5. Februar 2009
„Intrude: Art & Life 366“, Projekt des Shanghai Zendai Museum of Modern Art im Stadtraum Schanghais. Vom 01. Januar bis 31. Dezember 2008 / „Dynamics of Change and Growth“ – Dokumentationsausstellung mit 50 Teilnehmern des Projekts, Shanghai Zendai Museum of Modern Art Shanghai und Thumb Plaza. Vom 18. Januar bis 18. April 2009
Es klingt wie eines dieser irrwitzigen Vorhaben, die an ihren schieren Dimensionen scheitern.
Intrude: Art and Life 366 war ein Projekt mit dem ambitionierten Ziel, an jedem Tag des Jahres 2008 Gegenwartskunst im öffentlichen Raum zu zeigen. Und zwar in Schanghai, der ebenso lebendigen wie ökonomiedominierten chinesischen Metropole. Es grenzt an ein Wunder, dass die Initiative des dortigen
Zendai Museum of Modern Art weitgehend realisiert werden konnte, nachdem die letztjährige
Shanghai Biennale zuvor an der Politik gescheitert war, als sie den öffentlichen Teil des Peoples’ Park bespielen wollte.
In einer internationalen Ausschreibung hatten die Veranstalter – namentlich der Direktor und Chefkurator des Zendai MoMA, Shen Qibin, der Projektmanager Tong Juanjuan, eine Schar akademischer Berater sowie die externe Exekutivkuratorin Biljana Ciric vom Ke Center Shanghai mit ihrem Projektteam – Künstler aus aller Welt aufgefordert, Konzepte einzureichen. Der Realisierung wurde nach Prüfung durch eine Jury stattgegeben. Tatsächlich wurden am Ende des vergangenen Jahres nahezu 340 Projekte von chinesischen wie ausländischen Künstlern mit nur 15 Helfern verwirklicht. Und dies angesichts einer recht ungeschickten Haushaltspolitik seitens der Veranstalter, die für die ersten künstlerischen Projekten noch umgerechnet 30.000 Euro pro Monat zur Verfügung stellten, dann aber die finanzielle Notbremse ziehen mussten. Zum Ende des Jahres war die pekuniäre Ausstattung eher dürftig, was zu Lasten vieler Projekte ging. Dafür sicherte sich das Museum von den eingangs großzügiger bedachten Künstlern Werke für seine Sammlung.
Man muss gewiss die Absicht loben, das Kunstmuseum – in China ohnehin eine junge Institution – über seine sicheren Mauern hinaus zu erproben, Kunst als etwas zu begreifen, das auch im Stadtraum funktioniert. Zumal es eine Aktion, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen, in solchen Dimensionen, und organisiert von einem Museum, bisher in China nicht gegeben hat. Allerdings ist fraglich, ob man sich dem Begriff „Öffentlichkeit“ in China überhaupt mit westlichen Vorstellungen nähern kann. Wo sich hierzulande jede durchdachte künstlerische Aktion im öffentlichen Raum mit den politisch-soziologischen Implikationen und Thesen zum Begriff „Öffentlichkeit“ zumindest auseinandersetzen müsste, steht dem in China zum einen die Staatsmacht, zum anderen ein wesentlich selbstverständlicher Umgang mit dem Stadtraum entgegen. Wo der Berliner die Straße nutzt, um von einem Ort zum anderen zu kommen, finden in Schanghai Sport und Musik auf offener Straße statt. Man dürfte also annehmen, dass einige der künstlerischen Umtriebe gar nicht sonderlich zur Kenntnis genommen wurden.
Und so war es in der Tat, wenn auch noch aus ganz anderen Gründen. Denn in China ist der öffentliche Raum in erster Linie politisch beansprucht und die Reaktionen des Regimes in keiner Weise vorhersehbar. Jede Aktion dort aber muss beantragt und entsprechend genehmigt werden, bei den unterschiedlichsten Behörden. Für ein Vorhaben mit den Dimensionen von „Intrude“ hätte dies im Grunde Jahre der Vorbereitung bedeutet, was jegliche Aktualität und Spontaneität im Keim erstickt hätte. So kam es, dass viele Einzelprojekte improvisiert werden, unangekündigt, spät nachts oder in großer Eile stattfinden mussten, wenn die nötige Erlaubnis fehlte. Schanghais Bewohner hatten in solchen Fällen keine Möglichkeit, die Aktionen überhaupt nur zu bemerken, geschweige, sie zu verfolgen.
Doch es gab auch gelungene Aktionen unter den überwiegend konzeptionellen Performances und medialen Werken, unter den Internetbeiträgen und Druckerzeugnissen. Andreas Templin etwa projizierte im Rahmen seiner im Übrigen ungenehmigten Arbeit as if to nothing an verschiedenen Orten der Stadt Zahlenreihen, die auf offiziellen statistischen Datensätzen zur Bevölkerungsentwicklung beruhen, jedoch bei ihm zu einer „subjektiv-geopolitischen Inszenierung“ geraten. Die im Vorfeld über einen Newsletter angekündigte Arbeit stieß denn auch auf das von den Veranstaltern erhoffte öffentliche Interesse. Der chinesische Künstler Gao Mingyan probierte in einem Nobelrestaurant aus, ob er dort die Zeche prellen könnte – und es gelang ihm durch eine geschickte Verkleidungsaktion. Der Belgier Mathieu Staelens gab drei mit einem bestimmten Betrag gefüllte Bankkarten an drei Arbeitslose, die das Geld innerhalb einer Woche verbrauchen sollten. Der Künstler sammelte im Anschluss die Quittungen und markierte die Wege des Konsums auf einer Karte. Maider Lopez aus Spanien installierte flächige rote Signets, die, von einem bestimmten Punkt aus betrachtet, sämtliche Werbeschilder der sich dahinter befindenden Gebäude verdeckten. Und Susanne Winterling aus Berlin ließ im sehr belebten Zhong Shan Park im Abstand von jeweils 15 Minuten Trommeln schlagen, was bei manchen Zuhörern durchaus Assoziationen an militärische Marschordnungen und politische Machtdemonstrationen auslöste. Es gab durchaus auch Interventionen, die länger im Stadtbild präsent waren. So organisierte das chinesische Künstlerduo Utopia Group (Deng Dafei und He Hai) im Monat April eine Ausstellung aus Arbeiten, die anhand mündlicher Beschreibungen die Werke von Kunststudenten nachbildeten. Gezeigt wurde die Schau in den Wohnheimen der Studenten, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Überhaupt bot die Künstlerliste eine gelungene Kombination aus wenigen sehr bekannten mit vielen weit weniger bekannten Künstlern und auch Newcomern unterschiedlicher Nationen, und so kam es durchaus zu intensiven Begegnungen und Gesprächen, wenigstens unter den Teilnehmern.
Letztlich beschleicht einen der Eindruck, dass dieses ehrgeizige Großprojekt des Zendai MoMA viel PR in eigener Sache war, zumal der Dokumentation sämtlicher Aktionen mittels Fotografie oder Video großes Gewicht beigemessen wurde. So wurden zunächst einzelne Aktionen in einer monatlich herausgegebenen Zeitschrift in chinesischer und in englischer Sprache vorgestellt und durch Interviews ergänzt, aktuell sind diese Dokumentationen und vereinzelt auch die Arbeiten selbst im Zendai Museum zu sehen. Im Anschluss sollen sie, in immer neuen Zusammenstellungen, durch internationale Institutionen wandern. Vom ursprünglichen Ansatz, den Bewohnern der Stadt in ihrem Umfeld Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst zu ermöglichen, ist hier allerdings nichts mehr zu spüren. Immerhin – das Museum hat ein gewaltiges Projekt gestemmt, und vielleicht haben nachfolgende Initiativen es künftig ein wenig leichter. Doch auch das Zendai MoMA möchte dieses Projekt nicht als Einzelaktion verstanden wissen und sieht sich auf dem Weg zum mobilen Museum.
www.intrude366.com