Aernout Mik in der Galerie carlier | gebauer, Berlin

Zeichen des Übergangs

Eric Aichinger
3. November 2010

Aernout Mik: „ Communitas” - carlier | gebauer, Berlin. Vom 30. Oktober bis 4. Dezember 2010

Von Politikverdrossenheit keine Spur. Im Gegenteil, die Demokratie ist lebendig wie nie. Sie ist ein strahlendes Haus der Freude und des Glücks. Ein steter Quell friedlicher Kundgebungen, ernsthafter Debatten und gütlicher Abstimmungen. Während in den Hinterzimmern noch die Köpfe rauchen im Ringen um den nächsten fairen Kompromiss, halten in dem einen Sitzungsraum schon erste Fahnenschwinger fröhlich Einzug, im anderem wird ausgelassen gesungen, und im großen Plenarsaal kommt es zum spontanen Reigentanz in endlos verbundenen Ringelreihen. Die Volksherrschaft, ein postrevolutionärer Ringelpiez mit Anfassen?

In Aernout Miks 3-Screen-Videoinstallation Communitas, die gerade in der Berliner Galerie carlier | gebauer gezeigt wird, sieht es zumindest szenenweise danach aus, als wäre die Utopie der Basisdemokratie verwirklicht. Es ist nicht vollends ausgemacht, in welchem Grad der wechselseitigen Abhängigkeit die Akteure in Miks Installation – Berufspolitiker und hemdsärmelige Typen, kaukasische Staatsbürger und asiatische Migranten – zueinander stehen oder inwieweit sich ihre Handlungen aufeinander beziehen.

Ein reines Idyll pluralistischer Partizipation wird einem dort vorgeführt. Man traut seinen Augen nicht. Zu Recht. Irgendwann in den 100 elegisch-stummen Minuten des Films wird man seines Untertons gewahr. Des Unbehagens mit dieser vermeintlich herzerweichenden Streitkultur – das sich visuell konkretisiert in den stetig wiederkehrenden, bizarren Bildern von Delinquenten, die gewaltsam vor ein Tribunal geführt werden oder von wie tot-verzaubert über die Sitzreihen verstreuten Bürgern. Frisst die Revolution in „Dantons Tod“ von Georg Büchner wie Saturn ihre eigenen Kinder, so fallen wir in Miks Sozialem Drama über die Demokratie immer wieder in eine Art Wachkoma.

Der reale Schauplatz des szenischen Filmgeschehens ist der Kultur- und Wissenschaftspalast in Warschau. Das mit 231 Metern höchste Gebäude Polens, zwischen 1952 und 1955 im Stile des Sozialistischen Klassizismus erbaut, ist ein Geschenk der ehemaligen Sowjetunion an Polen und wurde schon früh im Volksmund mit den Spitznamen „Stalintorte“, „Stalinstachel“ oder „Stalins Rache“ bedacht. Das von Anfang an umstrittene, heute - anders als etwa der Berliner Palast der Republik - nicht abgerissene, sondern unter Denkmalschutz stehende Gebäude beherbergt zahlreiche Kinos, Theater, Museen, Säle, Sitzungsräume, Sendeanlagen für Radio und TV, sowie eine extravagant weitläufige Kongresshalle mit Bühne, Balkonen und rot-samtener Bestuhlung. Im Film dient diese Halle als zentrale Kulisse für das Forum Internum einer Gesellschaft, die als ein sich darum herum organisierendes, in sich geschlossenes Gebäude präsentiert wird.

Bei genauerer Betrachtung jedoch herrscht Konfusion in dem scheinbar hermetisch abgeschlossenen Gebilde. Eigentlich fügt sich gar nichts zusammen im postmodernen Memory-Spiel aus zeiträumlichen Erzählteilen, deren Deckkarten ein Mosaik bilden, das sich aus den im kollektiven Gedächtnis verankerten Medienbildern der Samtenen, Singenden, farbigen, friedlichen Revolution der letzten zwei Jahrzehnte heraufbeschwört. Formal verstärkt wird die Unsicherheit des Betrachters gegenüber einer scheinbar lesbaren Ordnung in der auf drei großflächigen Screens präsentierten Installation, indem Mik meisterhaft alle Register zieht, um die sich zu einem erzählenden Film zusammenfügenden Raum- und Zeitebenen gegen-, in- und zueinander fließen zu lassen.

Wie unsicher sind die Zeiten, in denen wir leben? Wie wichtig sind uns Symbole oder Rituale, um gesellschaftliche Stabilität herzustellen? Wie viele Häuptlinge braucht es - und wie viele Indianer? „Communitas“ heißt der anspielungsreiche Titel der Arbeit und verweist damit auf einen nicht unumstrittenen Begriff der Kulturanthropologie, der erstmals von Arnold van Gennep definiert und dann von Victor Turner aufgegriffen wurde. Der Begriff bezeichnet eine Gemeinschaft, die sich in einem Zwischenstadium befindet. Eine Gemeinschaft, die gerade deswegen ein starkes Gefühl der Gemeinschaftlichkeit entwickelt, weil sie sich loslöst von einer zuvor herrschenden Sozialordnung und auf der Suche ist nach einer neuen Identität. Lösung und Neufindung sind geprägt von einem ambivalenten Gefühl von Gemeinschaftlichkeit. Zusammenhalt indes - nicht zuletzt etwa durch eine Bewegung wie Solidarnosc, die entscheidend an den politischen Wenden 1989 mitwirkte – wird in Zeiten des Übergangs durch Zeichen aller Arten, alte und neue Riten und Rituale befördert. Solche beispielsweise, die noch Strukturen des zu Überkommenden aufweisen und dennoch schon ein Angebot des Neuen in sich tragen.

Durch die Wiederholung von Handlungsabläufen wird das Neue zur Norm. Communitas liefert eine Diagnose dieser Übergangsriten, indem er ihre durch die Medien vermittelten Bilder ineinander verschränkt. Der symbolische Tod, welcher das Volk als Körperschaft bei Mik in Form eines selbstverschuldeten Dornröschenschlafs ereilt, kann dabei auch als Zeichen der Neuerung verstanden werden.

Miks episch angelegter Film, seine genaue Behandlung des Details sowie die erstaunliche Verbindung von Setting und verschachtelten Erzählebenen verleihen der Installation den Ruhepuls eines zwingenden Realismus, der die Glaubwürdigkeit des bizarren Geschehens erhöht und die innere Spannung des Films kunstvoll steigert. Die gute Nachricht: Trotz aller Unbill sind Ordnung und Glück im unübersichtlich geschäftigen Maschinenraum der Demokratie denkbar. Die weniger gute lautet: Sie sind nur Zeichen des Übergangs zu einem ungewissen Anfang.


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