Aby Warburg-Studie von Georges Didi-Huberman

Unser Dibbuk

Michael Mayer
21. März 2011

Er ist ohne Zweifel eine der rätselhaftesten Gestalten nicht nur seines Fachs, der Kunstgeschichte, sondern auch geisteswissenschaftlicher Gelehrsamkeit. Schon zu Lebzeiten von schillernder Prominenz, gilt er längst als einer der wichtigsten Wegbereiter des vielzitierten „iconic turn“, der die kultur-, bild- und medienwissenschaftliche Forschung unserer Tage umtreibt. Dabei verzichtete der 1866 in Hamburg geborene, dort 1929 verstorbene, einer wohlhabenden jüdischen Familie entstammende Aby Warburg früh schon auf eine universitäre Karriere. Nicht nur sein Werk – ein verblüffend schmales Konvolut von dichten Monografien und Aufsätzen, halbfertigen Manuskripten, Skizzen, Briefen, verstreuten Notizen und Andeutungen mitsamt seines unter dem Titel Mnemosyne berühmt geworden Bilderatlasses – auch die Person selbst, ihr Schicksal und nicht zuletzt die legendäre „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ trugen zur Fama bei, die das Phänomen Aby Warburg bis heute umgibt.

Dass dieses Phänomen aber eher ein „Phantom“ sei, eher ein „Symptom“ denn ein Symbol, ja auf diese griffige Formel ließe sich die Kernthese des Kunsthistorikers und Philosophen Georges Didi-Huberman herunterbrechen, dessen Studie zu Werk, Genese und Bedeutung Aby Warburgs bahnbrechend sein dürfte. In Frankreich bereits 2002 erschienen, liegt „Das Nachleben der Bilder“ endlich in deutscher Übersetzung vor und flankiert die ebenfalls im Suhrkamp Verlag gerade publizierte, von Perdita Ladwig, Sigrid Weigel und Martin Treml sorgfältig edierte und klug kommentierte Auswahl Warburgs wichtigster Schriften. Dabei verrät Didi-Hubermans Arbeit rasch ihre Pointe: „Kunstgeschichte und Phantomzeit nach Aby Warburg“. Phantome aber, was auch immer sonst man darunter verstehen mag, sind bekanntlich nur schwer zu greifen und zu begreifen. Sie verwirren und bringen die landläufigen Vorstellungen von Wirklichkeit, von Raum und Zeit aus dem Lot. „Nach“ Aby Warburg, so liest sich Didi-Hubermans Untertitel, ist die Zeit selbst (nicht nur) der Kunstgeschichte strukturell eine andere.

Mit Warburg hat das „Nachdenken über Kunst und Geschichte“ eine „entscheidende Wendung“ erlebt, versucht Didi-Huberman in einer zweifachen Wendung zu belegen. Zum einen ficht er mit Warburg gegen die Vorstellung einer linearen Kunstgeschichtsschreibung – verbunden zumal mit den Namen Giorgio Vasari und Johann Joachim Winckelmann, zum anderen kämpft er zugleich gegen das retouchierte Bild Warburgs und seiner „Ikonologie“ an, das sein Mitarbeiter Erwin Panofsky früh schon entwarf und Ernst Gombrich 1970 in große Form brachte. Warburgs entscheidende Entdeckung, dass die Zeit des Bildes „nicht die Zeit einer allgemeinen Geschichte“ sei, wird dank dieser doppelten Frontstellung so erst erkennbar. Was er das „Nachleben der Bilder“ nennt, begründet also keinen Traditionszusammenhang, noch setzt es ihn voraus. Das „Nachleben der Bilder“ realisiert sich überhaupt nur durch dessen Destruktion, die die „irrsinnige Überdeterminiertheit der Bilder“ und ihre radikal heterogenen Zeitlichkeit freisetzt.

„Das ist Warburg für uns heute: ein Nachlebender von dringender Notwendigkeit für die Kunstgeschichte. Unser Dibbuk. Das Gespenst unseres Fachgebiets.“ Wer in Timbre und sprachlichem Gestus Didi-Hubermans allenfalls eine antiquierte Theoriesprache wittert, hat deren Pointe einmal mehr verpasst. Seine in drei Hauptkapitel gegliederte Arbeit – Phantombild, Pathosbild, Symptombild - verdankt sich einer genau kalkulierten interpretatorischen Bewegung, bei der die Bestimmungen des Denkens Aby Warburgs auf dieses selbst angewendet und so erst zum Sprechen gebracht werden. Das „Nachleben“ von Warburg ist das Nachleben von „Warburg“. Sprich: Die gespensterhafte Nachwirkung von Bildern in Bildern, eben ihr Nachleben, verdoppelt sich im Nachleben Aby Warburgs selbst, den keine Kunstgeschichte und -wissenschaft wird je fassen und einordnen können, da er deren Grenzen und Disziplinierungen stets von Neuem infrage zu stellen zwingt. Das überzeugend gezeigt zu haben, ist der kaum zu überschätzende Verdienst Georges Didi-Hubermans.

Georges Didi-Huberman: „Das Nachleben der Bilder. Kunstgeschichte und Phantomzeit nach Aby Warburg“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 647 Seiten, Deutsch, ISBN 3-518-58553-3, EUR 44,90


Weitere Artikel von Michael Mayer


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken