Ai Weiwei gerät ins Visier der chinesischen Behörden

Drakonische Harmonie

Birgit Hopfener
3. Juni 2009
Ai Weiwei war beides: Aushängeschild der innerchinesischen Gesellschaftskritik und – zumindest bis zu seinem Rückzug kurz vor Beginn der Spiele – für manche im Westen auch Buhmann wegen seiner „Zusammenarbeit“ mit dem Regime beim Bau der wichtigsten Olympiastätte. Aufgrund seiner internationalen Bekanntheit, die er nicht zuletzt mit dem spektakulären „Vogelnest“ erlangt hatte, sowie seines prominenten Familienhintergrunds konnte sich Ai Weiwei allerdings Freiheiten herausnehmen, die für die meisten seiner Landsleute schon längst Konsequenzen gehabt hätten. Jetzt aber hat es auch den berühmten Architekten-Künstler erwischt: Die chinesische Regierung versucht, Ai Weiweis Aktivitäten zu unterbinden.

Am 26. Mai erhielt Ai Weiwei im Haus seiner Mutter Besuch von zwei Vertretern der nationalen Sicherheitspolizei in Zivil, die ihn scheinbar unverfänglich baten, auf einen „Plausch“ mitzukommen. Nach Auskunft des chinesischen Anwalts Liu Xiaoyan ist dies gängige Praxis im Umgang mit Menschenrechtsaktivisten. Sie stellt oft den ersten Schritt dar, um unliebsame Kritiker loszuwerden, deren Freiheit bis hin zu gesellschaftlicher Ausgrenzung beschnitten wird. Konkret bedeutet das „Landverschickung“, wie sie unter Mao Zedong die Regel war.

Im Unterschied zu vielen anderen machte Ai Weiwei am vergangenen Dienstag jedoch von dem im chinesischen Gesetz festgeschriebenen Recht Gebrauch, sich der Aufforderung zu einem „Plausch“ zu widersetzen. Mehr noch: Nachdem sich die beiden Männer weder ausweisen noch klar formulieren wollten, was ihr tatsächliches Anliegen war, meldete er den Vorfall der Polizei. Vermutlich wusste die Behörde um das eigentliche Geschehen, spielte nach Aussagen von Ai Weiwei den Vorfall aber zunächst herunter. Vermutlich, so wurde mitgeteilt, hätten die beiden Polizisten lediglich ihre Dienstmarken vergessen. Nachdem auf Drängen von Ai Weiwei schließlich dennoch ein Protokoll angefertigt wurde, sah er sich ernsthaft bedroht, denn ein übervorsichtiger Polizist hatte die Tür der Wache verriegelt. Ai Weiwei übte lautstark Protest, worauf man ihn schließlich nach Hause gehen ließ. Allerdings hat sich die Situation seither nicht beruhigt. Immer wieder standen in den vergangenen Tagen Männer der Sicherheitspolizei vor seiner Haustür. Zudem haben sich Beamte offensichtlich zur Überwachung in geparkten Autos postiert.

Ai Weiweis Blogs, die in China und international als wichtige Plattformen für freie Meinungsäußerung gelten, sind von der Zensur geschlossen worden. Ai Weiwei hat umgehend einen neuen Blog ins Leben gerufen, und außerhalb Chinas ist sein „bulloger“ Blog weiterhin zugänglich. Für Updates zu seiner Situation und die Verbreitung von Fotos zur Verifizierung, dass es sich bei dem Autor tatsächlich um ihn handelt, nutzt er außerdem unter dem Namen „Fanfou“ das Nachrichtenmedium Twitter. Allerdings scheinen seit heute die Seiten von Twitter, Flickr und Hotmail in China nicht mehr erreichbar zu sein. Zumindest werden entsprechende Ausfälle aus Peking und Schanghai gemeldet.

Grund für das restriktive Durchgreifen der chinesischen Regierung ist wahrscheinlich deren gesteigerte Nervosität – schließlich naht der 20. Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen Platz am 4. Juni 1989. In der Lesart der offiziellen Propaganda handelt es sich bei solchen Vorfällen um Maßnahmen zur Erhaltung einer „harmonischen Gesellschaft“. Nach Aussagen eines artnet-Informanten in Peking ist das Thema zu sensibel, um öffentlich diskutiert zu werden. So bleibt abzuwarten, ob es am Jahrestag dennoch Aktionen geben wird.

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