7. Shanghai Biennale „Translocalmotion“

Laue Kost

Andreas Schmid
16. September 2008
7. Shanghai Biennale 2008, Schanghai. Vom 8. September bis 16. November 2008

Für die Kunstinteressierten ist in Asien ein heißer Spätsommer angesagt, der geradezu olympische Anstrengungen verlangt: Mehrere Biennalen und Triennalen sind zugleich mit Parallelausstellungen und Kunstmessen zu sehen und provozieren einen regen Karawanenzug des globalen Kunstpublikums durch verschiedene Städte des Kontinents. Der Besucherstrom führt durch die Volksrepublik China, Taiwan, Korea und sogar Australien. Bei alledem erhebt sich die Frage nach dem generellen Sinn dieser Schwemme von Großereignissen. Die 7. Biennale in Shanghai findet sich dieses Jahr „eingeklemmt“ zwischen der Triennale in Guangzhou und zwei Kunstmessen in Schanghai, die nahezu zeitgleich eröffnet wurden. Das Kuratorentrio setzt sich, wie mittlerweile üblich, aus internationalen und lokalen Experten zusammen. In Schanghai sind das Zhang Qing, stellvertretender Direktor des Shanghai Art Museums, sowie zwei Westeuropäer: Julian Heynen, künstlerischer Direktor des K21 in Düsseldorf, und der holländische Philosoph und Professor für künstlerische Forschung in Utrecht, Henk Slager.

Als Thema der diesjährigen 7. Shanghai Biennale konstruierte man den Begriff „Translocalmotion“, um die Migrationsbewegungen und die Mobilität in der globalisierten Welt besonders herauszustellen. Die künstlerischen Arbeiten sind den drei Rubriken „Project“, „Keynote“ und „Context“ zugeordnet. Unter dem Stichwort „Project“ wurden 25 der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler gebeten, den nahe gelegenen Volkspark (People’s Square) als visuelle Metapher und Ausgangspunkt ihrer Arbeiten zu nehmen, was jedoch nur zum Teil umgesetzt wurde. Obwohl naheliegend, sind keinerlei künstlerische Ergebnisse direkt auf dem Platz oder in seiner unmittelbaren Nähe zu sehen. Hier wurde schon im Vorfeld von der chinesischen Regierung ein Riegel vorgeschoben und damit offen gelegt, wie eng die Grenzen für eine öffentliche Präsenz von  Gegenwartskunst in der chinesischen Gesellschaft gesteckt sind. Über die Freiheit der Kuratoren darf man daher spekulieren.

Die Arbeiten zum People’s Park befinden sich jetzt in unmittelbarer Nähe des Museumsgebäudes sowie im Erdgeschoss desselben. Unter dem Stichwort „Keynote“ räumte man im zweiten Stock den Künstlern Yue Minjun, Mike Kelley, Lonnie van Brummelen und Siebre van Hahn viel Platz ein; laut Pressemitteilung gehen sie in ihren künstlerischen Werken besonders reflektiert mit dem Thema der Mobilität um. Die 31 unter dem Stichwort „Context“ zusammengefassten Künstlerinnen und Künstler wurdenteilweise noch im zweiten, vorwiegend jedoch im dritten Stock sowie in den Aufgängen des Gebäudes platziert. Sie haben für ihre künstlerische Behandlung des Themas „Mobilität“ Ausgangspunkte ohne Bezug zu Schanghai gewählt.

Obwohl die Präsentation hohen technischen Standards genügt, ist das Gesamtergebnis enttäuschend. Das liegt besonders an der Auswahl der chinesischen Künstlerinnen und Künstler. Man gewinnt den Eindruck, dass die chinesische Seite des Kuratorenteams die Auswahl alleine und nach altbackenen Maßstäben getroffen hat – ohne den Dialog mit der westlichen Szene und ihren westlichen Ko-Kuratoren zu suchen. Ziel scheint gewesen zu sein, Positionen zu zeigen, die die Massen erfreuen und der Partei „keinen Ärger machen“. Alles das, was die chinesische Gegenwartskunst bekannt gemacht hat und wofür qualitätvolle chinesische Gegenwartskunst heute steht, wurde weitgehend ausgeblendet. Stattdessen erwarten die Besucher vor dem Haupteingang des Museums mehrere effektheischende Großskulpturen, die für eine internationale Biennale peinlich und ohne ausreichende künstlerische Qualität sind.

So durfte Jing Shijian, Professor für Malerei, eine seiner wenigen Installationen mit dem Titel Express Train gleich neben dem Eingang postieren. Es handelt sich dabei um eine alte Lokomotive mit Waggon. Zusammen mit einer künstlerisch sehr fragwürdigen Skulpturengruppe winkender Menschen soll sie an die Landverschickung von Intellektuellen während der Kulturrevolution als „Migranten“ erinnern. Der ausgestellte historische Eisenbahnwaggon erinnert allerdings sofort an die spannende und auch international sehr erfolgreiche Arbeit Staring into Amnesia des chinesischen Künstlers Qiu Anxiong aus dem letzten Jahr, die auf der Art Basel Furore machte. Was dort als archäologische Rettung verschütteter politischer Bilder beeindruckte, wirkt bei Jing Shijian fragwürdig und allzu nostalgisch, platt 1:1 umgesetzt. Auch die Ameisenskulpturen von Chen Zhiguang aus rostfreiem Stahl können – ebenso wie die bloß abgestellt wirkenden postmodernen Pferdeskulpturen von Yu Fan – weder inhaltlich noch künstlerisch den Mindestanforderungen an eine reflexive, ihrer eigenen Methoden bewusste Kunstproduktion genügen.

Den größten Missgriff allerdings stellt die herausgehobene Wahl von Yue Minjun als Hauptkünstler auf dem großen Flur im zweiten Obergeschoss dar. Die Ansammlung von Dinosaurieren mit grinsenden Köpfen auf einer so großen Fläche ist einer der künstlerisch peinlichsten Höhepunkte dieser Biennale und trägt maßgeblich zur negativen Beurteilung durch Künstler, Händler und Kuratoren aus China und dem Ausland bei, zumal die Arbeit auch die benachbarten Beiträge negativ beeinflusst. Hier wurde Verkaufserfolg mit künstlerischer Integrität verwechselt. Die banale Kofferansammlung von Wang Qingsong nicht weit davon ist kaum besser, die schwachen Textilbemalungen von Wang Qiang oder das Riesenbild von Ma Baozhong ebenfalls nicht. Die Malereien können vor allem inhaltlich nicht überzeugen – mögen die Künstler nun He Wenjue, Chen Yun oder Liu Yeheißen. Auch die oft bemühten Begründungen in den Erläuterungen können daran nichts ändern – im Gegenteil. Allenfalls Zhang Enli rettet hier noch den guten Ruf künstlerischer Qualität in der aktuellen chinesischen Szene. Tatsächlich wäre an wirklich spannenden Künstlern in China kein Mangel, die dem Thema Lebendigkeit und Qualität hätten geben können. So sind auf der benachbarten Messe Shanghai Contemporary und in den Parallelausstellungen der Stadt überzeugendere chinesische Positionen zu sehen als im Rahmen der Biennale. Wie gerne wäre man Arbeiten von Xu Zhen, Song Tao, Xu Tan, Yang Fudong oder Qiu Zhijie auch auf der Biennale begegnet.

Nur wenige Kunstwerke stellen eigenständige oder überraschende künstlerische Beiträge dar, etwa Jin Shis ½ Life, Zhou Taos Video 1,2,3,4 oder die Multimediainstallation Signale von Tang Maohong. Jin Shi rekonstruiert den Durchschnittsraum eines Wanderarbeiters in Schanghai im Maßstab 1:50. Zhou Tao nimmt die pseudomilitärischen Morgenexerzitien unterschiedlicher Bediensteter und Firmen rund um den People’s Square auf und montiert sie rhythmisch hintereinander. Dass dieses Video neben der Toilette im Erdgeschoss platziert ist, passt zu einer Veranstaltung, die ihren besten Raum an Gemeinplätze verschenkt. Ist die Auswahl der internationalen Teilnehmer zwar besser, wirken jedoch auch hier viele Arbeiten zu bemüht, zu uninspiriert. Es reicht nicht, ständig Altmeister wie Lawrence Weiner oder auch Thomas Ruff zu zeigen, wenn sie in neuem Umfeld nicht wirklich etwas zu sagen haben. Wie gerne hätte man die Methoden Thomas Hirschhorns auf chinesische Verhältnisse angewandt gesehen oder andere anregende künstlerische Ansätze zum Thema vorgefunden.

Wer es bis in den dritten Stock schafft, der bekommt immerhin zur bescheidenen Entschädigung noch einige bessere Arbeiten der internationalen Szene zu sehen, zum Beispiel die hervorragende Installation Kial vi ne skribas min pli (2008) der Holländerin Mieke Van De Voort. In subtilen Videoaufnahmen begibt sie sich mit den Briefen des holländischen Kommunisten Henk Sneevliet (chin.: Malin) aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts im Jahr 2008 mit dem Zug an die Orte seiner Beschreibungen und teilt ihre Gedanken inklusive einiger Zitate in Esperanto an eine chinesische Freundin mit. Manche der damaligen Beobachtungen haben noch immer Gültigkeit. Auch die Arbeiten von Guy Ben-Ner, der Otolith-Gruppe, Harun Farocki oder Clemens von Wedemeyer (Otjesd) verdienen Aufmerksamkeit. Ulrike Öttingers Filmklassiker Exil Shanghai, im Zwischengeschoss neben einer Dokumentation über die Entwicklung des People’s Square situiert, spricht ebenfalls für sich.Siehätte jedoch mehr Platz gebrauchen können. Rainer Ganahl befuhr mit dem Fahrrad eine der längsten Brücken Chinas bei Hangzhou und drehte über diesen Übergang sein Video. Er wurde angehalten und gezwungen, sein mitgebrachtes amerikanisches Fahrrad gegen ein chinesisches auszuwechseln, um weiterfahren zu können. Tiong Angs Installation bringt mit dem ironischen Satz „Kauft afrikanische Waren“ einen interessanten Klang in den politischen Gesamtzusammenhang der Neukolonialmacht China. Dennoch kann die Biennale trotz einzelner guter Positionen nicht überzeugen. Es gibt zu viele mittelmäßige Arbeiten und zu wenig unterschiedliche Ansätze. Es fehlt die experimentelle Frische, die – bei allem Chaos – auf der Triennale in Guangzhou spürbar ist.


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