10. Februar 2012
Seit Tony Cragg Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie ist, hat er an seinem Haus eine imposante Riege von Stars des Betriebs installiert. Mit Tomma Abts, Peter Doig, Katharina Fritsch, Eberhard Havekost, Lucy McKenzie, Tal R, Katharina Grosse, Marcel Odenbach, Rosemarie Trockel und Christopher Williams drängt sich so viel internationale Prominenz am Haus wie nie zuvor. Doch angesichts des diesjährigen Rundgangs fragt man sich, ob mancher Student vom Ruhm der Professoren nicht geblendet ist.
Es ist auffällig: Viele Studenten bewegen sich in gefährlicher Nähe zu ihrem Mentor. Bei Lucy McKenzie werden Kleider genäht und die Wände im Trompe l'Oeil-Stil bemalt, bei Rosemarie Trockel wird gehäkelt und gestrickt, bei Tomma Abts abstrakte Leinwände mit frappierender Ähnlichkeit zum Original konzipiert. In der Klasse von Katharina Grosse umschlingen farbbenetzte Tücher ein Waschbecken, während pastellene Farbschleier auf Wände und Boden ausbluten. Ähnliches passiert auch in der Klasse von Eberhard Havekost: Wer kein Geld hat, sich einen „echten Havekost“ zu leisten, munkelte es böse am Eröffnungstag, könne sich ja problemlos preiswert in der Klasse eindecken. Tatsächlich herrscht hier Fotorealismus in allen Varianten – immer schön nah am berühmten Vorbild in glatter Technik und cooler Motivik. Eine naheliegende Strategie: Der enorme kommerzielle Erfolg der Professoren bringt die Studenten offenbar zu dem Credo „irgendwas machen die ja richtig.“ In dieser Ausprägung zeigt sich darin allerdings ein problematisches Phänomen: An der Düsseldorfer Akademie stehen die Künstlerstars im Vordergrund, während das Unterrichten eher einen Nebenaspekt zu bilden scheint, der vor allem die Vita schmückt.
Natürlich kann man einwenden, dass dies nichts Neues sei. Der Weltstar Nam June Paik kam zu seiner Zeit etwa zweimal pro Jahr nach Düsseldorf – immerhin, so hieß es gelegentlich, versprühte er dabei mehr Esprit als andere während des ganzen Semesters. Doch die Regel waren Professoren wie Konrad Klapheck, Bernd Becher, Dieter Krieg, Gerhard Richter, die der Stadt und ihren Studenten eng verbunden waren – und wöchentlich, wenn nicht öfter, Präsenz zeigten. Die Bildhauerin Irmin Kamp gab ihre eigene Arbeit ganz auf, um sich der Akademie zu widmen: Mehr als dreißig Jahre leitete sie ihre Bildhauerklasse, sieben davon zusätzlich als Rektorin, bevor Markus Lüpertz das Ruder übernahm. Auch einer wie Fritz Schwegler wäre heute eine Seltenheit an jeder Kunsthochschule, nicht nur in Düsseldorf. Fest verankert im täglichen Akademieleben war er stets für Studenten ansprechbar, reichte Ratschläge ebenso wie Obstbrände und prägte über viele Jahre eine einflussreiche Klasse, aus der Thomas Demand, Katharina Fritsch oder Thomas Schütte hervorgingen. Er selbst blieb als Künstler eher im Hintergrund.
Christoph Knecht, Absolvent der Doig-Klasse, der unter dem Dach seine Abschlusspräsentation eingerichtet hat, bringt es auf den Punkt: „Im Nachhinein denke ich schon, dass es wichtig ist, einen Professor zu haben, an dem man sich auch reiben kann,“ resümiert er, „doch dafür ist eine ständige Präsenz nötig.“ Für den jungen Maler war Peter Doig damals jedoch die einzige Wahl: „Als ich an der Akademie anfing, wurde Immendorff ab und zu im Rollstuhl hereingeschoben, woraufhin alle ehrfürchtig erstarrten. Und die Klasse Oehlen machte einen auf Ledergang. Dazwischen gab es nicht so viel.“ In diesem Umfeld sei Doigs nachhaltiges Interesse für den einzelnen Studenten positiv aufgefallen, sagt Knecht.
Er ist einer von wenigen, die von Beginn an in der sehr heterogenen Doig-Klasse durch eine markante Handschrift auffielen. Für seine Abschlusspräsentation hat er ein ebenso versponnenes wie virtuoses Kabinett eingerichtet, das an die Stube eines Universalgelehrten aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Seltsame Schierlingsbecher aus Bronze stehen auf Enten- und Schweinefüßen, an den Wänden prangen Kacheln mit dem Bild einer Fußsohle, daneben florale Motive und romantisierende Landschaften.
Darum herum verbleiben jedoch viele Arbeiten in einem unbefriedigenden Klein-Klein, an dessen Stelle man sich ein waghalsiges Experiment gewünscht hätte. In mancher Bildhauerklasse sind handliche Versuche wie auf einer Kunstmesse für den kleinen Geldbeutel aufgereiht: Skulpturale Dilettantismen, die bestenfalls wie Materialstudien wirken. In der Malerei dominieren dagegen konventionelle Gesten, die dazu noch erstaunlich wenig durchdacht wirken. Natürlich zeigt ein Student, der eben den Orientierungsbereich verlassen hat, ein anderes Niveau als ein Absolvent; doch dafür, dass der Rundgang jeweils das Beste eines Jahres präsentieren sollte, bleibt in Düsseldorf Vieles blass. Stattdessen werben häufig aufwendig, perfekt gemachte Mappen oder gedruckte Kataloge um Sammler und Galeristen; viele Künstler haben bereits eine schicke Website, noch bevor das eigene Werk überhaupt Gestalt angenommen hat: ein Missverhältnis.
In der Klasse von Andreas Gursky dagegen, in der noch im letzten Jahr alle Arbeiten einen ähnlichen Gestus und sogar fast denselben Farbton zu haben schienen, spürt man Bewegung: Hier werden Skulptur, Malerei, Keramik und Video gezeigt. Das Medium Fotografie bildet zwar noch den Bodensatz, auf dem die Studenten Eigenes erproben, doch entwickeln sich die Versuche weg von jenem berühmten, reduzierten Bildbegriff, den ihr Lehrer Gursky geprägt hat.
Positiv überrascht auch die Klasse von Georg Herold: keine Dachlatte weit und breit. Stattdessen faszinieren die absurden Schuhmodelle von Katharina Beilstein oder die kalt strahlende Inszenierung einer hybriden Wohn- und Warenwelt von Andreas Schmitten, die in glänzendem Klavierlack und mit perfekter Eleganz besticht – eine der stärksten Präsentation des diesjährigen Rundgangs.
Fazit: Die geänderte Windrichtung an der altehrwürdigen Akademie ist spürbar. Es braucht Zeit, bis neu berufene Professoren ihre Klassen prägen können; und es bleibt zu hoffen, dass das Epigonentum nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben wird.
Rundgang – Kunstakademie Düsseldorf. Bis Sonntag, täglich 9-20 Uhr, Samstag und Sonntag zwischen 10- 20 Uhr.