23. März 2005
Christine darf nicht mehr zur Schule: Da wird Falsches gelehrt, sagen ihre Eltern. Diese glauben, wie immer mehr Amerikaner an den alttestamentlichen Schöpfungsbericht. “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer.”
Es gibt kaum ein US-Massenphänomen, das für Europa so unverständlich ist, wie der christliche Fundamentalismus. Der geographische Raum der evangelicals und born again-Christen, wie sie sich selber nennen, ist der so genannte Bible Belt, der sich vom Südosten der Vereinigten Staaten vom Atlantik bis nach Texas und von Florida bis Kansas und Virginia im Norden erstreckt. Mit dem Bible Belt ist eine christlich konservative Einstellung verbunden, die durch die Politik der US-Regierung mittlerweile bekannt geworden ist. Da traditionell in den USA eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche herrscht und darüber hinaus keine Meldepflicht besteht, lässt sich die Zahl der Mitglieder der born again oder evangelical-Christen nur durch Umfragen ermitteln. Die vorsichtige Schätzung renommierter Meinungsforscher beträgt mehr als 50 Millionen fundamentalists in den USA. Der Evangelical Protestantism hat allerdings mit Martin Luthers reformatorischer Idee so gut wie nichts gemein. Ihre anglo-amerikanischen Anfänge liegen im 18. Jahrhundert. Zu den Begründern zählen der Engländer George Whitefield (1715-1770), er war der Gründer der Methodistenbewegung, John Wesley (1703-1791), sowie der US-Theologe und Philosoph Jonathan Edwards (1703-1758). Diese spezifische Art des Protestantismus war ab 1820 die dominierende und meist verbreitete christliche Glaubensrichtung in den Vereinigten Staaten. Aber erst mit Charles G. Finney (1792-1875) kam die Idee auf, die Nation (und die Welt) zu bekehren. Insofern liegen die unmittelbaren Wurzeln des derzeitigen christlichen Fundamentalismus US-amerikanischer Herkunft im 19. Jahrhundert.
Seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts impliziert der Begriff fundamentalist die Haltung im Besitz der wahren christlichen Botschaft zu sein, sowie einen aggressiv-intoleranten Umgang mit den so genannten liberalen, dekadenten Werten derer, die, möglicherweise selber überzeugte Christen, eine andere Auslegung von Bibelworten oder Glaubensfragen bevorzugen. Dies wird im politischen Kampf instrumentalisiert. So verloren in der letzten US-Präsidentenwahl die Demokraten gegen etwa ein halbes Dutzend hochbrisanter Generalthemen, die einfach nicht dulden darf, wer Gott und Jesus wörtlich folgt: Homoehe, Evolution, vorehelicher Geschlechtsverkehr, Stammzellenforschung, Abtreibung und Sterbehilfe.
Im Zentrum dieser synkretistischen Sekten stehen Phantasien von Weltende und –untergang, sowie von Paradies und Konzepten ewigen Lebens. Das Kennwort dieser im Zusammenhang mit Pentecostalism und dem Charismatic Movement stehenden Bewegung lautet speaking in tongues - in Zungen sprechen. Mitglieder nennen sich nicht selten Jesus people. Was zunächst exotisch erscheint, wird in der Praxis - systemimmanent gedacht - zu “Heiligem Krieg“. Denn die Gläubigen haben eine Art Schwur geleistet und sind es ihrem Gott und dem komplizierten, aber daran geknüpften Versprechen auf das ewige Leben schuldig, ihre und die Seelen anderer zu retten. Von außen betrachtet kann man da leicht schmunzeln, polemisieren, ... verzweifeln, aber von innen her bleibt diesen Menschen ebenso wenig eine andere Wahl wie islamistischen Selbstmordattentätern.
Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or of the people to peacefully assemble, and to petition the Government for a redress of grievance.
Zur selben Zeit wird die Verquickung von Religion und Politik in den USA kritisch bis ablehnend beäugt. Foren mit Internetauftritten und respektablen Publikationsorganen widmen sich so genannten First Amendment Topics. In bester demokratischer Manier werden auf diesen Diskussionsplattformen Positionen diskutiert und die religiös motivierten Teilnehmer beharrlich daran erinnert, ihre religiös-weltanschaulichen Ansichten den anderen Bürgern nicht zu oktroyieren. Wer aber den Bible Belt bereist, wird mit Bildern und mit Bildern von Bildern konfrontiert, die einem Mitteleuropäer fremd sind, denn plötzlich stehen Jesus und Gott ganz unverblümt mitten auf der Straße oder predigen vom nächsten Kotflügel. Neben der faktischen Allgegenwart sind es aber auch Form und Inhalt der Bilderbotschaften, die einen manchmal nicht mehr nur schmunzeln lassen. Da gibt es z.B. das Bild eines Fischs, der einen Fisch namens Darwins geschluckt hat. Der Fisch ist leicht zu dechiffrieren und sogar dem agnostisch-atheistischen Europäer bekannt als das spätantike Symbol der Christen der Frühphase, als der Christenkult noch verfolgt wurde. Aber Darwin? – Für christliche Fundamentalisten bedeutet er nur eine von mehreren unbewiesenen Theorien. Die letzte Wahl hat George W. Bush nicht gewonnen, weil die Amerikaner seine Außenpolitik so gut finden, sondern weil er für fundamentale Werte steht wie ‘“Intelligent Design“, das in zunehmendem Maße auf den naturwissenschaftlichen Curricula der höheren Schulen das Thema Darwin und Evolution zu ersetzen beginnt.
Insbesondere im Bible Belt mischt sich die Kirche sehr deutlich in das politisch-gesellschaftliche Tagesgeschäft ein. Neben den buchstäblich überall angebrachten Sprüchen, die sich munter unter die Reklametafeln der Friseure und der Supermärkte, der Baumschulen und der Fitness-Studios gesellen, sind speziell die kirchlichen Interventionen anlässlich der Wahlen 2004 ins Kreuzfeuer geraten. So veranschaulicht eine in der Washington Post geführte Debatte, auf welchen Wegen die Hirten ihre Schafe von der Kanzel herab erstens dazu motivierten, an der Wahl teilzunehmen und ihre Stimme abzugeben. Zweitens ließen die Pastoren keinerlei Zweifel daran, wem ein guter Christenmensch sein Votum zu geben habe. Alan Cooperman und Thomas B. Edsall zitieren in ihrer Reportage Charles W. Colson, Gründer der Prison Fellowship Ministries mit den Worten: “Die haben das überaus diskret angestellt. Nicht nach dem Motto: Tu dies, tu das. Setz dich mit den Wählern in Verbindung! Sondern: Das passiert gerade in der Präsidentschaftskampagne! Ich habe die Leute lediglich auf dem Laufenden gehalten.” Nachdem die Themen und die Unthemen abgesteckt waren und die Bibel direkte Antworten auf alle Fragen der Menschen offenbart, war es kein weiter Weg mehr. “Vote your value” hieß die Parole.
Mehr als siebentausend Radiostationen weltweit sind allein unter der Kontrolle der in Colorado beheimateten Organisation Focus on the Family von James C. Dobson. Er sagt: “Eine christliche Weltsicht beginnt mit der Annahme, dass Gott ist – dass er nicht bloß existiert, sondern derjenige ist, der richtig und falsch definiert, und dass es Dinge gibt, die moralisch und andere, die unmoralisch sind; es gibt Böses und es gibt Gutes.“ Noch Fragen?
Über die US-Präsidentenwahl des Jahres 2004 ist weltweit ausführlich berichtet worden. Fakt ist, dass ein hoher Prozentsatz der evangelikalen US-Amerikaner der derzeitigen Regierung ihr Votum gab. Wer die Denkmuster von born again oder evangelical-Christen nicht kennt, wird sich vorkommen wie in einem niemals endenden Micky Maus-Film. Nach Maßgabe der fundamentalistischen Definition aber gab Gott der Menschheit Frieden, und das bedeutet Demokratie und wiederum, dass der Einsatz der US-Soldaten im Irak nichts anderes ist, als die Verbreitung von Demokratie und ergo des Wort Gottes.
Wer zur Kenntnis nimmt, dass Millionen und Abermillionen von Menschen in den USA dieser Logik folgen, erkennt, dass die Ausstellung von Martha Laugs nicht nur Kuriosa präsentiert. Martha Laugs und der Autor dieser Zeilen reisen seit vielen Jahren regelmäßig durch die USA. Die Arbeiten, die dem Projekt America After Jesus zugrunde liegen, speisen sich aus ausführlichen Reisen im Bible Belt zwischen 1999 bis 2004 und da ist es manchmal schon recht außerirdisch! Fernab von Manhattan ist dies eine Reportage aus und zu einer gegenwärtigen christlichen Kultur.
Noch bis zum 5. Juni im Museum Morsbroich, Leverkusen.
Zur Ausstellung ist ein Katalog mit zwei Texten von Daniel Kletke erschienen.
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