18. November 2005
Dass nicht nur in Pekings zu großen Teilen bereits zerstörten Altstadtvierteln von heute auf morgen das gefürchtete Kreidezeichen „Chai“ zum Abriss an der Türe stehen kann, müssen in diesen Minuten zahlreiche auch international anerkannte chinesische Künstler schmerzlich erfahren. Die Vorgänge, die die Pekinger Kunstwelt zurzeit erschüttern sind ungeheuerlich. In einem Anfall aggressiver Machtausübung hat die Stadt begonnen, das Künstlerviertel Suo Jia Cun abzureißen. Das Suo-Jia-Cun-Viertel zeichnet sich dadurch aus, dass es leicht abseits der tosenden Millionenstadt Peking in beinahe dörflichem Umfeld ein Zusammenleben von Kunstschaffenden, Kunsttheoretikern und deren Familien ermöglichte, das seinesgleichen in Peking sucht.
Doch zunächst die Vorgeschichte: Im Mai dieses Jahres hatte man den Großgrundbesitzer und Vermieter des Distrikts davon in Kenntnis gesetzt, dass die erst 2004 fertig gestellten Bauten auf dem Grundstück illegal errichtet worden seien und abgerissen werden müssten. Zwar lägen Genehmigungen für die Bebauung des Geländes am Rande Pekings vor, diese seien jedoch angeblich nicht vom zuständigen Beamten ausgestellt worden. In einem auf diese erste Warnung folgenden Papierkrieg mit den Behörden war die Rede von einer Schonfrist von mindestens einem Jahr. Dennoch waren die Einwohner des Viertels am vergangenen Montag, den 14. November, kurzfristig darüber informiert worden, dass ihre Häuser am nächsten Tag abgerissen würden.
Tatsächlich rückten dienstags um acht Uhr Polizeikommandos, mehrere Abrissbagger, LKW und ein Notarzt an und begannen unverzüglich mit der Demontage des Viertels. Bis zur Mittagszeit hatte man bereits einen kompletten Straßenzug der Künstlersiedlung dem Erdboden gleich gemacht. Die 100 Künstlerateliers, die meist Studio und Wohnbereich kombinierten, beheimaten 126 Künstler und ihre Familien, deren Zukunft nun mehr als ungewiss ist.
Viele der führenden chinesischen zeitgenössischen Künstler, aber auch westliche Kunstschaffende, Kuratoren und Kunstprofessoren haben oder hatten ihren Wohnsitz in Suo Jia Cun, das auch „Beijing International Art Camp“ genannt wird. Seit kurzem siedelten sich dort auch Galerien für zeitgenössische Kunst an. Den bisher verschont gebliebenen Bewohnern räumt man nach den dramatischen gestrigen Szenen und den zum Teil verzweifelten Reaktionen der Betroffenen zehn Tage ein, um ihr Hab und Gut aus Suo Jia Cun wegzuschaffen. Augenzeugenberichten zufolge sind die Zufahrten zu den Häusern immer noch gesperrt. Den Bewohnern ist der Zugang zur Räumung ihrer Häuser und Ateliers mit jeweils vier Hilfspersonen gestattet.
Weitere Informationen erhallten Sie über:
Laetitia Gauden, Imagine Gallery Beijing
Brian Wallace, Red Gate Gallery Beijing