Als Modemetropole braucht Berlin die Museen

Hol die Mode ins Museum

Ric Schachtebeck
15. November 2011

„FASHION TALKS“ – Museum für Kommunikation, Berlin. Vom 7. Oktober 2011 bis 26. Februar 2012

In allen Metropolen spricht man seit jeher über Mode, nur in Berlin ist das Thema noch relativ jung. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde in der Stadt alles Modische verpönt, als Schickimicki entwertet oder als subkulturelle Randerscheinung interpretiert. In den Neunzigern kam der Diskurs auch nicht viel weiter; fleckig gebleichte Jeans eroberten die Region und hart geföhnte Miniplis ließen sich nieder. Erst nach der Jahrtausendwende realisierten die Hauptstädter, dass ihre abwertende Haltung nur eine brüchige Kaschierung von Unzulänglichkeit war; denn im Vergleich zu den Einwohnern anderer Großstädte landen sie in der Kategorie Mode eher auf den letzten Rängen.

Dabei können die Berliner auf eine lange Modetradition zurückblicken: Schließlich glänzte die Stadt einst durch Innovation und Stil. Hier wurde die Kleiderkonfektion erfunden und in den 1920er-Jahren ein Modetrend kreiert, der als „Berliner Chic“ in die Geschichtsbücher einging. Der „Chic“ – eine damenhafte und vom Pariser Diktat abgeschwächte, tragbare Couture-Version – sorgte weltweit für Wirbel, wurde in den Dreißigern von den Nationalsozialisten systematisch zerstört und in den Fünfzigern noch einmal für kurze Zeit zum Leben erweckt. Doch dann hatten die Großstädter keine Lust mehr auf Mode. In den Sechzigern standen andere Auseinandersetzungen auf der Tagesordnung, und das Interesse am äußeren Erscheinungsbild reduzierte sich auf einem nachlässigen, prolligen Look. Inzwischen jedoch haben die Berliner ihre trotzige Haltung abgelegt und immerhin den Unterschied zwischen Gucci und H&M gelernt. Auf dem roten Teppich, bei Vernissagen und Premieren wird Labelsicherheit demonstriert – der modische Fauxpas, sonst eher die Regel in der Hauptstadt, ist längst zum Auslaufmodell geworden.

Doch kann man Berlin deshalb schon eine Modestadt nennen? Was die einen noch mit abwertenden Kopfschütteln erwidern oder mit einem stillschweigenden Lächeln, wie unlängst die Ex-Chefredakteurin der französischen „Vogue“ Carine Roitfeld, ist für die anderen längst positiv beantwortet. Einer der Indikatoren für Berlin auf dem Weg zur Modehauptstadt ist die Fashion Week, die zwar weltweit nur auf dem siebten Platz ihres Genres rangiert, doch sich letztendlich mit wachsenden Besucherzahlen behauptet. Und seitdem die trendige Modemesse Bread & Butter, nach ihrem kurzen Intermezzo in Barcelona, wieder nach Berlin zurückgekehrt ist, ist die lokale Euphorie grenzenlos.

Doch egal, ob übersteigerte Selbstwahrnehmung oder eindeutige Indizien: Wie reagieren eigentlich die Berliner Museen auf diesen Prozess? Haben sie überhaupt schon begriffen, was hier läuft? Was tun sie, um Berlin auf dem Weg zur Labelkapitale anzuschieben? Die Deutsche Kinemathek, das Stadtmuseum, die Lipperheidesche Kostümbibliothek und das Kunstgewerbemuseum besitzen beeindruckende Modesammlungen, aber man bekommt sie kaum zu Gesicht. Während die Schätze des Film- und des Stadtmuseums im Depot verschwunden sind, zeigt immerhin die Kostümbibliothek einmal im Jahr eine kleine, meist ausgezeichnet kuratierte Präsentation, wie unlängst „High Fashion: Modefotografie und -illustration“. Aber wieso nur einmal im Jahr? Und die eindrucksvolle Uli Richter-Retrospektive des Kunstgewerbemuseums, die für eine Zeit lang die Hoffnung schürte, dass es endlich losgeht und die Berliner Museen begriffen haben, welchen wichtigen kulturellen Stellenwert die Mode in ihrer Stadt einnimmt, liegt schon Jahre zurück. Metropolen wie Paris, London und New York haben längst unschätzbare Modesammlungen aufgebaut und zelebrieren ihre Vernissagen als internationales, gesellschaftliches Ereignis – und selbst die Stadt Antwerpen reagierte auf das aufkeimende Modeinteresse seiner Bewohner sofort mit der Einrichtung eines eigenen, mittlerweile international renommierten Museums. Nur in Berlin, so scheint es, will man sich der Verantwortung nicht stellen und kocht lieber auf kleiner Flamme.

Dass sich nun das Museum für Kommunikation zu Wort meldet und Modebewusstsein signalisiert, darf deshalb als großer Schritt gewertet werden. Unter dem Titel „FASHION TALKS“ präsentiert das sonst eher in seinen Schwerpunkten technisch orientierte Haus eine kleine, gewissenhaft und artig kuratierte Schau. Die Ausstellungsmacher wollen aufzeigen, wie Mode als System funktioniert, wie modische Codierungen zu lesen sind und wie aus individuellen Ideen Stilrichtungen werden. Sie wollen Verflechtungen deutlich machen und Mode als einen kulturellen Prozess aufzeigen, der im Zusammenspiel von Designer, Hersteller, Medien und Konsumenten bestimmt wird. Die Ausstellung ist in verschiedene Themenbereiche – wie Uniformierung, Vermarktung und Jugendkultur – gegliedert und erklärt anhand von Denim-, Camouflage- und Tartanstoffen, wie Dresscodes und ihre Symbolwerte sich im Lauf der Geschichte verändern.

An den Anfang ihrer Schau platzieren die beiden Kuratorinnen Vera Franke und Bitten Stetter eine Königlich Preußische Postuniform. Das macht Sinn; denn letztlich war es die große Uniformensammlung des Hauses, die den Anstoß zu der Ausstellung gab. Und so kommt man in den Genuss weiterer Beispiele, darunter Mantel aus Mode-Etiketten von Silke Wawro, eine Torero-Jacke von Jean-Paul Gaultier und die Fotoarbeiten von Sabine Bassewitz, die Trachtengruppen, Diakonissinnen, HSV-Fans und Messdiener abbilden. Eine Gruppe von Kleiderpuppen steht in der Mitte des Raumes. Es sind dilettantisch, überfrachtet dekorierte Gestalten, die mit fantasievollem Indianerschmuck und schwindelerregenden Plateausohlen, schäbigen Theaterkostümen und Christian Lacroix- und Vivienne Westwood-Couture für Verwunderung sorgen; weshalb die Figuren in einen überdimensionierten, goldenen Vogelkäfig verbannt wurden, ist ebenso wenig ersichtlich.

Die Marketingstrategien und Verführungskünste der Modekonzerne hingegen, die Verflechtungen von Mode, Politik und Kultur werden an anderer Stelle, meist durch Video-Clips, sehr anschaulich demonstriert. Auch die wechselvolle Geschichte des Tartan, jenem karierten, schottischen Stoff, der einst Stammeszugehörigkeit signalisierte, von den Engländern verboten wurde und in den Untergrund abwanderte, um sich dann doch als „Royal Stewart“ am Britischen Hof zu etablieren, wird äußerst lehrreich erklärt. Ärgerlich ist nur das viele Kistenholz, mit dem die Ausstellungsarchitekten Franke und Steinert die Räume verbaut haben; denn das Material, das Anfang der Achtziger noch eine innenarchitektonische Offenbarung war und in der Nachwendezeit von dem Chef-Bühnenbildner der Volksbühne Bert Neumann wiederentdeckt und inflationiert wurde, ist nun wirklich Schnee von gestern. Ansonsten richtet sich die Ausstellung vornehmlich an ein junges Schüler-Publikum und wird mit Vorträgen, Workshops und Bastelstunden vervollständigt. Umso fassungsloser ist man, dass gerade die Präsentation der Jugendkultur mit ihren unterschiedlichen Szenen und Codierungen so altbacken daher kommt. Hier, wo in einem fiktiven „Amt für jugendkulturelle Szenen“ mit alten Wandkarten die „Stammbäume“ des Punk, Hip Hop und Techno erklärt werden, und wo szenetypische Accessoires in historischen, verstaubten Archivschränken schlummern, hat das Ausstellungskonzept einen absoluten Tiefpunkt erreicht und seine Zielgruppe verfehlt.

Zugegeben, die Themenauswahl war zu groß, die Räumlichkeiten nicht ideal und das Budget offensichtlich sehr gering – man sieht es auch an den mickrigen Bildschirmen, auf denen man sich die spektakulären Modeschauen und Performances von Alexander McQueen, Hussein Chalayan oder Steven Klein einfach nicht anschauen möchte – doch die Präsentation von Modethemen, insbesondere in Berlin, demonstriert immerhin eines: die Notwendigkeit musealer Modepräsenz. Will Berlin, das sich so gern als Mekka der Kreativen beschreibt, die ihm weltweit entgegen gebrachte Aufmerksamkeit nicht verspielen, sondern als Chance nutzen, sollte es seine Modekultur professionalisieren – und schleunigst nach geeigneten Präsentationsräumen Ausschau halten, die Sammlungsdepots aufstocken sowie Themen- und Designerausstellungen vorbereiten; dann – aber auch nur dann – könnte aus Deutschlands Hauptstadt doch noch eine richtige Modemetropole werden.


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