Allora & Calzadilla in der Temporären Kunsthalle Berlin

Die Zwischendecke als Zukunftsmodell

Gerrit Gohlke
11. Juli 2009
Allora & Calzadilla – Temporäre Kunsthalle Berlin. 11. Juli bis 6. September 2009.

Plötzlich ist da Berlin. Aus städtischem Schlamm ragen Stahlbetonruinen. Gruben öffnen sich um zerklüftete Fundamentreste herum, an denen die Funkenregen der Diamantschneider und Schweißbrenner wie mystische Elmenfeuer leuchten. Im Grau der mehrfach zerpflügten Erdmasse setzen Baufahrzeuge zurück oder lehnen sich Abrissbagger auf. Schweres Gerät stemmt sich gegen turmhohe Fassadenreste und bricht in Kleinarbeit Stücke aus dem Beton. Berlin geht hier unter und steht wieder auf. Der Palast der Republik wird so spurlos zermahlen, wie Jahrzehnte zuvor das Stadtschloss zu Pulver gesprengt wurde. Emsiger als andere Städte versucht Berlin, mit jeder Epoche auch seine Architektur zu entsorgen. Wo nichts mehr ist, hofft man, dass das Neue von selber kommt, und so haben Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla der Temporären Kunsthalle Berlin den Spiegel vorgehalten. Ihr 2009 fertiggestelltes Video von den Rückbauarbeiten, die sich nur wenige Meter neben dem Ausstellungsgebäude ereigneten, bringt eine bisher verdrängte Bewusstseinsschicht der Institution ans Licht. In einem Videokabinett, abseits des Hauptausstellungsraums, wird von jenem Urgrund erzählt, auf dem die optimistischen Phantasien von einer neuen Werkstatt für kuratorische Ideen, einer Pilgerstätte zukunftsweisender Kreativität einst gewachsen sind. Nach drei beziehungslosen Ausstellungen, in denen die formale Signatur des einzelnen künstlerischen Werks im Vordergrund stand, haben Allora & Calzadilla die Kunsthalle als geschichtlichen Ort gesehen. Ein Anreicherungsprozess fand hier statt. Er verankert die Institution nicht in der Mitte Berlins, aber er bettet sie in einen Zusammenhang ein und löst damit Lernprozesse aus. Eine Mitarbeiterin der Kunsthalle spricht davon, es könne an einem solchen Platz nicht primär um kuratorische Modelle, sondern müsse immer auch um eine Bezugsetzung zum eigenen Standort gehen.

Das klingt anders als das einstige Versprechen, am Schlossplatz neue Ausstellungsmodelle zu entwickeln und so Forschungsarbeit für die ständige Kunsthalle zu leisten. Es hat der Temporären Kunsthalle aber den ersten eigenständigen Beitrag zum Berliner Kunstgeschehen beschert, auch wenn Alloras & Calzadillas Projekt in zwei für das Publikum schwer zu verbindende Teile zerfällt. Denn das Video, in dem das Baustellenpersonal nur als gelegentliche Komparserie ins Bild rückt, ist gar nicht das Hauptwerk dieser Ausstellung, sondern lediglich die Ergänzung eines viel monumentaleren Werks. Das Künstlerduo hat in der Halle einen Zwischenboden eingezogen, der die Architektur horizontal in einen niedrigeren und einen höheren Raum unterteilt, das Publikum aber in das flache Untergeschoss drängt. Unter einer Deckenhöhe wie im Parkgeschoss einer Tiefgarage gibt es unter dem Titel Compass nichts als die Sperrholzplatten zu sehen, mit denen das dazugewonnene Stockwerk verblendet ist. An den Seiten dringt Licht aus dem Obergeschoss, aus dem sonst nur Töne schallen. Die Töne aber spielen auf so fesselnde Weise mit der Fantasie des Publikums, dass man von einer Konzertperformance sprechen könnte. Die Besucher flanieren unter einem Resonanzboden umher, auf dem Tänzer mit schnellen Schritten einen Rhythmus erzeugen wie ein Trommelstakkato von unbekannter Hand. Dirk Luckow, zurückgetretener künstlerischer Beirat und Kurator des Projekts, sieht die Bewegungsspuren dieser an- und abschwellenden Läufe wie eine Zeichnung in das Vorstellungsvermögen der Hörer projiziert. Er sieht die Passanten wie unter einen mächtigen Sockel gestellt, während ein „Traum von Rhythmus und einer besseren Welt“ sie ergreift. Wer weniger romantisch ist, erlebt vor allem die Erwartungshaltung einer musikalischen Uraufführung, in der jede Sekunde Aufmerksamkeit auf die nächste Tonfolge gerichtet wird. Hier herrscht Gegenwart, die ungeduldig Zukunft hören will. Das Getrappel der Tänzer, das sich nur ein paar Sekunden vorausahnen lässt, wird zur prägenden Bewegung, die den Projektionsort Schlossplatz meint. Ist es da Ironie, dass das Berlin-Video als Protagonisten einen Deutschen Schäferhund zeigt, der als nationales Symboltier mit ähnlich zufällig hastigen Schrittfolgen zwischen dem historischen Schutt über die Baustelle streunt?

Von „kartografischen Aspekten“ spricht der Kurator, der vor lauter Enthusiasmus die beiden Künstler nicht zu Wort kommen lässt, und meint damit einerseits die Spuren des Tieres und andererseits die zurückgelegte Strecke der Tänzer, von der nur ein kurzes Echolotklangbild nach unten dringt. Hängen die Bewegungen des Tiers und der Rhythmus der spontanen Perkussion aber tatsächlich zusammen? Zeigt sich an der trichterförmigen Halskrause, die der Hund trägt und auf der das Markenzeichen einer Schnellimbisskette prangt, nicht vor allem die Strapazierbarkeit der Handlungen und Bilder, ihre Anfälligkeit für symbolische Aufladungen, die sich eher lähmend über die Zusammenhänge stülpen? Plündern Allora & Calzadilla, wenn sie auf Nachfrage Referenzen von Joseph Beuys (Koyote) bis Andy Warhol (Warenemblematik) herunterdeklinieren, nicht die popkulturelle Klamottenkiste und weichen so unnötig die proklamierte Ortsspezifik auf? Und was wäre mit dem Video geschehen, wäre es filmischer, zusammenhängender, argumentativer geschnitten? Übertreibt es die improvisierte, mal hilflos am Beton entlang leitende, mal dokumentarisch ausharrende Kamera mit der Aura des Schauplatzes? Ist der bekrauste Hund auf seinen immer neuen Schleifen durch das Gelände mehr als eine zufällige Spielfigur, an der wie ein exaltiertes Dekor das Markenzeichen des Hühnerbraters klebt, der vor Kurzem noch mit Tierschutzskandalen in Zusammenhang gebracht worden ist?

Eine Variante der Zusammenhangsschwäche ist der Zusammenhangswahn, der hier Beziehungen stiftet, die über die Schwäche eines Filmbeitrags hinwegtäuschen, der sich in seiner Struktur völlig der vorgefundenen Baustelle überlässt. Misst man das Video an dieser Passivität, hat es mit dem Ausschwärmen der Tänzer nicht viel zu tun. Dann wäre der Widerklang, den die Performance auf der nicht einmal drei Meter hohen Decke auslöst, eher das innere Echo einer nur zeitweiligen, unverankerten Institution. Eine „Baustelle“ nennt Luckow Compass und markiert damit einen späten Bewusstseinsgewinn, in dem die Temporäre Kunsthalle selbst zum Objekt und Thema wird. Das ist keine Antwort auf die drängenden Fragen der Berliner Kunsthallendiskussion, aber ein zarter Fingerzeig, der daran erinnert, dass Berlin seine Orte neu definieren muss.

Eigentlich ist das ein schönes Symbol, ein White Cube, eine Ausstellungshalle, der man bei ihren inneren Bewegungs- und Denkgeräuschen zuhören kann. Daran hat es bisher gefehlt, auch wenn der unruhige Stifter Dieter Rosenkranz, der zuletzt mit Populismusforderungen Aufsehen erregte, von Allora & Calzadilla nicht begeistert gewesen sein soll. Ein leerer Raum? „Wie sollen wir das verkaufen?“, kolportiert Luckow die Reaktion des Mäzens, gegen dessen Einflussnahme er im Protest mit seinen Kollegen aus dem künstlerischen Beirat zurückgetreten war. Luckow wünschte auf Nachfrage dem Stifter einen Kurator zur Seite, der ihm näherstünde und vor Ort verfügbar sei. „Zu viele Köche verderben den Brei“, meinte der sichtlich desillusionierte Kurator, während der neue Geschäftsführer der Halle, Benjamin Anders, nichts anderes zu erzählen hatte, als dass man später viel erzählen wolle. Im Moment arbeite man „auf Hochtouren“ an neuen Konzepten, und spätestens da entwickelte das neue Zwischengeschoss eine eigene, milde, ganz nach innen gewendete Ironie. Weit weg von der Geschichte des Schlossplatzes ringen drinnen die Baumeister um die Zukunft einer Halle, die ein Labor auf Zeit sein wollte. Währenddessen stieben die Tänzer auseinander und zusammen, rennen und bremsen, drängen gemeinsam nach vorn und lösen sich voneinander, als ordneten sich die Verhältnisse magnetisch mal hier und mal so, mit unbeständiger Leichtigkeit. Jede Institution in Berlin sollte erst einmal eine solche Zwischendecke einziehen und abwarten, was geschieht. In jede passt so eine Intervention hinein. Zunächst aber rätselt Berlin weiter, wohin die Kunsthalle treibt.


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