15. Oktober 2010
Christie‘s London hat am 14. Oktober eine solide Zeitgenossen-Auktion abgeliefert. In seiner Banalität ist das schon wieder eine Meldung wert. Im Juni hatte man noch der wiedererwachten Gier (der eigenen und der der Einlieferer) nachgegeben und war dafür vom Markt abgestraft worden. Gestern Abend hingegen wurden sowohl bei den Zeitgenossen als auch bei der italienischen Kunst die nicht zu hoch gesetzten Erwartungen insgesamt erfüllt. Der Italian Sale sah zwar zehn von 45 Losen durchfallen, doch wurde der Rest für die Rekordsumme von 18.627.650 Britischen Pfund inklusive Aufgeld zugeschlagen – bei einer unteren Schätzung von 14,3 Millionen Britischen Pfund (ohne Aufgeld). Damit brachten die Italiener fast so viel Geld zusammen wie die internationale Kunst. Zugpferd war die Bronze Cavaliere von Marino Marini. Sie wurde marktfrisch aus schwedischem Gewerkschaftsbesitz auf 1,2 bis 1,8 Millionen Britische Pfund geschätzt und brachte das Rekordgebot von 3,95 Millionen Britischen Pfund durch einen Telefonbieter, der sich gegen ein weiteres Telefon und zwei Saalbieter durchsetzte. Weitere spektakuläre Ergebnisse waren aus dieser Sektion nicht zu vermelden.
Etwas anders war es bei Post War & Contemporary Art. Hier wechselten 86 Prozent der angebotenen Werke für insgesamt 19.585.400 Britische Pfund inklusive Aufgeld den Besitzer (untere Schätzpreissumme 15.970.000 GBP ohne Aufgeld). Bei der trendsensibleren Ware stachen zwei Ergebnisse heraus. Für die größte Überraschung sorgte die Händlerin Daniella Luxembourg, die für Takashi Murakamis Skulpturenpaar Kaikai Kiki mit 1,3 Millionen Britischen Pfund ohne Aufgeld mehr als das Doppelte der oberen Taxe zahlte. Damien Hirst hingegen erwies sich nicht ganz unerwartet als Discountware. Sein fünf Meter breites Schmetterlingsbild I am Become Death, Shatterer of Worlds brachte statt erwarteter 2,5 bis 3,5 Millionen Britischer Pfund lediglich 1,9 Millionen, wohl von einem amerikanischen Bieter. Kurz nach dem Zuschlag verließ Hirsts Galerist Larry Gagosian mit nicht zu deutender Miene den Saal. Viel Grund zur Freude dürfte er nicht gehabt haben – vor drei Jahren hatte ein vergleichbares Werk noch mehr als das Doppelte eingebracht. Ein hartes Los traf auch eine Skulptur der zusehends verblassenden Stars Jake und Dinos Chapman. Die Kinder-Deformation DNA Zygotic aus dem Jahr 1997 war mit 40.000 bis 60.000 Britischen Pfund ohnehin schon als Schnäppchen ausgepreist und konnte dennoch nur ein müdes Gebot in Höhe von 35.000 Britischen Pfund netto auslösen.
Ein Jahr zuvor war mit beiden Sales zusammen ein Gesamtergebnis von rund 17 Millionen Britischen Pfund erzielt worden, also weniger als die Hälfte. Das aktuelle Resultat ist ein gutes Zeichen. Einige Sammler und Händler werden allerdings spätestens jetzt den Wert ihres Lagerbestands anpassen müssen. Mancher mag es bedauern, aber auch das ist eine gute Nachricht: Der Teil des Kunstbetriebs, der allein dem Star-Kult anhängt und saisonalen Moden folgt, reagiert launisch auf Krisen. Was gestern prunkvoll auf den Messen herumgereicht wurde, erlebt zum Teil bereits eine Wertberichtigung. Dieser oder jener Sammler könnte sich nun daran erinnern, dass es die Kunstgeschichte schon länger als ein paar Jahre gibt.