10. September 2008
„Alles ist sehr temporär. Man muss gucken, was bleibt.“ Diese vorsichtigen Worte von
Paola Coppola, der Geschäftsführerin des
Celeste Kunstpreises, beschreiben am besten die Stimmung nach der Sonderschau von 47 Berliner Galerien am Wochenende. Der Hype um den clever vermarkteten Zwitter zwischen Ausstellung und Messe war riesig – nicht zuletzt, weil er als spektakuläres Schaufenster für die Künstler der Stadt die Eröffnung der Temporären Berliner Kunsthalle vorwegnahm, die für Ende Oktober erwartet wird. Nachdem der Rummel in den beiden ehemaligen Postbahnhofshallen am Gleisdreieck verflogen ist und die Zusatz-Vernissagen in den Galerieräumen vorüber sind, herrscht jedoch eher Katerstimmung: Die internationalen Sammler blieben aus, die Kauflust hielt sich in Grenzen.
Schon bei der Eröffnung der abc art berlin contemporary am Donnerstagabend war sichtbar, dass die Gelegenheit eher von deutscher Szene-Prominenz genutzt wurde. Der Chef des Frankfurter Schirn-Städel-Museumstrusts, Max Hollein, drängte sich ebenso durch die Menge wie Matthias Mühling vom Münchner Lenbachhaus, Yilmaz Dziewior vom Hamburger Kunstverein und Karen Lohmann, die Gattin des Sammlers Christian Boros. Das Empfangspersonal war so gut geschult, dass es die Leiterin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers, erst einmal abwimmelte, weil man ihren Namen nicht auf der Liste fand. Klaus Biesenbach vom New Yorker P.S.1. und der italienische Starfotograf Mario Testino sorgten immerhin für etwas internationalen Glamour.
Dagegen war von amerikanischen Sammlern, die eher als Abnehmer von großformatigen Arbeiten gelten, wenig zu sehen oder zu hören. „Für die Amerikaner war es zu früh“, vermutet die Galeristin Isabella Bortolozzi. Tatsächlich lag der abc-Termin für viele noch in der Ferienzeit und die Logik der Organisatoren, weit vor der Londoner Frieze Art Fair und dem auf Ende November verschobenen Berliner Art Forum ein Markenzeichen zu setzen, erwies sich als Bumerang. Die pro Künstler investierten 4000 Euro haben sich für manchen Galeristen deshalb nicht gelohnt. Die Johnen Galerie etwa hat Olaf Holzapfels riesige, geschickt aus Pappe geschachtelte und gewellte Wände nicht verkauft. Isabella Bortolozzi vermeldet immerhin die Reservierung der von ihr präsentierten Videoarbeit von Stephen G. Rhodes.
Funktioniert hat nach Angaben der Galeristen immerhin der Rücklauf des Publikums von den Ausstellungshallen in ihre eigenen, über die Stadt verstreuten Räume. Tatsächlich konnte man bei den Vernissagen am Freitagabend schon von Weitem die Menschentrauben erkennen, zumal bei Performances wie der von Michele Di Menna bei Kamm. Auch am Samstag sah man Paare und Grüppchen nach sorgfältig markierten Kunstrouten durch Kreuzberg, Schöneberg und Mitte streben. Allerdings stand man mehr als einmal vor verschlossenen Türen und war auf Mutmaßungen über das Galerieangebot angewiesen.
So blieb das Verhältnis von Erwartung und Ergebnis also in jeder Hinsicht in der Schwebe. Zeigten deshalb so viele Arbeiten eine Vorliebe für das Thema Vorhang? Isa Melsheimer (Galerie Barbara Wien) und Tom Burr (Galerie Neu) inszenierten direkt mächtige Draperien. Bei vielen anderen nahm die Funktion der temporären, aus Textil oder vergleichbar zarten Materialien gefertigten Raumteiler eine wichtige Funktion ein. Ein Zelt aus zusammengenähten Altkleidern von Yin Xinhuen (Alexander Ochs Galleries) barg eine melancholische Nähstube, Lara Favaretto (Galerie Klosterfelde) ließ Zeltplanen um einen verheißungsvoll glänzenden Kern flattern. Heidi Buchers klassische Arbeit Tür zum Borg von 1975 (Galerie Giti Nourbakhsch) aus festem, dennoch flexiblem, mit Perlmutt bestrichenem Latex wirkte wie eine geöffnete, mitten in der Luft schwebende Wand. Auch in den Galerien setzte sich die Lust an Vorhängen und Kostümen fort, darunter – wiederum bei Nourbakhsch – in Susanne Bürners Videoarbeit Embodied Truth und in der Installation der Modestudenten Mads Dinesen, Janosch Mallwitz und Lisa Runde in der Bourouina Gallery.
Ein Vorhang inszeniert das hinter oder in ihm Verborgene theatralisch und weckt das Begehren danach. Er verspricht die Passage in neue Räume, die intensiver und reicher sind, die prachtvolle Entdeckungen und Geschenke bergen. Umso größer kann die Enttäuschung ausfallen. So war es auch bei abc. Als der Vorhang endlich gelüftet wurde, fand man vor allem das Übliche und Bekannte wieder. Hatte hier also einfach das richtige Format die weit zu beliebigen Inhalte?