Räume des Lebens und der Kunst ergeben.

In China zu leben, heißt ständig in Verhandlung zu sein, sagte Yung Ho Chang im Rahmen der Podiumsdiskussion am Eröffnungstag der Ausstellung, an der auch die Publizistin Hung Huang, die in China mehrere Lifestyle Magazine herausgibt und der Designer, Theoretiker und Chefredakteur des Magazins „Urban China“, Jiang Jun, teilnahmen. Sie fügte sinngemäß hinzu: „Nichts ist so wie es scheint. Während uns die Erfahrung in unseren, den westlichen, Breitengraden gelehrt hat, dass wir vor verschlossenen Türen stehen bleiben und durch offene hindurchgehen, so sind in China scheinbar alle Türen verschlossen und ein jeder muss den Mut aufbringen und versuchen, sie zu öffnen.“ Kurz: Es liege „am Vermögen des Einzelnen, wie er Situationen für sich zu nutzen weiß, um Chancen auszuloten.“

Yung Ho Chang versteht seine Kuratorenrolle deshalb als die eines „cultural assemblers”. In der Ausstellung vereint er künstlerische Positionen seiner „kreativen Freunde“ aus den Bereichen Design, Architektur und Musik. In der von Liu Liu Zhizhi, einem Pekinger Grafikdesigner, konzipierten Ausstellungsarchitektur finden sich Partituren der Komponistin, Sängerin und Autorin Liu Sola, Kleidungsstücke des Shanghaier Modedesigners Wang Yiyang und seine eigenen konzeptionellen Architekturmodelle. Dieses kuratorische Patchwork soll unter den Bedingungen des entfesselten Kapitalismus, der die Menschen mit Oberflächen und Formfixierungen zufriedenstellt, Inhalte sichtbar machen. Laut Hung Huang dreht sich in China momentan alles um Labels und Marken und darum zu wissen, was man wissen sollte, um „up to date“ zu sein. Die Wissensinhalte hingegen kämen zu kurz.

Während Hung deshalb ihre Aufgabe darin sieht, in ihren Magazinen einer breiteren Bevölkerung nahezubringen, was sich zum Beispiel hinter dem Namen Rem Koolhaas verbirgt, warum Yung Ho Changs Architektur so außergewöhnlich ist und was Wang Yiyangs Design von Louis Vuitton unterscheitet, so ist es Jiang Juns Strategie, auch problematische Aspekte der städtischen Entwicklung in einer optimistischen Weise darzustellen. Damit möchte sie die Leser von „Urban China“ für das Phänomen des Designs und der urbanen Stadtentwicklung in China sensibilisieren. Liu Zhizhi erklärte, dass sein Grafikdesign ähnlich einem Kaleidoskop bewirke, dass sich Menschen für kurze Zeit bekannte Dinge aus einem anderen Blickwinkel anschauen. Wang Yiyang sprach von der Beziehung zwischen Mode und urbaner Umgebung, ihrer wechselseitigen Beeinflussung, und davon, dass sich das urbane Lebensgefühl nicht nur in der Architektur, sondern auch in den Formen und Schnitten unserer Kleidung widerspiegele.

Die Teilnehmer der Ausstellung und des Podiums waren also um die Vorführung sensibler Instrumente der Beobachtung und Analyse bemüht, um sich mit den chinesischen Realitäten auseinander zu setzen und um – auch aus Gründen der sozialen Verantwortung – auf der Rennbahn des chinesischen Wirtschaftswachstums Zonen zum Verschnaufen zu schaffen, die Erklärungen durch Nachdenken möglich machen können. Alle – und allen voran Yung Ho Chang – integrieren und reflektieren dabei Aspekte der chinesischen Tradition, sowohl theoretisch als auch praktisch und oftmals auf traditionelle Formen und Materialien rekurrierend.

Der chinesische Kontext ergibt sich dabei aus den manchmal unüberwindbar scheinenden Gegensätzen, den Einflüssen der Globalisierung und der rasanten Urbanisierung sowie der sozialen Transformation auf der einen und dem Interesse für das Lokale und die Tradition auf der anderen Seite. Als „‚Ehestifter’ für potentielle Hochzeiten von Gegensätzen“ sieht sich Chang daher. Auf ihre Weise ist die Ausstellung so zum Spiegelbild nicht nur der chinesischen kulturellen Produktion geworden, sondern auch einer tiefen Unsicherheit des Individuums im tiefgreifenden Umbruch. Die kulturellen Techniken, die in der Aedes-Galerie vorgeführt werden, wirken immer auch wie Hilfsmittel, mit der das Subjekt im Strudel der Reformen und der ökonomischen Entfesselung seinen Standort befestigen kann. Auch deshalb ist die Ausstellung einen Besuch wert.

Mehr im Dossier  Kunst in China

Weitere Artikel von Birgit Hopfener


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken