7x2, Haus des Kindes, Berlin

Vernetzte Nabelschau

Dominikus Müller
6. Mai 2009
Das also war das junge, hippe Berlin. Weniger etabliert als die Veranstaltungen zum Gallery Weekend, entspannter, lässiger. Jünger das Publikum wie auch die Akteure. Es war eben nicht das Gala-Dinner im modernistischen Glaspalast der Neuen Nationalgalerie, sondern eher die Bratwurst auf der Straße. Und statt sich mit dem Limousinenservice von Galerie zu Galerie chauffieren zu lassen, kam man hier mit dem Fahrrad. Vom Trubel ums Gallery Weekend hatte man profitieren wollen, und so war im Vorfeld kurzerhand das eintägige Ausstellungsevent „7x2“ kreiert worden. Das Prinzip war denkbar einfach. Sieben Berliner Galerien laden sich jeweils eine Partnergalerie ein. Man schließt sich zusammen, bündelt die Kräfte und zieht an einem Strang. Und wie man das in globalisierten Zeiten so macht, geht man über die Stadtgrenzen hinaus: Die auswärtigen Gäste stammten aus – geografisch, nicht künstlerisch – so fernen Orten wie Montevideo oder Los Angeles.

Abheben wollte man sich vor allem vom Charakter des Gallery Weekends. Wenn auch dieses eine gemeinschaftliche Anstrengung ist, kämpft dort letztlich jeder für sich. Bei „7x2“ stand der Netzwerkgedanke im Vordergrund. So fand hier der erste gemeinsame und gemeinsam beworbene Auftritt einer Gruppe junger Galerien statt, die sich als nächste Generation positionieren wollen. Mit Bedacht gewählt auch der Ausstellungsort, das „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz, einer der neuen Hot Spots in der Berliner Kunsttopographie. Der Showroom der Sammlung Haubrok ist im gleichen Gebäude, einige Protagonisten der Berliner Kunstszene wohnen hier. Ben Kaufmann, einer der Mitinitiatoren des Projekts, hat seine Räume am Platz ebenso wie Stephan Adamski. Und zum Galerie-Pavillon von Capitain Petzel sind es auch nur wenige Meter. Vor allem aber wollte man bei „7x2“ wohl von der architektonischen Imposanz zehren. Und hatte letztlich auch darunter zu leiden. Denn das Gebäude, 1954 von einem Kollektiv rund um Herman Henselmann geplant und gebaut, um gemeinsam mit seinem Pendant, dem „Haus Berlin“, als stadtplanerisches Eingangstor zur heute denkmalgeschützten, einstigen Prachtmagistrale Ost-Berlins zu fungieren, ist vor allem ein Wohnhaus. Und damit eigentlich nicht dafür gemacht, Kunst zu zeigen. Besonders, wenn man nicht in den Wohnungen, sondern in den Fluren ausstellt. Die könnte man hier zwar durchaus als abgeschlossene Kabinette bezeichnen, aber dennoch: Für die adäquate Präsentation von Kunst sind die Decken zu niedrig, das Licht zu schlecht, die Architektur zu mächtig und der Denkmalschutz zu streng – nicht einen Nagel durfte man in die Wand treiben.

Dabei gab es ganz unterschiedliche Modelle, wie die einzelnen Galerien das Prinzip der gemeinsamen Präsentation und Kollaboration umsetzten. Der dritte Stock etwa wurde von der Galerie Ben Kaufmann mit Arbeiten von Robert Orchardson und Ben Cottrell auf ganzer Länge bespielt. Die Partnergalerie Tres Cruces aus Montevideo hatte sich eine kleine Nische am Aufzug ausgesucht, um die mitgebrachte Videoarbeit zu zeigen. Sommer & Kohl dagegen stellten gemeinsam mit Francesca Minini Arbeiten jener zwei Künstler aus, die im Programm beider Galerien vertreten sind: Deborah Ligorio und Riccardo Previdi. Previdis mit schwarz-weiß gestreiften Dreiecken behängtes Stahlgerüst diente dabei zugleich als Projektionsfläche für Ligorios kleine Videostudie. Manche Künstler nahmen das Prinzip der Ortsspezifität zum Anlass, um mit der ungewohnten Ausstellungssituation zurechtzukommen und sich zumindest ein wenig Freiraum zu erspielen: etwa Jason Dodge auf dem Stockwerk von Lüttgenmeijer und Vessies de Lonny, der zwei Skulpturen recht Platz einnehmend und als Stolperfallen im Transitraum des Flurs präsentierte. Eine verwendete Türgriffe als Material, während die andere auf der rundlichen Pappverpackung eines Warmwassertanks basierte, die wie eine Sperre quer in den Raum gelegt wurde. Den wohl reduziertesten Auftritt boten Croy Nielsen – übrigens ebenso wie Ben Kaufmann auch am Gallery Weekend beteiligt – mit der litauischen Galerie Tulips & Roses. Hier hatte Thomas Kratz ein nur leicht modifiziertes altes Rennrad im Flur geparkt. Es hätte auch von einem der Hausbewohner stammen können. Etwas enttäuschend dagegen der Beitrag von White Columns, die von Tanya Leighton eingeladen wurden: Hier herrschte mit einer Edition von Trisha Donelly die pure Einfallslosigkeit. Dabei kann die 1970 gegründete New Yorker Off-Institution auf eine lange Geschichte zurückblicken – im Gegensatz zu vielen an „7x2“ beteiligten Galerien. Vessies de Lonny haben beispielsweise gerade einmal drei Ausstellungen zu verzeichnen. Insgesamt also war hier alles eher jung, trendy und trotzdem schon ziemlich professionell, die Kunst oft slick und glatt, in der Hauptsache konzeptuell, mal besser, mal schlechter.

Aber die Kunst geriet ohnehin zur Nebensache. In den stickigen, engen, überfüllten und unübersichtlichen Henselmann-Kabinetten konnte man sie sowieso nur schwer sehen – geschweige, kontemplativ genießen. Hier stand etwas anderes im Vordergrund. Wo das Gallery Weekend auf den Standortfaktor Berlin baut, zählt bei „7x2“ das Prinzip Networking. Was ausgestellt wird, ist da nicht so wichtig, es liefert eher den Anlass, den sozialen Zusammenhang, die Vernetzung jener jungen und durchweg ehrgeizigen Galerien selbst zu präsentieren. Nicht umsonst sind auf den ausgegebenen Flyern und der Homepage nicht einmal die Künstler genannt, sondern nur die kooperierenden Galerien. Und die zeigten sich gemeinsam beim Kunstzeigen – und empfehlen sich so mit vereinter Kraft für die nächste Runde im Kunstmarkt. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie. Vor allem in diesen Zeiten.

„7x2“, mit den Galerietandems Croy Nielsen und Tulips & Roses, Galerie Ben Kaufmann und Tres Cruces, Galerie Sandra Bürgel und Boltelang, Lüttgenmeijer und Vessies de Lonny, PSM und Katharina Bittel, Sommer & Kohl und Francesca Minini, Tanya Leighton und White Columns. Am 3. Mai 2009 im Haus des Kindes, Berlin


Gallery Weekend Berlin 2009 von Nick Ash
Statt Pathos und Ehrfurcht verbreitete die Neue Nationalgalerie Strandbar-Atmosphäre. Das Gallery Weekend Berlin wollte den Kunst-Clan zur Entspannung verführen.

Gallery Weekend Berlin 2009 von Nick Ash
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