3. Juni 2008
Alec Soth - "Dog Days Bogotá" in der Galerie Wohnmaschine, Berlin. Vom 16. Mai bis 28. Juni 2008. Und "Paris/Minnesota" bei C/O Berlin. Vom 16. Mai bis 13. Juli 2008Tiefe Flüsse ziehen langsam. Ihre Anrainer scheint mitunter ein ungewöhnliches Maß an kontemplativem Gleichmut auszuzeichnen. Der 1969 in Minneapolis am Mississippi geborene Fotograf Alec Soth jedenfalls ist mit zwei Langzeitstudien ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, die ihn auf einen Schlag berühmt gemacht haben: Für Sleeping by the Mississippi unternahm der mit einer 8 x 10 Plattenkamera arbeitende Soth zwischen 1999 und 2004 mehrere Autoreisen entlang des "Old Man River", wie der größte und längste Strom in den USA  respektvoll genannt wird, und schuf ein wahrhaft elegisches Zeugnis von Land und Leuten. In Niagara (2005) - die mächtigen Wasserfälle sind das beliebteste Ziel nordamerikanischer Hochzeitsreisender - gelang ihm der Balanceakt, die Region gleichermaßen als Ort aufgeladener Romantik wie als Unort nicht eingelöster Illusionen darzustellen.
Schon die Publikation und Ausstellung der ersten Arbeit führten 2004 zu Soths  Nominierung als Mitglied der renommierten Fotografenvereinigung Magnum, die Auftritte bei der Whitney Biennale und der Biennale in São Paulo zum Durchbruch auf dem internationalen Kunstmarkt. In der Tat war die frische, lyrische Kraft seiner sozialdokumentarischen Farbaufnahmen ebenso klar und deutlich zu erkennen wie die eigenständige Weiterführung der Tradition amerikanischer Sozialreportagen solcher Fixsterne wie Walker Evans,Robert Frank und Stephen Shore. Eine Schlüsselrolle spielen bei Soth Momente, in denen sich Menschen der Unerfüllbarkeit eines Traums oder dem Aufkeimen einer Hoffnung bewusst zu werden scheinen. Deshalb wirken seine Szenen oft wie Halbschlafbilder, in denen gerade noch etwas greifbar ist, was sich im nächsten Moment auflösen wird.
Zwei Berliner Einzelausstellungen zeigen derzeit neue Arbeiten des Fotografen und es ist alles andere als ausgemacht, wohin ihn sein Werkfluss recht eigentlich zieht. Die Galerie Wohnmaschine hat mit "Dog Days Bogotá" bereits zum dritten Mal eine Soloschau von Alec Soth im Programm. Die erst im letzten Jahr veröffentlichten Aufnahmen sind 2002 entstanden, als sich Soth und seine Ehefrau aufgrund von Verzögerungen beim Adoptionsverfahren ihrer Tochter zwei Monate in der kolumbianischen Hauptstadt aufhielten. Die ungeplante, mit einer Mittelformatkamera aufgenommene Serie vereint Porträts, Stillleben, Landschaften sowie Straßenszenen zu einem losen Album aus spontanen Eindrücken, das der Tochter und ihrer Geburtsstadt gewidmet ist. Bekanntlich rangiert Bogotá auf der Liste der lebenswertesten Städte nicht ganz vorne - Soth aber war es darum zu tun, "die Schönheiten dieses harten Ortes" sichtbar zu machen.
So zeigen die gut 20 Bilder der Berliner Schau neben Straßenkötern und armseligen Behausungen etwa auch einen üppig blühenden Busch hinter der leeren Fensterlaibung eines Abbruchhauses oder ein grau gekleidetes Mädchen, das, selbstvergessen seine Puppe im Arm haltend, vor einer im Nebel versinkenden, weiten Talebene posiert. Die von Soth anvisierte Schönheit ist nie plakativ, sondern immer nur in Nuancen herausgestellt. Zudem versteht er es, seine Studie vor dem Vorwurf des romantischen Sozialkitsches zu bewahren, indem er sie durch formal strengen Bildaufbau oder eine an seinen Lehrer Joel Sternfeld erinnernde fahle Farbigkeit eher ambivalent lässt. Insgesamt fehlt dem Zyklus aber doch die lyrische Dichte, so dass die Arbeit kaum über ein visuelles Poesiealbum hinauskommt.
"Paris/Minnesota" bei C/O Berlin nun versammelt 2007 entstandene "Fashion Photographs". Die Serie wurde vom französischen "Fashion Magazine" in Kooperation mit der Magnum-Agentur ins Leben gerufen; zuletzt haben Martin Parr und Bruce Gilden ihre Version von Modefotografie abgegeben. Soths Variante entstand folgendermaßen: Dem Vernehmen nach musste er schnell auf den Auftrag reagieren, jettete nach Paris, stellte sein - im Vergleich zu den digital arbeitenden Kollegen - Monstrum von Kamera bei einer Dior-Modeschau auf, machte ein paar Aufnahmen und wurde aufgrund fehlender Genehmigung bald wieder hinauskomplimentiert. Er blieb noch ein paar Tage vor Ort - doch der Eindruck, dort völlig fehl am Platz zu sein, verstärkte sich nur. Zurück in Minneapolis begutachtete er die Abzüge und registrierte einen Mangel an "konzeptueller Tiefe". Sein Gegenmittel: Die Haute Couture wird vor die Haustür geholt und die Kluft zwischen den beiden Realitätsebenen enthüllt, indem sie miteinander verquickt werden.
So sind in der vom Pariser Jeu de Paume nach Berlin gewanderten Schau drei Arten von Motiven zu sehen: Bilder aus Paris, in denen er etwa Sonia Rykiel im mondänen Pelz oder den weltverloren wirkenden Karl Lagerfeld auf einer monumentalen, cremeweißen Bühne unter einem mächtigen Chanel-Emblem porträtiert. Und Bilder aus Minnesota. Porträts einerseits, in denen Laiendarsteller, die Prêt-à -porter-Mode tragen, auf öden Parkplätzen oder im schäbigen Trailer inszeniert werden. Andererseits großformatige Suchbilder, in denen kostbare Accessoires wie eine Brosche, ein Handtäschchen oder ein Riemenschühchen erst auf den zweiten Blick in der Kulisse eines wild verschlungenen Waldes oder einer gewaltigen Felsformation zu entdecken sind.Â
Ist damit nun die gewünschte konzeptuelle Tiefe erreicht? Die Fotografiegeschichte kennt einige Beispiele, bei denen angewandte und künstlerische Fotografie eine Allianz in Personalunion eingegangen ist, teilweise mit höchst spannenden Bildresultaten. Und Soths Bilder sind nicht nur handwerklich brillant gemacht, in ihrer farblichen und formalen Differenziertheit reichen die Naturaufnahmen an diejenigen von Eliot Porter heran. Nur muss man sicher kein Purist sein, um in dem Konzept hinter Soths Mode-Serie wenig mehr als eine sympathische Idee zu sehen. Allemal verglichen mit seinen Langzeitstudien fehlt es ihr an Vielschichtigkeit und sozialer Brisanz. Womöglich sollte es Soth dem Mississippi gleichtun: Der zieht sich, nachdem er über seine Ufer getreten ist, auch regelmäßig wieder zurück.
Abhängig vom Format kosten die auf 8 Exemplare limitierten C-Prints bei der Galerie Wohnmaschine 4.500 bzw. 5.500 Euro.