18. Juli 2007
Die seit dem Jahr 2003 am Kunsthistorischen Institut (KHI) der Freien Universität Berlin verankerte Forschungsstelle „Entartete Kunst“ verdankt sich dem Engagement privater Stiftungen. Während die in Düsseldorf ansässige Gerda Henkel Stiftung seit 2005 eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle finanziert, trägt die Ferdinand-Möller-Stiftung als Motor und Mitinitiator die restlichen Verbindlichkeiten. Bereits seit 2004 gibt es eine enge Kooperation mit dem Kunsthistorischen Seminar der Universität Hamburg, wo Prof.
Uwe Fleckner diesen Schwerpunkt leitet, für den er sich seit Jahren engagiert.
Am 14. Juli erinnerte ein öffentliches Kolloquium am KHI der FU an den 70. Jahrestag des beispiellosen Bildersturms der Nationalsozialisten, die mit ihrer Propagandaschau „Entartete Kunst“ auf unvergleichliche Weise zumeist moderne Kunst diffamierten, beschlagnahmten und zerstörten. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde am 19. Juli 1937 in den Münchner Hofgarten-Arkaden eröffnet und zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen. Bis April 1941 wanderte sie in zwölf weitere Städte. Zu den bekannten verfemten Künstlern zählten Beckmann, Chagall, Dix, Heckel, Kirchner, Nolde, Schlemmer und viele andere. Außer dem juristischen Unrecht, das Tausenden von Werken und zahllosen Individuen zugefügt wurde, führte diese Aktion zu bis heute andauernden Verwirrungen. Mehr Licht in das Dunkel zu bringen und beispielsweise Provenienzen von Kunstwerken sauber zu erforschen, gehört zum Auftrag der Forschungsstelle „Entartete Kunst“.
Dass sich die Ferdinand-Möller-Stiftung in diesem Bereich engagiert, ist nur konsequent, war doch ihr Namensgeber, Ferdinand Möller (1882-1956), einer jener unerschrocken-engagierten Kunsthändler, die sich andauernd für seine mehrheitlich expressionistischen Künstler einsetzte, aber auch mit den Nationalsozialisten kooperierte – ein delikater Balanceakt. Der Vorstand der Stiftung, Wolfgang Wittrock, als einer der wichtigen internationalen Kunsthändler bekannt, war auch in diesem Projekt weise genug, sich im stillen für die Sache der Kunst zu engagieren, wo andere auf Glamour und Rampenlicht schielen.
Frau Dr. Meike Hoffmann, Mitarbeiterin in der Forschungsstelle an der FU, ist rückblickend besonders glücklich, dass auf dem Kolloquium neben den diversen Magisterarbeiten, aus denen deren Verfasser Zusammenfassungen vortrugen, Anja Tiedemann Einblick in ihr Promotionsvorhaben gewährte, welches in Bezug auf die Buchholtz Gallery Curt Valentin in New York ganz neue Lichter auf den Kunsthandel zu werfen verspricht. Aufgrund der immer noch brandaktuellen Restitutionsdebatten, bei denen es ja zunehmend um finanzielle Interessen zu gehen scheint, wird man natürlich gespannt sein dürfen, was das Archivstudium in New York an neuen Informationen bereit hält.
Zum Kern der Tätigkeit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ gehört das Studium der Methoden nationalsozialistischer Kunstpolitik ebenso wie die Publikation eines Gesamtverzeichnisses der 1937 in deutschen Museen beschlagnahmten Werke entarteter Kunst, das als digitale Datenbank ab 2008 im Internet zur Verfügung stehen soll. Die zahlreichen Rückgabeforderungen an deutsche Museen haben aber auch zur Erarbeitung eines Dossiers zur NS-Kunstpolitik geführt. Mittlerweile ist die Forschungsstelle zu einem Knotenpunkt geworden und versorgt Museen mit Kriterienkatalogen im Umgang mit Rückgabeforderungen.
Wolfgang Wittrock ist nicht nur mit der Beteiligung am Kolloquium zufrieden, sondern darüber hinaus zuversichtlich, dass diese Institution durch die beharrliche Politik der kleinen Schritte nach und nach mehr Sichtbarkeit und Gehör finden wird. Das Engagement der sehr zielorientierten Forschungsstelle, die Forschung und Lehre ermöglicht, soll am Ende den Museen dazu verhelfen, erneuten Zugang zu Kunstwerken zu erhalten, weswegen die wachsende Akzeptanz unter (Kultur)-Politikern besonders erfreulich sei.
Weitere Informationen zur Forschungsstelle „Entartete Kunst“