Sabine B. Vogel
23. Mai 2006
Die Havanna Biennale gilt als wichtigste Plattform lateinamerikanischer Kunst, findet trotz der Bezeichnung Biennale meist im dreijährigen Rhythmus statt und wird seit den Verhaftungen und Erschießungen Oppositioneller während der letzten Ausstellung 2003 von westlichen Förderinstitutionen gemieden. In diesem Jahr fand sie vom 27. März bis zum 27. April statt, 97 Künstlerinnen und Künstler aus 47 Ländern stellten aus – darunter allerdings kaum ein US-Bürger, denn ihnen ist die Einreise strikt verboten, lediglich für „humanitäre Besuche“ wird ein Visum bewilligt.
17 Ausstellungsorte, dazu fast 50 „kollaterale Projekte“, die sich über die gesamte Stadt bis in die Vororte verteilen – so wollte uns die 9. Havanna Biennale ihr diesjähriges Thema „Dynamics of Urban Culture“ offenbar nicht nur zur Anschauung bringen, sondern auch spüren lassen. Im „Wilfredo Lam Centrum“ in Havannas Altstadt – und nur hier – lag eine Biennale-Zeitschrift aus, in spanischer Sprache, darin ein kleiner, schematischer Plan mit nichts als einer angedeuteten Küstenlinie, Zahlenkreisen und den Namen der Ausstellungsorte, nicht immer mit Adresse. Da es weder den flinken Fahrradtaxen erlaubt ist, westliche Touristen zu kutschieren, noch ortskundige Kubaner uns durch die Straßen führen dürfen, wurde die Biennale zur urbanen Herausforderung.
Der zentrale Ausstellungsort aber war schnell gefunden: Unübersehbar thront das Fort an der Küste. Unerwarteterweise öffnete es erst nachmittags die Tore, präsentierte dann aber Raum an Raum an Raum voll mit Installationen, Skulpturen und vor allem Fotografie. Es dominiert die Dokumentation urbaner Ansichten: in dramatischem Schwarz-Weiß von Akindobe Akinbiyi aus Nigeria, als rasend-schnelle Kamerafahrt von Rivka Rinn aus Israel, das dichte Häusermeer von Dimitris Tsoublekas aus Athen, die geisterhaften Metropolen-Ansichten des in Mexiko geborenen, in den USA lebenden Sze Tsung Leong oder der suggestive Gestern-Heute-Vergleich von Carlos German Rojas aus Venezuela.
So schlenderte man im Fort einmal quer durch Südamerika, vorbei an den von Raquel Schwartz fotografierten Straßen, Häusern und Menschen in Bolivien, Andrea Pirandas Peru oder Roberto Stephensons Haiti. Zu den beeindruckendsten Fotografien gehörten Richard Holders Momentaufnahmen, die vom Alkohol zerstörte Menschen im Dunkel der Nacht zeigen. Diese großformatigen, intensiven Werke waren Teil der komplexen Installation North Front Street Project, einer Koproduktion von Santiago Cal, Yasser Musa und Richard Holder, die ihre mittelamerikanische Heimatstadt Belize City zum Thema nahmen. Als eines der ganz wenigen leistete sich das Projekt den Luxus eines kleinen Extra-Prospekts mit englischsprachiger Erläuterungen, die von der Situation und den Problemen in Belize City sprechen.
Meistens allerdings erschöpften sich die auf der Biennale gezeigten Fotografien im stimmungsvollen Ablichten von mal mehr, mal weniger exotischen Wirklichkeiten. Das erzeugte ab einem gewissen Punkt einen folkloristischen Grundtenor, den Skulpturen wie Giuliano Montijios (Brasilien) durchaus faszinierende Pinball-Maschinen aus Wäscheklammern und Plastikflaschen oder die zwölf stinkenden Mülltonnen mit rostigem Sprungturm dahinter von Franklin Alvarez (Kuba) noch verstärkten. Oder ist das ein von Vorurteilen geprägter Blick? Eines der „kollateralen Projekte“ bestand aus Mengen von alten Kühlschränken, die von lokalen Künstlern in Skulpturen verwandelt wurden und im historischen Convento de Santa Clara in Havannas Altstadt ausgestellt waren. Erstaunliche Ideen: der Kühlschrank als Sarg, als Grabstein, als Bücherregal, vom Staatskünstler Kcho mit Rudern bespickt. Folklore oder einfach ein uns ungewohntes, unbekümmertes künstlerisches Selbstverständnis?
Zweiter Hauptort war ein Seitentrakt des Convento San Francicsco de Asis aus dem 18. Jahrhundert. Anne und Patrick Poirier (Frankreich) zeigten hier im historischen Ambiente des „Salon Blanco“ ihre beeindruckende Installation Planeta Blanco, eine schwebend und transparent wirkende Landschaft aus sandartigem Zucker mit futuristischer Architektur. Ganz anders sah Antoni Miraldas (Spanien) Ortsbezug in seiner Installation Taste and Tongue aus. Fotografien zeigten typische Speisen aus fünf Städten, an den Wänden luden Kreide und Tafel jeden Besucher zum Kommentar ein und lokale Künstler waren aufgefordert, Teller zu gestalten, die, auf dem Boden aufgereiht wie auf dem Flohmarkt, bestaunt werden konnte. Miralda wird dieses Projekt auf der Biennale in São Paulo im Herbst fortsetzen – insgesamt sollen es fünfzehn Städte werden.
In den Nebenräumen fand vor allem die Malerei ihren Platz. James Rauchmans Aquarelle von kubanischen Menschen oder Luies E. Camejos (Kuba) großformatige, düstere Kohlezeichnungen von Bahnhöfen. Die merkwürdig traumhaften Alltagsszenen Camejos gehörten zu den bemerkenswertesten Beiträgen. Wir begegneten ihnen auch in einer der Außenstellen, einem quirligen kleinen Bahnhof. Dort waren die Werke komplett unkommentiert – und ungesichert – platziert. Absurd wurde die Reise von Ort zu Ort dann im Fischerdorf Jaimanitas, das mit riesigen Mosaiken zwischen Hundertwasser und Maria Gugging zu locken versuchte. Der Vorort Alamar präsentierte das Nachbarschaftsprojekt „Skulpturen aus Schrott“ – warum müssen solche Situationen Teil einer Biennale werden? Auf der Fahrt dorthin suchte man auf dem schematischen Stadtplan vergeblich die 138 schwarzen Fahnen mit Stern in der Mitte, die dramatisch an der Promenade im Wind wehten. Kein Wunder, denn es war kein Biennale-Beitrag. Es ist Fidel Castros Kommentar zur US-Politik. Er ließ die Installation direkt vor der US-amerikanischen Botschaft aufstellen.
Derartig politisch, dezidiert und drastisch war kein einziger Beitrag der Biennale. Im Gegenteil – gerade die fröhlich-bunte Harmlosigkeit vieler Beiträge ließ ja den folkloristischen Eindruck aufkommen, auch wenn das im Detail dann doch nicht immer stimmte. So waren kleine Retrospektiven von Carlos Saura (Spanien) und von Spencer Tunick (USA) dabei; in der „Fototeca de Cuba“ lief Shirin Neshats Video jener nackten Frau, die sich blutig schrubbt; riesige Kleiderhaufen von Mario Duchesneau (Canada) markierten den Kubanischen Pavillon als Ausstellungsort und im Nebenraum einer Bibliothek fanden sich die Fotografien verschiedenster Schilder, Graffitis oder Plakate, die beinahe allesamt Verbote zeigen. Trauben von Menschen wandelten dazwischen und laesen konzentriert diese Ergebnisse urbaner Forschungen der argentinischen Künstlergruppe Proyecto Cartele. Die 9. Biennale Havanna thematisierte „Urbanität“ vor allem als visuelles Phänomen; als Selbstvergewisserung einer Wirklichkeit, die enorm im Wandel ist. Fragen, wo eigentlich das Zentrum und wo die Peripherie ist, wo die Folklore beginnt und wo sie endet, wurden dabei jedoch nicht beantwortet.