Abgrund der Bilder

Michael Mayer
24. Februar 2006
Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Übersetzung von Emanuel Alloa.
Diaphanes-Verlag Zürich, Berlin 2006. 171 Seiten. 19,90 Euro

Es käme wohl einem akademischen Suizid gleich, wollte man heute noch die strikte Konvertibilität von Bild und Text behaupten. Die Hegelsche Umrechnungsformel, das Bild sei das An-sich des Begriffs, der Begriff das Für sich des Bildes, hat ihre Gültigkeit verloren. Damit hat sich nicht nur die Höherwertigkeit des Begriffs erledigt, sondern auch die restlose Übertragbarkeit des gleichzeitig gegebenen polymorphen Bildsinns in die Linearität und Sukzessivität des Aussagesinns. Figurative Ordnung (Bild) und diskursive Ordnung (Aussage) gelten als zwei Bereiche, die zuweilen Welten trennen. Und doch bleibt der Verdacht, dass die 1:1-Konversion – ihrem schlechten Leumund zum Trotz – als kulturelle, als gesellschaftliche und zumal mediale Praxis klammheimlich noch immer in Kraft ist.

Ein Blick in den alltäglichen wie publizistisch ausgewiesenen Umgang mit Bildern legt ihn nahe, an Indizien mangelt es nicht. Das schlechte Kino, die schlechten Fotografien, die schlechten Bilder leben ebenso davon wie die aufreizende Dummheit von Kommentatoren, die Bilder als Vorformen ihrer Elaborate feilbieten. Der anhaltende Erfolg dieser Praktiken könnte vielleicht auch damit etwas zu tun haben, dass die Wissenschaften der Bilder, Kunstgeschichte, Bildgeschichte und Bildwissenschaft bislang ein überzeugendes Alternativmodell schuldig geblieben sind.

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy arbeitet indes seit längerem daran – an der Verhältnisbestimmung beider Sphären, die weder zur Deckung gebracht noch separiert werden können. Als „distinktes Oszillieren“ beschreibt er ihre Beziehung in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Am Grund der Bilder. Es versammelt sechs jüngere Beiträge zu einer Theorie, vielleicht besser einer Reflexion des Bildes, der mehrfach gebrochenen Korrelation zwischen Text und Bild, die – wie Nancy an einer Stelle anmerkt – einander ein „Wunder“ seien.

„Weil sie einander derart fremd sind und weil sie sich im andern zugleich unterscheiden. Jeder erkennt im Grunde im anderen [...] einen Zug, einen vagen Umriss seiner selbst. Jeder zieht den anderen zu sich oder sich zum anderen hin. Beide sind stets gespannt.“ Der unbedarfte Leser sei gewarnt: Nancy zu lesen ist nicht einfach. Wer es dennoch wagt, wer den Mut zur langsamen, langatmigen Lektüre aufbringt, bleibt nicht ohne Lohn.


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