15. Oktober 2009
„Access All Areas – a drawing exhibition“ – Galerie Max Hetzler, Berlin. Vom 25. September bis 7. November 2009„Kuratierte Gruppenausstellungen“ betritt man, seien wir ehrlich, zunächst durch den Titel und den Pressetext. Man möchte der Kunst ja eigentlich gerne eine Chance lassen, ihr ein Eigenleben zugestehen, das Potenzial zu ihrem berühmten Mehrwert – aber das einmal angebotene Interpretationsmuster insistiert unweigerlich im Kopf, ob man nun will oder nicht. Man gleicht ab, was man sieht, mit dem, was man gelesen hat. Man misst die Ausstellung an ihrem Anspruch und sucht nach dessen Einlösung. Vor diesem Hintergrund entpuppt sich die Wahl von Thema und Titel der aktuellen Gruppenausstellung in der Galerie Max Hetzler als smarter Schachzug. Um Zeichnung soll es gehen. Man nennt die Schau aber: „Access All Areas“ und erweitert so den angekündigten Genre-Fokus bereits im Titel. Zeichnung als unscharfer Ausgangs- und weniger als Endpunkt, als diffuser Subtext, dem alle Bereiche offenstehen.
Wer nun den Text verlässt und tatsächlich die riesigen Räume der Galerie betritt, der käme beim Blick auf die ausgestellten Werke nicht auf die Idee, hinter der hier gezeigten Menge von Arbeiten das Genre der Zeichnung als konzeptuellen Kitt zu vermuten. Konzipiert wurde die Schau mit insgesamt 30 Künstlern von Tanja Wagner und Arturo Herrera. Und natürlich bieten sie auch, was man erwartet: die klassische Zeichnung. Etwa im Falle der düsteren, seltsam verschachtelten Natur-Szenarien, die Jens Hanke mit Kohle aufs Papier wirft, oder bei Chloe Piene, die in wenigen krakeligen Strichen wie aus dem Nichts einen menschlichen Fuß entstehen lässt. Hier geht es vorrangig um Stift und Papier, um Linie, nicht um Farbe. Um Konformität mit den technischen Grundlagen des Genres eben. Und im Falle von Piene ist zusätzlich am Werk, was der Zeichnung seit Jahrhunderten anhängt: nämlich der Ruf, ein schnelles, ein entwurfsartig-hingeworfenes Medium zu sein. So wird ihr zwar eine Direktheit und Unmittelbarkeit im Ausdruck zugeschrieben, eine Nähe zur Idee, die ihresgleichen sucht – es haftet ihr aber auch der Anstrich der „Vorstudien-Kunst“ an, die noch der wahren, der echten Verwirklichung harrt. Pienes Zeichnungen aber genügen sich selbst.
Ganz anders etwa bei den kleinen, abstrakt bleibenden Pastell-Zeichnungen des ohnehin als Maler bekannten Michel Majerus. Was hier zu sehen ist, wirkt tatsächlich wie eine Art „Skizze“ im Versuchsstadium. Gerade dann, wenn Majerus das Prinzip der Linie verlässt, um seine Pastellkreiden als flächige Farbgeber einzusetzen. Vollends die Grenze zur Malerei überschreitet dagegen Friederike Feldmann, die auf einer Breite von fünf Metern die Wand der Hetzler‘schen Galerie mit gestischen Strichen inklusive tropfender Farbnasen verziert. Auch andere Arbeiten, etwa Katharina Grosses Haufen aus Eierbriketts, der anschließend mit buntem Sprühlack eingefärbt wurde, entfernen sich denkbar weit von Stift und Papier. Nur über die etwas bemühte Assoziation von Kohlebriketts mit Zeichenkohle lässt sich hier noch ein Bezug zum Thema der Ausstellung herstellen – eher geht es hier wohl um eine gewisse Ortsspezifik, in der alten Fabriketage im ehemaligen Berliner Arbeiterstadtteil Wedding. Was dann aber Knut Ecksteins unter der Decke hängende Kartonassemblagen oder Alicja Kwades postminimales-postkonzeptuelles Duo der wie-vielten-Generation-auch-immer aus Glasplatte und zerbrochener Stahlplatte mit dem Prinzip Zeichnung zu tun haben? Spätestens ab da wird es rätselhaft.
Und weiter geht der bunte Reigen: Die Grenzen werden munter erweitert, gesprengt oder überschritten, Zeichnung wird nicht nur zu einer Art Quasi-Malerei, sondern auch zu Collage, wie bei Jens Nordmann oder Jenny Rosemeyer, sie findet sich wieder als Seidenmalerei auf den Kissen von Šejla Kamerić oder als Aufstellfigur in den fast Comic-artigen und auf Holz aufgezogenen Gouachen von Dorothy Iannone. Selbst eine Art Kirchenfenster von Berthold Reiß hat es in die großzügige Fabriketage geschafft. Zeichnung findet dann erst wieder – erneut im Einklang mit der postulierten „Unmittelbarkeit“ des Mediums – als Ausflug ins Unbewusste statt: in Michael Müllers Hypnose-Versuchen oder in Antonio Gonzales Paucars Video, das den Künstler als Schlafenden auf einem Stuhl zeigt, während ein Stück Kohle wie von Geisterhand die weißen Wände ringsum zu bekritzeln scheint.
Alles in allem ist dies eine wild auseinanderstrebende Show, eine großangelegte Konzept-Zentrifuge. Natürlich werden hier Papier und Stift thematisiert, genretechnische Grenzen ausgelotet oder landläufige Vorurteile und Zuschreibungen an das Medium hinterfragt – mindestens genauso viele Arbeiten jedoch scheinen sich um all das gar nicht zu kümmern. Und so steht man trotz einer Fülle interessanter Werke am Ende inmitten dieser turbulenten Schau an Arbeiten und wundert sich. Hier soll, und damit betreten wir wieder den Pressetext, wie aus dem Lehrbuch demonstriert werden, dass Genregrenzen für eine Kunst, die sich längst alles einverleiben kann, irrelevant geworden sind. Aber warum werden diese Grenzüberschreitungen immer noch und immer wieder mit anderen Genres begründet? Wenn Zeichnung auch Collage oder Performance sein kann, was sind dann eigentlich Collage oder Performance? Regelrecht willkürlich erscheint die zelebrierte Grenzüberschreitung aber eben im Falle von Künstlern, deren Werk wahrlich mit anderen Dingen befasst ist als mit der Befragung von Medien und ihren Möglichkeiten. Da ist man geneigt, den Kuratoren Bequemlichkeit oder aber einen Hang zum Name-Dropping zu unterstellen.
Doch wer im Kleingedruckten des Pressetextes liest, der wird schnell feststellen, dass Wagner und Herrera diese Ausstellung nicht „kuratiert“, sondern „organisiert“ haben. Kleiner, aber gewichtiger Unterschied. Aus dieser Perspektive wirkt das Prinzip Zeichnung einfach wie der kleinste gemeinsame Nenner und weniger wie ein großes kuratorisches Konzept, wirkt die Ausstellung in ihrer chaotischen Kleinteiligkeit und Gegenwärtigkeit wie ein zu groß geratener und freudig vor sich hin wuchernder Projektraum. So mag man inhaltliche Stringenz und konzeptuelle Schärfe zu Recht vermissen, in ihrer Offenheit aber ist diese Schau deutlich spannender als manche akademisch daherkommende Pseudo-Museums-Schau.
Mit D-L Alvarez, Dan Attoe, Katarina Burin, Dieter Detzner, Paula Doepfner, Knut Eckstein, Ayse Erkmen, Friederike Feldmann, Jean-Pascal Flavien, Katharina Grosse, Jens Hanke, Joe Hardesty, Dorothy Iannone, Šejla Kameric, Alicja Kwade, Jonas Lipps, Michel Majerus, Michael Müller, Jens Nippert, Jens Nordmann, Chloe Piene, Antonio Gonzales Paucar, Berthold Reiß, Bernd Ribbeck, Jenny Rosemeyer, Josh Smith, Thaddeus Strode, Benedikt Terwiel, Alexander Wagner, Claudia Wieser.