2. Dezember 2010
Absalon - KW Institute for Contemporary Art, Berlin. Vom 28. November 2010 bis 20. Februar 2011
Weiße Zellen, nicht größer als acht Quadratmeter. Ein Bett, ein Tisch, ein Regal. Dazwischen versteckte Stauräume für Privates. Eine Nasszelle und vielleicht noch eine Leiter nach oben, von wo aus der Blick nach draußen geht. Ansonsten herrscht Neonlicht. Und trotzdem: Das hier ist kein Alptraum, kein Gefängnis, kein Spital. Aber es ist auch keine Realität – selbst wenn das der Künstler eigentlich so geplant hatte. Was Absalon (1964-1993), der mit nur 28 Jahren starb, gerne noch vor seinem Tod vollendet hätte, war die Platzierung seiner sechs Cellules in Frankfurt am Main, New York, Tel Aviv, Paris, Zürich und Tokyo. Jede Zelle hatte er individuell für eine Metropole konzipiert, um dann dort in ihr leben zu können. Dass es dazu nicht mehr kam, macht sein Werk, das in seiner Komplexität und Dichte nun erstmals in den KW Institute for Contemporary Art in Berlin zu sehen ist, noch rätselhafter und fragiler.
Nun sind die Zellen, die einmal als „heterotopische Räume“ und somit als real existierende Utopien inmitten und zugleich isoliert von der Gesellschaft stehen sollten, also doch nur in einer Kunsthalle gelandet. Die Raumkapseln erheben sie sich in der zentralen Halle der KW und wirken so seltsam harmonisch und filigran, dass der Ausdruck „Zelle“ plötzlich jede Bedrohlichkeit verliert und wieder etwas Organisches bekommt. Wer sie betritt, wird ruhig, fühlt sich geborgen, wohlig eingehüllt vom gipsernen Weiß und den dämpfenden Baumaterialien Holz, Karton und Stoff. Sämtliche Materialien scheinen die geometrischen Grundformen wie in Watte zu betten. Obwohl Absalon formal in der Bauhaus-Sprache parliert, vermitteln seine Konstruktionen das Gegenteil der Wohnmaschinen aus Stahl und Beton, mit der Le Corbusier und Mies van der Rohe den Menschen zum Elementarteilchen machten. Absalons Cellules sind Räume, in denen man wieder zu sich selber finden kann. Der Künstler wollte die Existenz auf das Einfachste zurückbringen und auch an sich selber testen, wie weit eine solche Reduktion reichen kann. Dass das Experiment schließlich nicht mehr stattfand, macht die Zellen nicht nur zu geisterhaften Boten, die ihren Einsatz in der Welt auf tragische Weise verpasst haben, sondern vor allem zu geistig aufgeladenen Räumen: Sie sind existenzialistische Angebote für eine Rückkehr zur psychischen und körperlichen Authentizität, wie sie in der modernen Gesellschaft kaum mehr gelebt werden kann. Gleichzeitig fordern sie zur intensiven, hochkonzentrierten Kommunikation mit sich selbst oder einem Gegenüber auf. Im Alltag einer technokratischen Zivilisation – heute mehr denn je – spielt jedoch gerade das oft keine Rolle mehr. Dass der als Meir Eshel geborene Absalon nicht nur unheilbar krank und traumatisiert vom Krieg zwischen dem Libanon und seiner Heimat Israel (die er verließ, um in Paris zu leben), sondern auch leidenschaftlicher Nietzsche-Leser war, mag Grund seiner elementaren Haltung sein.
Der Weg zu den Cellules wird in den anderen drei Stockwerken der Kunst-Werke auf anschauliche Weise nachvollziehbar. In Skizzen und Modellen aus Styropor, Gips und Karton sind Kugel, Quadrat und Rechteck so zusammengesetzt, dass stets eine ausgewogene Komposition entsteht. Und auch Videos wie Bataille (1993), in dem der Künstler um sich selbst rotierend wild um sich schlägt und Bruits (1993), in dem er rhythmisch aufschreit, reduzieren das menschliche Empfinden und Handeln aufs Einfachste. Dennoch hat die abstrakte Hermetik, die sich bis auf die ebenfalls ausgestellte, kleine, aus den Arbeiten herausstechende Sisyphosfigur durch Absalons Werk zieht, nie etwas Beklemmendes. Im Gegenteil: Der manische Wunsch nach einer Gegenwelt, in der sich der Mensch auf das Wesentliche beschränkt, äußert sich in den Skulpturen auf eine fast schon naive Weise. Die bewusst handgemachte unsaubere, ja anti-industrielle Ästhetik, durchweg überzogen von Schichten weißer Dispersionsfarbe, vermittelt das Gegenteil von kalter, architektonischer Funktionalität oder konzeptuell hergeleiteten Designzitaten.
Selbst Absalons kleinere Objekte, im Dachgeschoss der KW bauklotzartig am Boden arrangiert, strahlen eine kontemplative Ruhe aus, die sein Werk eher im Bereich der Arte Povera verorten. Genau dieses asketisch-sinnliche Erscheinungsbild rückt Absalons Sozialutopien in weite Ferne jedes politischen Aktionismus und jeder professoralen Dogmatik, mit der heute so viele eifrige Künstler den Drang nach gesellschaftlicher Veränderung formulieren. Vielmehr ist Absalon einer, der in keine Sparte passt, ein sogenannter „artist-artist“ etwa für Künstler wie Gregor Schneider, der mit seinen Schachtelräumen des Haus u r den abgeriegelten Raum der Kunst nicht verlassen hat. Und so ist es im Nachhinein wohl ein Glück, dass es für Absalons Cellules keinen Weg mehr nach draußen gab. Sie in den Kunstwerken nun selber zu betreten, sollte man nicht versäumen.